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Serie: Arbeitsplatz der Zukunft

Jobverluste werden kompensiert

12.05.2017

Jobverlust durch Digitalisierung? Mitarbeiter müssen neue Technologien für ihre konkrete Arbeitssituation gekonnt nutzen.
Der Industriesoziologe Prof. Dr. Hartmut Hirsch-Kreinsen von der TU Dortmund glaubt nicht, dass die Digitalisierung langfristig Jobs kosten wird.
Ein Gastbeitrag.
Nach Studien zur Digitalisierung und möglichen Folgen für den Arbeitsmarkt muss man nicht lange suchen. In den Treffern der Suchmaschinen reiht sich praktisch eine an die andere – mit unterschiedlichen Ergebnissen. Eine Untersuchung von Carl Frey und Michael Osborne von der Universität Oxford kommt etwa zu dem Ergebnis, dass durch die Automatisierung in den USA 47 Prozent aller Berufe gefährdet sind. Die Studie aus dem Jahr 2013 wurde inzwischen auch auf Deutschland übertragen. Demnach sind hierzulande sogar 59 Prozent der Arbeitsplätze gefährdet. Für den Unterschied ist laut den Autoren das grössere Gewicht der Industrie in Deutschland verantwortlich.
Doch die Suchmaschinen geben auch gänzlich andere Ergebnisse aus. So lassen sich genauso gut Studien auftreiben, die positive Perspektiven durch die Digitalisierung prognostizieren und nach denen einige hunderttausend neue Arbeitsplätze entstehen. Ja, was denn nun? Die Wahrheit liegt vermutlich irgendwo in der Mitte. Auf dem Arbeitsmarkt werden Kompensationsmechanismen greifen: Kurzfristig könnte es zwar moderate Jobverluste geben, langfristig werden diese meiner Ansicht nach jedoch ausgeglichen. Auch diese Annahme stützt sich auf – Sie ahnen es bereits – zahlreiche Studien.

Chancen durch digitale Technologien

Klar ist, dass unter der Automatisierung einige Berufe mehr leiden – und andere dafür weniger. Gefährdet sind etwa Tätigkeiten, die nach eindeutig festgelegten Routinen ablaufen. Ein klassisches Beispiel: Im Logistikbereich führen die Mitarbeiter bestimmte Verpackungs- und Lagerungsvorgänge nach vorgegebenen Arbeitsanweisungen aus. Solche Arbeiten wie etwa die Tätigkeiten von „Pickern“ in der Kommissionierung könnten bald von mehr oder weniger intelligenten Computersystemen übernommen werden.
Durch digitale Technologien ergeben sich aber durchaus Chancen. Im IT-, Logistik-, Planungs- und Engineering-Bereich entstehen zum Beispiel anspruchsvollere Jobs, die keine Maschine übernehmen kann. Zugleich wird manch schwierige Aufgabe leichter: Durch adaptive intelligente Lern- und Assistenzsysteme ergibt sich die grosse Gelegenheit, Einstiegsmöglichkeiten für bislang nur schwer vermittelbare Arbeitskräfte zu schaffen.

Nicht nur IT wird wichtiger

Der zentrale Punkt sind also nicht quantitative Arbeitsplatzverluste, sondern qualitative Strukturveränderungen hinsichtlich der Tätigkeiten und Qualifikationen. Im allerweitesten Sinn gewinnt IT-Kompetenz sicher weiter an Bedeutung – allerdings nur in Kombination mit den jeweiligen Fachkompetenzen. Nebenbei bemerkt: Es ist Unsinn, dass in Zukunft alle Menschen programmieren können müssen. Entscheidend ist die Fähigkeit, die neuen Technologien für die jeweilige konkrete Arbeitssituation gekonnt zu nutzen. Ein Beispiel aus der Industrie: Die Beschäftigten müssen einerseits den physikalischen Prozess verstehen, andererseits künftig aber auch die Steuerung und ihre Nutzungsmöglichkeiten.
Führungskräfte sind von den Veränderungen übrigens nicht ausgenommen. Im Gegenteil: Die Digitalisierung wird ihren Arbeitsalltag massiv verändern. In industriellen Betrieben sind vor allem Führungskräfte auf der mittleren Ebene, wie zum Beispiel Betriebsleiter oder Abteilungsleiter, sehr stark betroffen, denn bestimmte Entscheidungsprozesse werden durch neue Prozess- und Planungssteuerungssysteme automatisiert. Zugleich verfügen diese Führungskräfte über mehr Informationen und können auf andere Weise entscheiden als früher.

Ausprobieren statt Kontrollieren

Auch auf der operativen Ebene, auf dem Shopfloor, werden viele Beschäftigte über mehr Wissen und Kompetenzen als bisher verfügen – und hierarchische Strukturen werden dadurch flacher. In Zukunft wissen Vorgesetzte immer seltener mehr als ihre Mitarbeiter. Deswegen müssen Misstrauenskulturen abgebaut werden. Und es braucht andere Führungsprinzipien: mehr ausprobieren, weniger kontrollieren.
Es ist allerdings zu bezweifeln, dass alle Führungskräfte auf die Veränderungen durch die Digitalisierung vorbereitet sind. Grosskonzerne wie Bosch oder Siemens sind für diese Entwicklung zwar hochgradig sensibilisiert, der Metall- oder Kunststoffbetrieb um die Ecke jedoch eher nicht. Kleinere Unternehmen operieren unter hohem Kosten- und Konkurrenzdruck und verfügen nicht über die notwendigen Ressourcen.