Transformation in die Cloud - welche Cloud darf es sein?
Blickwinkel

Smarte Revolution des Gesundheitswesens

30.01.2017

Sie messen Tiefschlafphasen und die Lungenfunktion. Sie zählen Schritte, verbrauchte Kalorien und erinnern an die Einnahme von Medikamenten. Wearables könnten das Gesundheitswesen umkrempeln.
Wearables – die smarte Revolution des Gesundheitswesens
Wearables, also „tragbare Computersysteme“, umfassen vom Herzschrittmacher über Activity Tracker wie Fitnessarmbänder und -uhren bis hin zur Smartwatch alle Devices, die sich am Körper tragen lassen. Wie viele Produkte es auf dem Markt gibt, ist unklar: Nach Angaben der Bertelsmann Stiftung warten in den App-Stores rund 100.000 Healthcare-Apps auf ihren Download, eine Studie der Techniker Krankenkasse geht gar von 400.000 aus.
Der weltweite Markt für Wearables lag 2014 bei rund 6,3 Milliarden Euro und soll bis 2018 jährlich um rund 20 Prozent wachsen, so die Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsgesellschaft PricewaterhouseCoopers (PwC). Die Anzahl der weltweit verkauften Geräte liegt nach Informationen des Marktforschungsunternehmens Gartner 2016 bei etwa 275 Millionen.

Hohe Akzeptanz bei den Nutzern

In Deutschland nutzt bereits rund ein Drittel der Bürger Fitness oder Activity Tracker und misst damit seine sportlichen Leistungen oder medizinischen Körperwerte. Dies hat der Digitalverband Bitkom 2016 in einer Umfrage ermittelt. Doch längst geht es nicht mehr nur darum, sich während des Joggens die Pulswerte anzeigen zu lassen, um so einen Überblick über die eigene Fitness zu bekommen. Mehr und mehr Menschen, die unter einer chronischen Krankheit leiden, nutzen die digitalen Helfer um ihre Lebensqualität zu verbessern und ihre Krankheit zu managen.
Klaus Rupp, Leiter des Versorgungsmanagements der Techniker Krankenkasse, bestätigt das enorme Potenzial der smarten Helfer: „Wir bewegen uns vom bloßen Tracking der Fitnessdaten dahin, den eigenen Gesundheitszustand zu vermessen.“ Nach Angaben der Studie #SmartHealth der Techniker Krankenkasse nutzt selbst unter den 60- bis 70-Jährigen heutzutage fast jeder Zweite ein Smartphone. Diese Zielgruppe kann sich vorstellen, darüber nicht nur Kalorienverbrauch und gegangene Schritte, sondern auch Blutzucker, Trinkmenge und Blutdruck zu dokumentieren.

Krankheiten mithilfe von Wearables überwachen

In Zukunft könnten Wearables nicht nur als Armband, Fitnessuhr oder Smartwatch am Körper getragen werden, sondern auch in Kleidungsstücke wie T-Shirts oder Strümpfe eingenäht oder als Pflaster direkt auf der Haut befestigt werden. Welches Potenzial Wearables bieten wird schnell deutlich, wenn man sich Krankheitsbilder wie Herz- und Gefäßerkrankungen anschaut, die laut Bundesforschungsministerium in Industrienationen die häufigste Todesursache sind. Besonders in Regionen mit Ärztemangel gestaltet es sich oft schwierig, Vitalparameter von Patienten regelmäßig zu überprüfen, um beispielsweise Schlaganfällen vorzubeugen. Mit Wearables wäre es möglich, biologische Messgrößen wie Herzrhythmus, Atemfrequenz, Thorax-Gewebekomposition und Bewegungsaktivität zu beobachten und so den Gesundheitszustand zu verbessern.
Nach Angaben der Bitkom würden rund 75 Prozent der Deutschen im Krankheitsfall gerne die erworbenen Vitaldaten an ihren Arzt übermitteln. Unter chronisch Kranken sind es sogar 93 Prozent. Doch bisher stoßen Selbstvermesser bei Medizinern auf wenig Gegenliebe. „Kein Arzt würde seinem Patienten eines dieser Gadgets zur Selbstvermessung verschreiben“, erklärt der Berliner Mediziner und Digitalisierungsexperte Tobias Neisecke. „Das sind Konsumentenprodukte, die Firmen entwickelt haben, um Hardware zu verkaufen.“ Neisecke ist Arzt, bloggt und arbeitet bei der ZukunftsAgentur Brandenburg im Bereich Digital Health – keiner also, der in Verdacht steht, digitale Technik abzulehnen. Die Sensoren in den Geräten werden zwar immer besser, aber sie sind nicht gemacht, um valide Daten zu erheben, so Neisecke.

Zertifizierung nach der Medizinprodukteverordnung

Nur wenn Wearables ein Prüfsiegel erhalten, welche sie als medizinische Produkte kennzeichnet, könnten sich Mediziner auf die Messwerte solcher Geräte verlassen. Doch eine solche Zertifizierung ist aufwendig und teuer. Von den 10.000 in den USA verfügbaren medizinischen Apps sind gerade einmal 100 von der zuständigen Behörde zugelassen, das entspricht einem Prozent.
Neben der Datenvalidität machen sich Deutschlands Ärzte aber auch Sorgen um den Schutz der erhobenen Daten. „Dem Verbraucher muss bewusst sein, dass die Daten irgendwo abgelegt und gespeichert werden“, sagt Roland Stahl, Sprecher der Kassenärztlichen Bundesvereinigung. „Die Entwicklung bei den Wearables zeigt, dass viele Menschen offenbar bereit sind, mehr oder weniger ohne Bedenken Daten weiterzugeben.“

Schwachstelle Datenschutz

Diese Sorge ist nicht ganz unbegründet, wie eine Erhebung von Datenschützern im Herbst 2016 zeigte. Sie überprüften 16 Geräte und Apps von unterschiedlichen Herstellern, die zusammen rund 70 Prozent des deutschen Marktes abdecken. Ihr Ergebnis: Der Nutzer hat dabei keine Kontrolle darüber, „wer die Daten von ihm sonst noch hat“ und über welchen Zeitraum eine Speicherung erfolgt. Zudem bleiben die Unternehmen einen Nachweis schuldig, Daten zur Nutzung der Geräte und Apps nur anonymisiert für Werbezwecke zu verwenden, erklärte der bayerische Landesdatenschutzbeauftragte Thomas Kranig. Welche Produkte genau sie geprüft haben, wollten die Datenschützer nicht verraten und stattdessen die betroffenen Unternehmen zu Änderungen bewegen.

Positive Ansätze mit Vorbildfunktion

Aber es gibt bereits auch positive Ansätze, die in Sachen Technik, Datenschutz und Datensicherheit vorbildlich sind. Die Central Krankenversicherung in Köln nutzt die Möglichkeiten mobiler Technologien zur Gesundheitsvorsorge. Sie stattet Diabetes-Patienten mit Smartphones und Blutzuckermessgeräten aus. Diese protokollieren damit alle krankheitsrelevanten Daten und übermitteln sie direkt an Coaches, die sie hinsichtlich ihrer Ernährung und Aktivitäten beraten. Gerade bei Typ-2-Diabetikern kann ein veränderter, der Erkrankung angepasster, Lebensstil die Situation für die Betroffenen grundlegend verbessern. Denn allein mehr Bewegung und eine diabetesgerechte Ernährung können das Auftreten von Folgeerkrankungen erheblich reduzieren oder sogar vermeiden. Das Gesundheitsprogramm vermeidet so ganz einfach Behandlungskosten und reduziert das Risiko von Folgeerkrankungen.