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Wartezeiten mit Medizin 4.0

13.08.2018

Wartezeiten mit Medizin 4.0: Was lange währt, wird endlich …kurz!

Frau X hat starke Rückenschmerzen, ihr Orthopäde diagnostiziert Probleme mit den Bandscheiben und ordnet eine Operation an. Den nächsten freien OP-Termin hat das Spital aber frühestens in drei Monaten. Herr Y bräuchte nach einer Knieoperation dringend einen Aufenthalt in einer Reha-Klinik, um wieder schmerzfrei gehen zu können. Einen Platz bekommt er aber trotz bewilligtem Antrag frühestens in einem halben Jahr. So oder so ähnlich lauten viele Berichte von Patienten. Seit Jahren wird das Thema in den Medien immer wieder heiß diskutiert und beinahe jeder musste schon einmal selbst darunter leiden: die langen Wartezeiten auf diagnostische Maßnahmen, Facharzttermine, Operationen oder Rehabilitation. Die Situation wird sich wohl auch so schnell nicht ändern, eher im Gegenteil. Eine immer älter werdende Bevölkerung bedeutet auch einen höheren Bedarf an Therapien und medizinischer Betreuung. Natürlich müssen als Reaktion darauf auch neue Therapieplätze geschaffen werden, doch das allein reicht nicht aus. Nur dann, wenn die Ressourcen entsprechend effizient genutzt werden, lässt sich die Wartezeit für alle Patienten verkürzen – und Effizienzsteigerung ist und bleibt die Paradedisziplin aller digitalen Technologien.
Geduld ist gefragt
Wer heute einen Termin für eine Untersuchung beim Facharzt, eine geplante Operation, einen Kur- oder Reha-Aufenthalt benötigt, muss zumindest als Kassenpatient mit Wartezeiten von mehreren Wochen bis Monaten rechnen. Einzig bei Untersuchungen im Computertomografen (CT) oder Magnetresonanztomografen (MRT) sind übermäßig lange Wartezeiten seit der Neuregelung mit den Krankenkassen die Ausnahme. Bei Kuraufenthalten und manchen Arten von Operationen ist der Umstand, dass man so lange auf den Termin warten muss zwar lästig, hat für die Patienten aber meist keine weiteren negativen Folgen. Ganz anders sieht das aus, wenn Schmerzen im Spiel sind oder eine Rehabilitation, etwa nach einem Unfall, für die Rückkehr in den Alltag dringend notwendig ist.
Die Wartezeiten werden nicht nur für die Betroffenen zur Belastung, sondern auch für das Gesundheitssystem. Die Patienten leiden unter den Schmerzen, motorischen oder sensorischen Einschränkungen, einige sogar so stark, dass sie ihren Beruf nicht ausüben können und gezwungen  sind, in den Krankenstand zu gehen. Die Therapien und Medikamente, die zur Überbrückung benötigt werden, die längere Aufenthaltsdauer im Spital oder der zusätzliche Betreuungsaufwand, etwa weil die Menschen sich vorübergehend nicht selbst versorgen können, verursachen weitere, im Prinzip vermeidbare, Kosten. Dazu kommt noch, dass beispielsweise die Behandlung von Krebs im Frühstadium weitaus billiger, einfacher und vor allem erfolgversprechender ist. Während die Verzögerung für das Gesundheitssystem nur finanziellen Schaden bedeutet, kann sie in diesem Fall für die Patienten sogar lebensbedrohlich sein.

Angebot und Nachfrage

Freilich ist die Situation nicht überall gleich prekär. Die Unterschiede zwischen den einzelnen Kliniken sind beträchtlich, auch innerhalb der Bundesländer. Auf eine Bandscheiben-OP wartete man im September 2017 in Niederösterreich zwischen 32 (St. Pölten) und 4,5 Wochen (Wr. Neustadt), in Wien zwischen 6,5 (Donauspital) und 13 Wochen (Rudolfstiftung). Bei Katarakt-Operationen zur Behandlung von Grauem Star beträgt die Wartezeit in Wien zwischen 13,3 und 25,3 Wochen, in Niederösterreich schwanken die Werte zwischen 9,2 und 60 Wochen – das sind umgerechnet fast 14 Monate.
Ganz ähnlich sieht es mit den Terminen für stationäre Rehabilitation aus. Zwischen Bewilligung und Aufenthalt vergehen, abhängig vom Standort und Art der Behandlung, im Durchschnitt rund zwei bis sechs Monate. Bei Kuraufenthalten, die rein der Prävention von Erkrankungen dienen, egal ob bei Übergewicht oder psychischen Problemen, wartet man in der Regel ein halbes Jahr, bevor man die Kur antritt. Die langen Wartezeiten haben im Wesentlichen zwei Ursachen: eine zu geringe Kapazität an Therapieplätzen und Operationsteams sowie in den meisten Fällen sehr langen Wartelisten. Teilweise lassen sich diese Wartelisten als Privatpatient umgehen, doch Lösung für das Problem bietet dieses Vorgehen auf Dauer keine.

Medizin 4.0 als „Therapie“ für lange Wartezeiten

Denn selbst wenn die Patienten in der Lage wären, alles aus eigener Tasche zu bezahlen, stünden nicht weniger Patienten auf der Warteliste und die Anzahl der Therapieplätze oder möglichen Operationstermine würde deswegen auch nicht steigen. Stattdessen müssen vorhandene Ressourcen so effizient wie möglich genutzt werden. Und genau bei dieser Aufgabenstellung können Gesundheitsdiensteanbieter enorm von digitalen Technologien profitieren. Etwa, indem landes- oder bundesweite Datenbanken geschaffen werden, die die Wartelisten und Kapazitäten aller medizinischen Einrichtungen speichern und auswerten. Intelligente Systeme könnten dann Alternativen mit kürzeren Wartezeiten ermitteln, und die Patienten gleichmäßiger aufteilen. In Kombination mit flächendeckendem Austausch von Patientendaten könnte das System außerdem Routineuntersuchungen selbstständig vorausplanen oder bei bestimmten Operationen automatisch einen Platz in einer Reha-Klinik „buchen“.
Mit dem Einsatz von Computern und Robotern in der Medizin lassen sich aber auch die Kapazitäten an sich erhöhen. Zum Beispiel durch den Einsatz spezieller Software zur Analyse von Röntgen, CT- oder MRT-Aufnahmen, die dem Chirurgen genau zeigen, an welcher Stelle operiert werden muss. Oder durch die Nutzung von OP-Robotern, die, von den Ärzten überwacht, mittels Laser viel genauere Operationen, beispielsweise bei Grauem Star, durchführen können. Exakteres Vorgehen und damit kleinere Wunden verkürzt erstens die Operationsdauer selbst, und zweitens auch die Rekonvaleszenz der Patienten durch mehr minimalinvasive Eingriffe. Zudem ermüden Roboter und Computer nicht und stehen bei Bedarf auch rund um die Uhr verschiedenen Chirurgen zur Verfügung. In zehn oder zwanzig Jahren muss der Spezialist dann vielleicht nicht einmal vor Ort sein, sondern steuert den OP-Roboter per Internet aus der Ferne. Auch das beschleunigt und erleichtert die Terminfindung.

Digitalisierung ist keine Garantie

Medizin 4.0 und Datenbanken sind keine Garantie für kürzere Wartezeiten auf Operationen und Reha-Aufenthalte. Ein automatischer Datenaustausch sowie eine effizientere Verteilung der Patienten auf die verschiedenen Kliniken oder Therapieeinrichtungen könnte allerdings auch mit den vorhandenen Kapazitäten schnellere Terminvergaben ermöglichen. Alternativ könnte die Analyse der vorhandenen Daten auch eine Um- oder Neuverteilung der Ressourcen, beziehungsweise dazu führen, dass an einem Standort mit besonders hohem Bedarf zusätzliche Kapazitäten geschaffen werden. Um eine Digitalisierung der verschiedenen Einrichtungen zur Effizienzsteigerung kommen Gesundheitsdiensteanbieter aber in keinem Fall herum.