Transformation in die Cloud - welche Cloud darf es sein?
Blickwinkel Arbeitsplatz der Zukunft

„Arbeit mit Maschinen muss Freude machen“

19.01.2017

Wie müssen Mensch-Maschine-Schnittstellen für den Arbeitsplatz der Zukunft aussehen? Prof. Dr. Michael Burmester von der Hochschule der Medien in Stuttgart im Interview.
Arbeitsplatz der Zukunft: Mensch-Maschine-Schnittstellen.

Herr Burmester, es gab Zeiten, da stand bei der Entwicklung von Mensch-Maschine-Schnittstellen die reine Funktionalität im Vordergrund. Gibt sich der Nutzer damit heute noch zufrieden?

Sicher nicht. Benutzeroberflächen müssen gebrauchstauglich und gut bedienbar sein. Aber für fast genauso wichtig halten wir inzwischen das Kriterium positive „User Experience“. Das bedeutet, dass ich sowohl während der Nutzung als auch davor und danach positive Emotionen habe. Dabei soll die Usability nicht entwertet werden, doch gerade beim Arbeitsplatz der Zukunft müssen wir überlegen: Wie schaffen wir bei der Nutzung von Technologien freudvolle Erlebnisse?

Wie lässt sich positive User Experience in der Arbeitswelt umsetzen?

Im Rahmen des Projektes „Design4Xperience“, gefördert durch das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie (BMWi), haben wir in zahlreichen Interviews herausgefunden, welche Erlebnisse die Menschen im Arbeitsleben positiv wahrnehmen – zunächst ganz ohne den technischen Aspekt. Dabei kam heraus, dass sie sich beispielsweise gerne Herausforderungen stellen und es als sehr angenehm empfinden, wenn sie jemand anderen unterstützen können. Es gibt außerdem positive Erlebnisse, die oft unterschätzt werden: zum Beispiel das einfache Feedback über den Fortschritt der eigenen Tätigkeit oder dass man einen Beitrag zu einem gemeinsamen Ziel leistet.

Was bedeutet das für technische Schnittstellen?

Tatsächlich sind Systeme sehr sparsam mit Feedback – obwohl sie im Zeitalter der Digitalisierung unglaublich viel über den Nutzer wissen. Das System könnte zum Beispiel eine Rückmeldung darüber geben, was der Nutzer an einem Tag geschafft hat oder was er gut gemacht hat.

Können Sie ein Beispiel nennen?

Ich war mal auf einer Konferenz zum Thema „Industrie 4.0“. Dort stellte eine Forschergruppe ein System vor, das Menschen beobachtet, wie sie Computer zusammenbauen. Das System wies den Mitarbeiter etwa darauf hin, wenn er ein Teil zu früh einbaute. Ich habe gefragt: Wieso nutzen wir dieses gigantische Wissen nicht, um den Arbeitern positives Feedback zu geben? Das System könnte den Menschen doch zum Beispiel zeigen, wie viele Computer sie an einem Tag geschafft haben. Im Raum herrschte kurz Totenstille – bis die Entwickler sagten: Stimmt, das haben wir noch gar nicht bedacht.
Prof. Dr. Michael Burmester
Prof. Dr. Michael Burmester arbeitet seit 2002 als Professor für Ergonomie und Usability im Studiengang Informationsdesign an der Hochschule der Medien in Stuttgart. Dort hat der Diplom-Psychologe das „User Experience Research Lab“ aufgebaut.

Inwieweit wird das Kriterium positive User Experience bei Mensch-Maschine-Schnittstellen heute bereits berücksichtigt?

Durch unsere zahlreichen Kontakte mit Unternehmen wissen wir, dass User Experience in Arbeitskontexten nur oberflächlich eine Rolle spielt – wenn überhaupt. Dabei gibt es bereits Studien, nach denen Nutzer Schnittstellen bevorzugen, die positive Erlebnisse hervorrufen. In Arbeitskontexten herrscht aber immer noch die Meinung vor, dass wir zuallererst produktiv und effizient sein müssen.

Welche Fehler werden in der Entwicklung der Schnittstellen besonders häufig gemacht?

Systeme wollen immer unglaublich stark vorausdenken. Ein Beispiel kennt wahrscheinlich jeder: Beim Schreiben macht das System zum Beispiel Wortvorschläge, die einfach angenommen werden, sofern man sie nicht explizit verwirft. Das führt zu ständigen Korrekturen und ist alles andere als optimal.

Das heißt, der Mensch benötigt wieder mehr Entscheidungsfreiheit?

Definitiv. Hinsichtlich der User Experience ist es wichtig, dass wir so entscheiden können, wie wir es für richtig halten. Das gilt auch für die Usability: Der Nutzer will nach seinen Vorgaben und nach seiner Geschwindigkeit interagieren, ohne dass ihm eine Maschine etwas vorschreibt. Dieses Prinzip wird durch die starke Automatisierung aber häufiger ausgehebelt.

Wie unterscheiden sich User Interfaces in der Arbeits- und der Consumer-Welt?

Im Bereich Consumer sind Usability und User Experience schon sehr wichtig. Gefällt einem Nutzer zum Beispiel eine App nicht, kann er einfach eine andere nutzen. In der Arbeitswelt dagegen ist der Nutzer oft gezwungen, mit einem bestimmten System zu arbeiten. Letzten Endes geht man hier aber das Risiko ein, dass die Leute länger brauchen, um sich an das System zu gewöhnen.

Muss also in der Arbeitswelt ein Umdenken stattfinden?

Auf jeden Fall. Mit besserer Usability erreichen Unternehmen eine höhere Produktivität. Mit einer besseren User Experience haben Menschen mehr Freude und arbeiten dadurch konzentrierter und kreativer. Durch unsere Projekte wissen wir, dass oft ein hoher Handlungsbedarf besteht. Doch Veränderungen sind natürlich auch immer eine Frage der Prioritätensetzung.

Werden neue Mensch-Maschine-Schnittstellen wie Augmented Reality (AR) und Virtual Reality (VR) Arbeitskräften helfen?

Im Berufsleben ist für den Einsatz der Technologien immer der Nutzungskontext ausschlaggebend: Wie können Augmented Reality und Virtual Reality also den Menschen bei seiner Arbeit unterstützen? Im Bereich der Architektur lassen sich mit Virtual Reality zum Beispiel sicher Vorteile erzielen, weil ich Räume schon frühzeitig erfassen und Korrekturen in der Gestaltung vornehmen kann. Aber brauche ich wirklich eine 3D-Nachbildung einer Raffinerie? Das sieht zwar cool aus, aber für die Kontrolle oder die Steuerung einer Anlage ist es nicht wirklich notwendig. Und dann habe ich auch noch eine Brille auf der Nase, die vielleicht eher hinderlich ist.

Grosse Unternehmen haben oft Standorte auf der ganzen Welt. Muss man bei dem Einsatz von User Interfaces jedes Land einzeln betrachten?

Wer die kulturellen Unterschiede nicht betrachtet, wird unter Umständen teuer bestraft. Das fängt bei der Sprache an, die übersetzt werden muss: Manche Sprachen laufen länger oder kürzer und können damit im Interface große Probleme anrichten. Es sind schon ganze Satelliten im All verglüht, weil Projektteilnehmer aus verschiedenen Kulturkreisen sich nicht über verwendete Maßeinheiten verständigt haben. Studien zeigen auch, dass es verschiedene kulturelle Ansprüche an Technologie gibt. Europäer wünschen sich von Interfaces vor allem Gebrauchstauglichkeit, Effektivität und Effizienz. Asiaten wünschen sich dagegen eher Freude und Spaß. Auch Arbeitshaltungen sind verschieden: Deutsche Ingenieure planen zum Beispiel sehr stark, amerikanische probieren eher aus.