Zitat
„Internet im Auto wird 2010 keine Rander- scheinung mehr sein, und die Vernetzung der Fahrzeuge untereinander wird das Autofahren sicher und effizienter machen.“

Joachim Klink CARnected-Projektleiter bei T-Systems

Zeitreisen ans Ende des Staus

Ständig steigende Verkehrsaufkommen erhöhen die Ansprüche – an Autofahrer ebenso wie an die Leitsysteme unserer Straßen. Joachim Klink, CARnected-Projektleiter bei T-Systems, über intelligent vernetzte Navigationsangebote, das Auto als IP-Adresse und den Vorteil von Medienkonvergenz bei 200 km/h.
Sie stehen auf der Autobahn, hören minutenlange Verkehrsdurchsagen. Nur Ihr „eigener“ Stau ist nicht dabei. Was ist schiefgelaufen?
Den Klassiker kennt mein Autoradio auch. Die Verkehrsinfos der Sender beruhen einfach auf zu wenig Daten. Da sind Navis mit unserem TMCPro-Dienst schon viel zuverlässiger (Red.: TMCPro ist der kostenpflichtige Traffic Message Channel, der im Vergleich zum Standard-TMC eine Vielzahl von Quellen wie Stausensoren auswertet). Nahezu perfekte Prognosen hätten wir, wenn die Bewegungsdaten der Handys ausgewertet würden. Die Technik dafür, NetFCD oder Floating Car Data aus dem Netz, wird bereits entwickelt, und 2009 erleben wir einen deutlichen Qualitätssprung.
Das wird noch dauern. Wie nutzen Sie die Wartezeit?
Am liebsten so effektiv wie möglich – also mit Telefonieren. Den Rest mit Zeitreisen.
Zeitreisen im Stau?
Ganz genau. Ich träume, dass ich zum Beispiel über den Onlinedienst des „CIO“-Magazins auch im Auto Zeitung „hören“ könnte. Aber weil mein Auto nicht online verbunden ist, muss ich so etwas heute noch vorher planen und die Dateien auf eine SD-Card abspeichern, die dann in meinem Auto abgespielt werden. Außerdem freue ich mich schon jetzt auf einen ausgereiften Text-to-Speech-Service für E-Mails, mit Sprachsteuerung für Standardfunktionen wie Löschen, Weiterleiten, Anrufen. Dann ließe sich viel mehr Tagesgeschäft schon im Auto erledigen. Aber das ist noch Zukunftsmusik.
Das Auto bleibt letzte onlinefreie Bastion?
Nein, die Bastion fällt. Die Frage ist nicht mehr ob, sondern nur noch wann. Im Durchschnitt sitzen wir fast zwei Stunden täglich im Auto, davon 40 Prozent stehend oder im zäh fließenden Verkehr, und verpesten die Umwelt. Mit der CO2-Diskussion im Nacken muss die Automobilindustrie neue Innovationsrichtungen verfolgen, denn „größer, schneller, schwerer“ ist politisch längst nicht mehr korrekt. Stattdessen würde uns „mehr IP statt mehr PS“ wirklich voranbringen.
Fürchten Sie keine Kollision mit der Bahn? Mit Surfen bei Tempo 300 haben Sie dem Schienenverkehr gerade erst zu einem tollen USP verholfen.
Ich habe nichts dagegen, wenn konkurrierende Verkehrssysteme über innovative ICT-Services ins Wettrennen gehen und am Ende Reisezeit effizienter genutzt werden kann. Welcher Verkehrsteilnehmer sollte etwas dagegen haben?
CARnected versteht das Auto als Endgerät, also 200 Millionen rollende IP-Adressen in Europa. Wie schnell entwickelt sich der Markt?
Das Tempo bringen visionäre Unternehmen in den Markt. Da müssen noch ein paar Kräfte zusammenkommen. Traditionell führen Autobauer ihre Innovationen top-down ein, das heißt Luxusklasse – Mittelklasse – Kleinwagen. Dieses Thema muss man jedoch bottom-up und über die Nachrüstung angehen, um schnell auf Stückzahlen zu kommen. Tomtom, Nokia & Co. geben schon richtig Gas. Microsoft positioniert sich, und Google ist immer für eine Überraschung gut. 2010 wird das Internet im Auto keine Randerscheinung mehr sein und auch bei der Vernetzung der Autos untereinander, mit Car2Car oder Car2Infrastructure, das Autofahren sicherer und effizienter machen.
Stichwort „autonomes Auto“. Ihr Rat – Stop oder Go?
Ganz klar Go! Wenn ich mal wieder im Stau stehe, vor einem schweren Unfall zum Beispiel, dann sehe ich …
… in die Zukunft, schon klar …
… nach vorn jedenfalls: In der Stadt und auf Landstraßen fahre ich auch zukünftig noch selbst, nur in kritischen Situationen helfen mir Fahrerassistenzsysteme. Auf der Autobahn klinke ich mich in einen elektronisch geführten Konvoi ein, kann mich dem Autopiloten anvertrauen und reise fast wie im Zug. Mit der Innovationskultur aus den Anfängen des Automobils wäre das in zehn Jahren zu machen.

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