Transformation in die Cloud - welche Cloud darf es sein?
Blickwinkel Arbeitsplatz der Zukunft

Die „Uberisierung“ der Transportbranche

26.06.2017

Drohnen, Datenbrillen, Schwarmintelligenz: die Zukunft der Logistik hat begonnen.

Die Logistik gehört bereits jetzt zu den am meisten digitalisierten Branchen. Warum autonome Fahrzeuge, Datenbrillen und Lieferroboter das Transportwesen revolutionieren könnten.
Ein leises Surren kündigt die Logistik-Drohne an. Im Garten wartet der Kunde auf seine Bestellung, die er erst eine Stunde vorher abgeschickt hat. Die Drohne landet sicher auf dem Rasen, der Kunde nimmt sein Paket heraus und der Quadrocopter startet wieder. Ein Szenario aus der Zukunft? Laut Bitkom-Umfrage glaubt die Mehrheit der Logistikunternehmen, dass Drohnen-Auslieferungen in zehn Jahren alltäglich sind. 
In kaum einer anderen Branche verändert die Digitalisierung die Geschäftsmodelle so radikal wie in der Logistik. Durch den boomenden Online-Handel wächst nicht nur der Markt, sondern steigen auch die Ansprüche der Kunden. Lieferungen innerhalb von 24 Stunden mit individuellem Lieferzeitpunkt gehören bereits zum Standard. Hoher Preisdruck macht aber immer effizientere Prozesse nötig – den Unternehmen bleibt nichts Anderes übrig, als ihre digitale Transformation weiter voranzutreiben. Das ist der Branche laut aktueller Bitkom-Studie auch bewusst: 74 Prozent der Transportunternehmen sieht die Digitalisierung als größte Herausforderung. Ein weiteres Problem: Immer mehr Unternehmen aus dem High-Tech-Sektor drängen in die Branche und sichern sich durch ihr IT-Know-How große Marktanteile. Das macht den Wettbewerb für traditionelle Speditionen immer härter. Experten sprechen bereits von einer Uberisierung der Transportbranche.
Logistiker sind also gefordert, Geschäftsmodell, Produkt- und Dienstleistungsportfolio weiterzuentwickeln: etwa, Kunden die Möglichkeit zu bieten, Waren nachzuverfolgen. Zum Beispiel mit Unterstützung von Roambee. Das US-Startup hat gemeinsam mit T-Systems einen Tracking-Service entwickelt. Kleine „Bees“ – also gelbe Geräte an den Containern, Paketen oder Lkw – sammeln über verschiedene Sensoren Daten und senden sie an eine IoT-Plattform in der Cloud. Roambee analysiert diese Daten und verknüpft sie zusätzlich mit Informationen aus ERP-Systemen oder externen Quellen. Die Kunden wissen so nicht nur über Temperatur oder Luftfeuchtigkeit im Transportbehälter Bescheid, sondern können auch die Risiken einer bestimmten Reiseroute einschätzen. 

Wenige digitale Vorreiter

Die Logistikunternehmen erwarten laut Bitkom-Umfrage bereits in zehn Jahren den flächendeckenden Einsatz von Zukunftstechnologien, 75 Prozent beispielsweise den Einsatz von Datenbrillen im Lager. Allerdings arbeiten erst wenige Vorreiter schon heute damit. Einer davon ist Kosmetikhersteller Babor in Aachen. Die Lageristen haben Auftragszettel und Handscanner durch Datenbrillen ersetzt. Sie bekommen ihre Aufträge per WLAN direkt auf die Brille und sehen, welchen Stellplatz sie ansteuern müssen. Mit einem Tippen an die Brille setzt der Lagerist den eingebauten Scanner in Gang, um den Barcode des Artikels zu erfassen. Die Hände hat er dabei frei, um das Produkt aus dem Regal zu nehmen. Für Babor ein lohnender Schritt in die digitale Zukunft: Laut eigenen Angaben optimiert die Datenbrille die Laufwege und bringt so eine Zeitersparnis von rund 20 Prozent.
Auch autonome Fahrzeuge sind ein großes Thema in der Logistik der Zukunft. Experten von Strategy&, der Strategieberatung von PwC, gehen laut der Studie „The Era of Digitized Trucking“ davon aus, dass in zehn Jahren Lkw-Fahrer von der Autobahn verschwunden sein werden. Menschliche Fahrzeugführer würden dann nur noch in Stadtgebieten oder bei lokalen Auslieferungen eingesetzt, nach weiteren fünf Jahren könnten auch diese ersetzt werden. Für Kunden und Anbieter eine lohnende Entwicklung: Bis 2030 könnten Logistikunternehmen die Kosten um bis zu 33.000 Euro pro Jahr reduzieren. Das sogenannte „Platooning“ bietet weiteres Einsparungspotential: Die durch WLAN miteinander vernetzten Lkws fahren in engem Abstand hintereinander und damit im Windschatten der anderen. Durch das dichtere Auffahren verringert sich der Luftwiderstand, und die Benzinkosten reduzieren sich um 10 Prozent.

Drohnen im Test

Der dritte Trend: der Einsatz von Drohnen für die interne Organisation und Auslieferung von Waren. Noch spielen die Quadrocopter und Multicopter in der Realität zwar keine Rolle, erste Tests laufen aber bereits. Amazon hat im vergangenen Jahr in Großbritannien das erste Paket per Drohne ausgeliefert. Auch in Deutschland befinden sich die fliegenden Lieferjungen in der Erprobungsphase: DHL testet sogenannte Paketkopter, die Paketstationen be- und entladen.
Doch die Ausweitung der Drohnen-Dienstleistungen wird vom gleichen Hindernis ausgebremst wie das autonome Fahren: Die Gesetze sind auf solche Zukunftstechnologien noch nicht ausgerichtet – in den USA dürfen Drohnen zum Beispiel noch kein öffentliches Gebiet überfliegen. Und auch in Österreich und Deutschland hinkt die Gesetzgebung mit Regeln für selbstständig fahrende Autos und Lkws der Entwicklung hinterher. Ein  Gesetz für das autonome Fahren hat die österreichische Bundesregierung bereits 2016 auf den Weg gebracht, Deutschland hat im März diesen Jahres nachgezogen. Viele Fragen bleiben aber noch unbeantwortet: Etwa, was der Fahrer währenddessen machen oder wie lange es im Ernstfall dauern darf, bis er das Steuer wieder übernimmt.

Nur in der Theorie

Die Logistikunternehmen wissen zwar, dass sie sich nur mithilfe der Digitalisierung im Wettbewerb behaupten können. Konkrete Planungen, die neuen Technologien einzuführen, stagnieren aber. Beispielsweise möchten laut Bitkom nur zwei Prozent der Transportunternehmen Drohnen für die interne Organisation einsetzen. Neben den noch fehlenden gesetzlichen Regularien könnten fehlendes Wissen und Zweifel an der Praktikabilität der Lösungen eine Rolle spielen.
Hier könnten digitale Hubs Abhilfe schaffen: also künstliche Ökosysteme, in denen Forschungseinrichtungen, Hochschulen und Investoren ganz konkrete Logistikprobleme mit digitalen Technologien lösen. Interessierte Unternehmen testen hier beispielsweise selbstlernende Systeme. „Wenn man die Zukunftsszenarien, von denen die Unternehmen überzeugt sind, mit dem heutigen Einsatz und den konkreten Planungen vergleicht, dann ist das ein Warnsignal“, sagt Bitkom-Hauptgeschäftsführer Dr. Bernhard Rohleder. „Unternehmen müssen mit den Lösungen zumindest experimentieren. Denn mit Drohnen, autonomen Systemen und Artificial Intelligence könnte der Logistik eine echte Revolution bevorstehen.“ Dann könnten Drohnenauslieferungen in den eigenen Garten tatsächlich zum Alltag gehören.