Netze der Zukunft
Serie: Netze der Zukunft

Ein Herzstück für Voice-Infrastrukturen

12.01.2017

Viele Unternehmen betreiben ihre Voice-Infrastruktur je Standort lokal. Die IP-Umstellung ist der beste Anlass, diese zu zentralisieren und Sprachkanäle zu sparen.
Von All-IP ist der Schritt zur Zentralisierung der Voice-Infrastruktur nicht mehr weit. Und die spart bare Münze.
„Zentral“ heisst das Zauberwort, wenn es um den Betrieb von E-Mail-Servern und Geschäftsanwendungen in grossen Unternehmen geht. Bei Voice-Infrastrukturen allerdings denken viele IT-Abteilungen noch lokal. Denn im ISDN-Zeitalter stand meist an jedem Unternehmensstandort eine Telefonanlage (PBX, Private Branch Exchange), die über einen oder mehrere ISDN-Anschlüsse mit dem alten Telefonnetz (PSTN) verbunden war. Entsprechend viel kostete der Betrieb: Die IT-Abteilung musste jede Telefonanlage einzeln warten, für jeden Standort einzeln neue Anschlüsse buchen und installieren. „Verstärkt werden diese Nachteile insbesondere dann, wenn es sich um inhomogene Architekturen handelt“, schreiben Jörg Fischer und Christian Sailer in ihrem Buch „VoIP Praxisleitfaden“. Damit meinen sie: verschiedene Systeme, verschiedene Systemversionen oder verschieden konfigurierte Systeme.
Der Start in das All-IP-Zeitalter bietet Unternehmen jetzt die beste Gelegenheit, ihre Voice-Infrastruktur umzukrempeln. Denn Sprache erfordert keine spezielle Hardware mehr. Sie läuft – wie E-Mail auch – als Anwendung auf Servern und kommuniziert über Datennetze. Und es spielt fast keine Rolle mehr, wo der Server für diese Anwendung steht.

Firmennetze nutzen längst den Standard IP

Grosse Unternehmen besitzen längst die Basis für zentralisierte IP-Telefonie. Das standortübergreifende Netz (Wide Area Network, WAN) nutzt ohnehin das IP-Protokoll – dank der MPLS-Technologie. Und auch lokal setzen viele schon auf Voice over IP (VoIP) über das LAN (Local Area Network). In Deutschland, Österreich und der Schweiz, zum Beispiel, nutzen laut einer Studie der „Computerwoche“ 64 Prozent der grossen Unternehmen IP-fähige Telefonanlagen. Hinzu kommt: Für die IP-basierten Anschlüsse müssen Unternehmen ihre lokalen IP-Telefonanlagen meist aufrüsten oder sogar ersetzen. Da bietet es sich an, gleich eine grosse, zentrale IP-PBX – zum Beispiel pro Kontinent – zu implementieren. Oder noch besser zwei in redundanter Bauweise, um sich gegen Ausfälle abzusichern.  
Der Vorteil zentraler Voice-Infrastrukturen: Unternehmen können die laufenden Kosten für die Telefonie deutlich senken und gleichzeitig Qualität und Verfügbarkeit erhöhen. Einerseits lassen sich weniger Anlagen leichter warten. Andererseits verwaltet die IT-Abteilung alle Kommunikationsdienste und Endgeräte unternehmensweit über ein Online-Portal. Und nicht zuletzt benötigt das Unternehmen insgesamt weniger Sprachkanäle für externe, parallel geführte Telefongespräche.

„Kanal-Sharing“ für Standorte

Das hat zwei Gründe. Zum einen vermittelt eine Telefonanlage externe Telefonate schon am Unternehmensstandort ins öffentliche Netz. Dafür stehen zum Beispiel bei einem ISDN-Primärmultiplexanschluss 30 Sprachkanäle zur Verfügung – obwohl sie möglicherweise nie benötigt werden. An IP-basierten Anlagenanschlüssen bzw. SIP-Anschlüssen lassen sich zwar fast beliebig viele Kanäle buchen, aber auch hier kalkuliert die IT-Abteilung einen gewissen Puffer ein.
Eine zentrale IP-basierte TK-Anlage (Telekommunikationsanlage) hingegen kommuniziert über das vorhandene Firmen-Datennetz mit den Endgeräten vor Ort und vermittelt Gespräche zentral über ein SIP-Gateway ins IP-Netz des Carriers. Das bedeutet: Die Unternehmensstandorte nutzen die zentralen Sprachkanäle und damit auch den „Puffer“ gemeinsam. Die Anzahl der benötigten Kanäle sinkt.

Interne Telefonie im internen Netz

Der zweite Grund: interne Telefonate zwischen eigenen Unternehmensstandorten. Lokale TK-Anlagen übertragen diese wie ein normales Gespräch über das Carrier-Netz. Wird die Telefonie ins WAN verlagert, vermittelt die zentrale TK-Anlage das interne Gespräch zwar; die Endgeräte kommunizieren aber direkt über das Firmennetz miteinander. Interne Telefonate brauchen also kein Gateway ins öffentliche Netz; die Zahl der benötigten Sprachkanäle sinkt zusätzlich. Hierdurch steigt wiederum die benötigte Bandbreite im Firmennetz – für interne wie externe Anrufe. In der Summe sinken die Kosten trotzdem.  
VoIP-Umstellung: von lokaler zu zentraler Telefonie
Ein weiterer Vorteil zentralisierter Voice-Infrastrukturen: Im Gegensatz zu lokalen SIP-Anschlüssen ermöglichen spezielle Produkte für zentrale SIP-Gateways, die Rufnummern aller ISDN- und Analoganschlüsse zu übernehmen. Unabhängig von der Anschlussart und unabhängig davon, ob die Primärmultiplexanschlüsse eigene Rufnummernblöcke nutzten oder einen gemeinsamen. Ausserdem können Mitarbeiter ihre persönliche Durchwahl nicht nur mitnehmen, wenn sie den Sitzplatz am Standort wechseln, sondern auch unternehmensweit.

Potenziale noch unbekannt

Unternehmen können ihre zentralen Telekommunikationsanlagen entweder selbst betreiben und nur das Management einem Dienstleister überlassen. Oder sie beziehen eine „Hosted PBX“, eine komplette Anlage aus einer externen Private oder Public Cloud. Laut Computerwoche telefoniert aber erst jedes zehnte Grossunternehmen in Deutschland, Österreich und der Schweiz über die Cloud. Weltweit sieht es ähnlich aus: In der Umfrage „The SIP Survey 2015“ gaben nur 5,5 Prozent der befragten – hauptsächlich grösseren – Unternehmen an, Sprachdienste aus der Cloud zu beziehen.
Einer der Hauptgründe für das Zögern: Security-Bedenken. Dabei kann die Zentralisierung von Voice-Infrastruktur die IT-Sicherheit erhöhen: Unternehmen benötigen nur vor den zentralen TK-Anlagen Session Border Controller, anstatt vieler lokaler. Mehr dazu und zur IT-Sicherheit bei Voice over IP lesen Sie im nächsten Beitrag des Blickwinkels „Netze der Zukunft“.