KI-Software und Machine Learning sollen die Digitalisierung vorantreiben – dafür entdeckt El-Sourani die Technologien.
Interview

Die Brücke ins Labor.

Nail El-Sourani, Consultant im Product Steering T-Systems Digital Division, im Interview.
Autor: Sven Hansel

Herr El-Sourani, Sie arbeiten für T-Systems, ihr Büro ist aber im Deutschen Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz (DFKI) in Saarbrücken. Was machen Sie dort?

Trends für die digitale Welt von morgen aufspüren. Die entwickeln sich übrigens nicht zwangsweise im Büro – deswegen bin ich jeden Tag an verschiedenen Standorten des DFKI. Ich verstehe mich als Brücke von und zu T-Systems. Mein Job ist es, Ideen und Technologien zu entdecken, die sich idealerweise bald in konkrete Produkte umsetzen lassen. Oft geht es dabei um künstliche Intelligenz (KI). Denn viele aktuelle Probleme in der Digitalisierung sind mithilfe von KI zu lösen. Wenn Sie etwa eine Lösung suchen, die günstig, nachhaltig, stets verfügbar und von mehreren Lieferanten abhängig ist, haben Sie vier sich teilweise widersprechende Problemdimensionen – anstatt wie früher häufig nur eine. Entsprechend hoch ist die Anzahl von Lösungsvarianten. Um die beste Lösung für komplexe Probleme möglichst schnell zu finden, brauchen wir evolutionäre Verfahren, die auf intelligenten Algorithmen beruhen. Am Wort „evolutionär“ erkennen Sie, dass auch eine Prise Zufall dazugehören kann. Entsprechend sind auch Lösungen möglich, an die man zunächst nicht unbedingt gedacht hätte.

Haben Sie dafür konkrete Beispiele?

Mir fällt da spontan der Zauberwürfel ‚Rubik‘s Cube‘ ein. Sie kennen diesen Würfel, der einen zur Verzweiflung bringen kann, bestimmt. Ich habe vor einigen Jahren einen Algorithmus, genauer gesagt einen genetischen Algorithmus, entwickelt, um den Würfel auf schnellstem Weg zu lösen. Mit einem solchen Algorithmus kann man auch sehr erfolgreich neue Medikamentenwirkstoffe entwickeln. Oder nehmen Sie die automatische Bilderkennung, die beispielsweise Google stark vorantreibt und die neue Geschäftsmodelle ermöglicht. Neuronale Netze sind hier ein zentraler Punkt. In diese Richtung forscht das DFKI in den Themenfeldern wie Sprachverstehen, Robotik, 3D-Graphik und Visualisierung, Sicherheit, Mensch-Technik-Interaktion und erweiterte Realität. Teilweise gibt es hierfür extra Labore, sogenannte Living Labs, in denen wir die Welt von morgen anfassbar darstellen.

Was reizt Sie persönlich an Ihrem Auftrag?

Ich habe mich schon früh mit KI und Machine Learning beschäftigt, aber vor zehn, zwanzig Jahren waren die Rechner zu langsam, um massive Daten zu verarbeiten – und Daten gab es damals auch nicht allzu viele, kaum vorstellbar heutzutage. Seit einigen Jahren sind Rechenleistung und Datenmengen aber keine limitierenden Faktoren mehr. Und mit KI und Machine Learning können wir so Probleme lösen und Geschäftsmodelle entwickeln, die andere noch nicht sehen. Wir haben verstanden, dass die Herausforderungen der Welt von morgen neue Lösungswege brauchen. Und damit beschäftige ich mich derzeit täglich.

Wie sieht denn ein typischer Tag für Sie beim DFKI aus?

Mein Vorsatz: Ich schaue mir jeden Tag ein Projekt bei einem Forscher an, den ich noch nicht kenne. Dazu mache ich mir einen Termin und lasse mir erzählen, was die Kollegen da tun. Ich versuche technisch tief in die Materie einzusteigen und lasse mir von den Kollegen vor Ort ihre Lösungsansätze im Detail zeigen. Um die Ideen aus dem DFKI dann mit den Ansätzen und Plattformen der Telekom übereinzubringen und die wichtigsten Player zusammenzuführen, stehe ich in engem Kontakt mit unseren Kollegen aus den Geschäftseinheiten. Wir versuchen dann gemeinsam die entwickelten Zukunftsszenarien möglichst schnell in Geschäftsmodelle zu überführen.

Im Rahmen des IT-Gipfels haben Sie bereits eine erste gemeinsame Lösung vorgestellt, richtig?

Ja, wir haben eine Software demonstriert, die die Parkplatzsuche vereinfachen und das Verkehrsaufkommen reduzieren soll. Über eine App bekommt der Fahrer freie Parkplätze angezeigt. Die Parkplätze sind dazu mit Sensoren ausgestattet und melden, ob sie frei oder belegt sind. Autofahrer können freie Parkplätze, die beispielsweise der Einzelhandel zur Verfügung stellt, dann aus der Ferne reservieren. Über eine Zugangssteuerung – beispielsweise per App – öffnet der Fahrer die Parkplatzschranke und bezahlt wird der Parkplatz nach dem Einkauf ebenfalls über die App. Mit minutengenauer Abrechnung. Teilnehmende Geschäfte können darüber hinaus auch Parkrabatte einräumen. Die Software ist wird allerdings erst dann so richtig ‚schlau‘, wenn sie intelligente Verkehrsprognosen erstellt oder beispielsweise aus dem Nutzerverhalten lernt.

10-15 Jahre in die Zukunft geblickt: Wie weit sind wir dann mit KI und was kommt sonst noch auf uns zu?

Wir stehen erst am Anfang einer wirklich spannenden Reise. Ich glaube, man kann sagen, dass KI unser Leben in ähnlicher Weise verändern wird, wie das Internet es getan hat. KI und andere Technologien können uns einerseits viele Aufgaben abnehmen und unser Leben sicherer machen. In der Forschung und Medizin wird es dank intelligenter Datenanalysen große Durchbrüche geben. KI bringt aber auch ethische und gesellschaftliche Herausforderungen mit sich. Das beginnt damit, dass viele Jobs der Technik zum Opfer fallen werden. Tun sie bereits: Gerade erst hat ein Japanischer Versicherungskonzern 34 Mitarbeiter durch eine KI-Software ersetzt. Und wenn die Software dann noch lebenswichtige Entscheidungen treffen muss, wie zum Beispiel beim autonomen Fahren, wird es erst recht kritisch. Wer soll verschont werden, wenn ein Crash sich nicht mehr vermeiden lässt? Ich bin sehr gespannt, wie diese und ähnliche Fragestellungen weltweit gelöst und angegangen werden.

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