Die zwei Zürichs

Die Stadt am gleichnamigen See hat zwei Gesichter: das funkelnd-schöne, gemütliche und das szenig-künstlerische. Zusammen bieten sie höchste Lebensqualität.
Wer eine Stadt richtig kennen lernen will, der gehe dorthin, wo das wahre Leben spielt. So offenbart sich Zürichs Innerstes im Polizeidepartement City am Bahnhofquai Nr. 3. Wer einen Blick hinter die mächtige Eingangstür riskiert erlebt sein buntes Wunder: die wohl farbenprächtigste und fröhlichste Halle der Stadt.
Im Grunde aber gibt es zwei Zürichs.
Das alte Zürich
Das eine ist für jedermann sichtbar, es ist das Zürich des Geldes, der Banken, Versicherungen und Luxusgeschäfte rund um die berühmte Bahnhofstraße. Rechtsufrig, auf der anderen Seite des Limmat also und immer noch das sichtbare Zürich, liegen Ober- und Niederdorf. Altstadtviertel in Hanglage, die entzückender nicht sein könnten, mit prächtigen Bürgerhäusern und engem Gassengewirr. Am Zürich-See und am Limmat laden herrlich altmodische Badeanstalten zum Planschen und Plauschen ein. Es sind diese lauschigen und doch zentralen Orte, die einem begreiflich machen, warum dieses Zürich ständig zur Stadt mit der höchsten Lebensqualität erkoren wird.
Nachts im Szeneviertel
Für Nachtschwärmer ist das andere Zürich interessant. Die Rede ist vom alten Industriequartier und Aussersihl, der Gegend um die Langstraße, Zürichs „Reeperbahn“, im Westen der Stadt. Die meisten Stadtpläne enden zwar im Nordwesten auf Höhe der Langstraße, doch müssen sie neu geschrieben werden. Denn das junge, kreative Leben hat sich in den alten Fabrikhallen breitgemacht. Züri-West ist in den letzten Jahren schick und trendy geworden. Museen wie die Kunsthalle und das Migros-Museum sind hierher gezogen, und in der früheren Schiffbauhalle ist ein Zentrum für Theater, Musik und Gastronomie entstanden. Es gibt extrem exklusive und teure Clubs, wie das „Indochine“, aber es gibt natürlich auch zig heiße Schuppen für Normalsterbliche. Und egal, wann man wieder auf die Straße taumelt, man sollte unbedingt beim rund um die Uhr geöffneten „Happy Beck“ in der Dienerstraße auf einen Kaffee und die sensationell leckeren Schoggigipfel einkehren.
Wer nach so einem Amüsement den Kater wegwandern will, dem sei der Züriberg empfohlen – zu Fuß oder mit der allgegenwärtigen Tram (Linie 6). Zwei Sachen gibt es zu bestaunen: die Reichen und die Toten. Zugegeben, von beiden sieht man nicht viel, sie haben sich ziemlich blickdicht verschanzt. Aber es ist trotzdem ein beruhigender Zeitvertreib, vor den meterhohen schmiedeeisernen Zäunen und Hecken herumzustreichen und manchmal einen Blick zu erhaschen auf Paläste mit parkähnlichen Gärten – allesamt ohne Namensschild am Tor. Bei den Toten, die auf dem wunderhübschen Friedhof Fluntern ein wirklich ruhiges Plätzchen gefunden haben, sind deren Namen zu Recht in Stein gemeißelt: James Joyce und Elias Canetti etwa. So erkennt man am Ende der Reise: Zürich ist auch für nachher eine Top-Adresse.
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