Die Start-ups in Deutschland holen auf im Rennen um die digitale Poleposition.
Start-Ups

Altmühltal meets Silicon Valley.

Deutschland holt mit seiner lokalen Start-up-Dynamik auf im Rennen um die digitale Poleposition.

Start-up-Dynamik aus Deutschland

Autor: Anja Steinbuch
Fotos: Kay Nietfeld/dpa, Dagmar Schwelle/Laif, websitebutler.de, Getty Images, GetYourGuide.com, Shutterstock.com, 3yourMind.de, Uli Benz/TU München, Stocksy.com 
DTSI
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Zalando, Kreditech, Teamviewer, Trivago oder Dailydeal – das sind nur einige Namen von Start-ups aus Deutschland, die sich erfolgreich etabliert haben oder für hohe Summen an US-Firmen verkauft wurden. Sie haben es geschafft, sind in der digitalen Wirtschaft so etwas wie heimliche Helden made in Germany. Doch das reiche nicht, um im globalen Wettbewerb zu bestehen, warnen Beobachter. Deswegen arbeiten zwischen Flensburg und dem Bodensee zahlreiche Netzwerke und Initiativen unter Hochdruck daran, dass die nächste bahnbrechende digitale Geschäftsidee aus dem Land der Dichter und Denker kommt. 
Christian Pott steht an seinem neuen Bürotresen. Der Gründer des Berliner Start-ups Websitebutler trägt Jeans und Turnschuhe. Wenn er und die drei weiteren Gründer von Websitebutler, Philipp Gohlke, Hendrik Köhler und Malte Sieb, einmal nicht bis spät in die Nacht arbeiten, können sie in den neuen Geschäftsräumen am Alexanderplatz im Lounge-Sessel Cappuccino trinken oder einfach mit Kollegen in der Küche Pasta essen. 560 Quadratmeter hat das Quartett des 2013 gegründeten Start-ups auf einem Stockwerk zur Verfügung. 
Platz genug für ihr junges Business, das gerade den deutschen Markt für Websiteentwicklung kräftig aufmischt. Ihr selbstlernendes System James arbeitet dank künstlicher Intelligenz praktisch autonom und fehlerfrei. Der Kunde schreibt in einen Onlinefragebogen, welche Ziele er mit seiner Website erreichen möchte, oder ruft einfach an. Danach liefert er Fotos und Texte. Das System baut daraus eine Website. Dabei setzen die Berliner auf persönlichen Service. „Unsere Kunden haben wenig Zeit. Deshalb ist unser Ziel, ihnen alle Aufgaben rund um die Website abzunehmen“, erklärt Pott. Die über 1000 Websitebutler-Kunden, darunter Stroba Bau, Barber’s Berlin und Weilands Wellfood, erhalten so ohne viel Aufwand und zu niedrigen Preisen eine individuelle Website, die permanent von Profis betreut wird. In Berlin hat Websitebutler auch Platz für Expansion, aus den 40 Mitarbeitern sollen bald noch mehr werden. Silicon Valley, München, Hamburg? Für Pott und seine drei Mitgründer kein Thema: „Berlin ist für uns perfekt, um Kontakte, Investoren, Mitarbeiter und natürlich auch neue Kunden zu finden.“

START-UP-METROPOLE BERLIN

Als Nährboden für Start-ups liegt derzeit Berlin vorn. Während München in den 1990er-Jahren die größere Attraktivität besaß, ist Berlin heute mit 600 Neugründungen in den vergangenen zwei Jahren laut Industrie- und Handelskammer eindeutig Spitzenreiter. In München waren es etwa 300 im selben Zeitraum. Die Quantität ist allerdings eher zweitrangig. Erfolgsentscheidend sind die Entwicklungschancen für die Unternehmer, die Kosten für Personal und Ausstattung und vor allem die Möglichkeit, Finanzierungsquellen zu erschließen. Alles Faktoren, die derzeit für Berlin sprechen.
100 Millionen Euro Risikokapital von namhaften Investoren wie KKR, Spark Capital und Nokia Growth Partners sammelte Unternehmer Johannes Reck für seine Idee ein, über eine App nicht nur Flug und Hotel zu buchen, sondern auch Stadtführungen und Theatertickets. Das Start-up GetYourGuide startete 2008 als Studenteninitiative mit 15 Mitarbeitern in Zürich. Das Unternehmen wuchs schnell und beschäftigt inzwischen über 200 Mitarbeiter an den Standorten Berlin, Zürich, Rom und Las Vegas.
Geld von EOS, dem Weltmarktführer bei industriellen 3D-Druckern im Laser-Sinter-Verfahren, konnte das Start-up 3yourMind einwerben, eine Ausgründung der TU Berlin. Die Geschäftsidee der 3D-Druck-Experten richtet sich an Konzerne und Mittelständler, die schnell und günstig Modelle und Kleinteile per 3D-Druck produzieren wollen. Siemens nutzt ihre Dienste bereits, auch Architekten gehören zur Kundschaft, um Gebäudemodelle schneller herzustellen. „German Accelerator“, ein Förderprogramm der Bundesregierung, schickte die Macher jetzt in die USA, um ihrer Technik „den letzten Schliff“ zu verpassen. Inzwischen eröffnete das Start-up einen Standort in San Francisco, um zahlreiche neue Unternehmen aus innovativen Geschäftsfeldern auf die Softwarelösungen von 3yourMind aufmerksam zu machen.

MEHR WAGNISKAPITAL, WENIGER VORSCHRIFTEN

Viele aus der deutschen Start-up-Gemeinde schauen sehnsüchtigen Blicks über den Großen Teich ins Silicon Valley. Sie beneiden ihre kalifornischen Kollegen um die Geschwindigkeit, mit der dort Wachstum möglich ist. Entrepreneure können innerhalb von Minuten eine Firma gründen, und auch die Beschaffung von Wachstumskapital dauert nur den Bruchteil der Zeit, die in Deutschland dafür benötigt wird. Mehr Wagniskapital, mehr Kredite, weniger Vorschriften und vor allem mehr Tempo werden hierzulande einstimmig gefordert. Und es passiert etwas: Europa holt auf – davon ist auch Christian Leybold vom Risikokapitalgeber E.ventures überzeugt. Während Internetunternehmen früher auf regionale Märkte angewiesen gewesen seien, könnten sie heute schnell weltweit expandieren – etwa wenn sie Apps für Smartphones anbieten.
Zugleich können sie günstig Dienste aus aller Welt nutzen. Und es gibt weitere Gründe: Immer mehr Geld fließt jetzt in die andere Richtung – aus den USA nach Europa. VC-Fonds eröffnen Dependancen in London, Paris und Berlin. Laut Studien kamen so 2016 rund 88 Milliarden Dollar in das europäische Deep-Tech-Segment – in dem Ideen für künstliche Intelligenz, das Internet der Dinge und Maschinelles Lernen entwickelt werden. Für diese technisch anspruchsvollen Bereiche gibt es in Deutschland beste Ausbildungsmöglichkeiten und deshalb gute Voraussetzungen.
Auch setzen immer mehr klassische Industrieunternehmen auf digitale Forschung. In Deutschland ist das vor allem der Auto- und Maschinenbau, der Kooperationen mit Start-ups sucht oder bereits praktiziert. Davon profi tiert die deutsche Szene. Zwei Drittel von Europas größten Konzernen haben direkt in Tech-Firmen investiert. Ein Drittel hat seit 2015 ein Start-up aufgekauft. Beispiele sind Allianz, Audi, BMW, Daimler, Munich Re und ProSiebenSat.1. Das sorgt für Tempo. 

KULTUR DES WAGNISKAPITALS

„Wir brauchen eine Kultur des Wagniskapitals in Deutschland“, fordert Christoph Keese, Executive Vice President von Axel Springer SE. Noch ist das finanzielle Ungleichgewicht frappierend: Rund 2,5 Millionen Menschen leben im Silicon Valley, in dem 20.000 Start-up-Unternehmen beheimatet sind, die 60 Milliarden Dollar Wagniskapital zur Verfügung haben. Auf Platz zwei folgt Tel Aviv mit etwa 4000 Start-ups bei knapp 450.000 Einwohnern und 3,6 Milliarden Dollar Venturecapital. Berlin zählt mit 3,5 Millionen Einwohnern nur rund 2000 Start-ups, die auf 700 Millionen Dollar Wagniskapital zählen können – das sind immerhin 30 Prozent aller Start-up-Unternehmen in Deutschland.
„Die Gründung eines Start-ups ist einfach, aber die Anschlussfinanzierung stellt in Deutschland ein Problem dar.“
Iris Bröse
BITKOM
Aber: „Deutschland holt auf“, ist Iris Bröse überzeugt. Die Startup-Expertin beim Bundesverband Informationswirtschaft, Telekommunikation und neue Medien (BITKOM) erklärt: „In unserem aktuellen Startup-Report hat rund die Hälfte der befragten Jungunternehmer bestätigt, dass sie wieder in Deutschland gründen würden. Nur 30 Prozent erwarten in den USA bessere Wachstumschancen.“
Schwierigkeiten made in Germany sieht Bröse in der zweiten Finanzierungsphase: „Der Start ist auch bei uns relativ einfach. Aber die umfangreichere Anschlussfinanzierung stellt in Deutschland weiter ein Problem dar.“ Die steuerlichen Rahmenbedingungen seien gerade für internationale Investoren immer noch nicht attraktiv genug. Aber auch Bürokratie und Regulierungen seien hinderlich. Ein Beispiel: Das deutsche Start-up flinc aus Darmstadt, das wie eine virtuelle Mitfahrzentrale Fahrer und Mitfahrer per App in ganz Deutschland zusammenbringt, kämpft mit dem deutschen Personenbeförderungsgesetz. Demzufolge müsste der flinc-Fahrer, sobald er regelmäßig Fahrgäste mitnimmt, einen Beförderungsschein besitzen. Vorteile sieht Bröse andererseits im deutschen Datenschutz. „Hier wird Deutschland international gelobt und als Vorreiter gesehen“.

DIGITALE HUBS ENTSTEHEN

Auch die US-Start-up-Szene ist nicht so monolithisch, wie es aus der Entfernung scheint. Neben dem Silicon Valley gibt es aktive Szenen etwa in Washington, Chicago und Boston. In Deutschland wird ebenfalls daran gearbeitet, lokale Zentren zu schaffen. Unter der Schirmherrschaft des ehemaligen Bundeswirtschaftsministers Sigmar Gabriel hat der BITKOM fünf sogenannte digitale Hubs, Cluster der digitalen Wertschöpfung, initiiert: In Frankfurt wird die Digitalisierung der Finanzbranche vorangetrieben. In Dortmund steht die Logistikbranche im Zentrum in Kooperation mit dem Fraunhofer-Institut IML und dem Bundesforschungsministerium. In Hamburg ist ebenfalls ein Logistik-Hub beheimatet, hier steht die maritime Wirtschaft Pate mit Unterstützung der Hafenwirtschaft. 
In München geht es um die Zukunft der Mobilität. Dort sind BMW mit Unternehmerin Susanne Klatten maßgeblich beteiligt sowie der Inkubator „UnternehmerTUM“, flankiert vom bayerischen Wirtschaftsministerium, dem Bundesverkehrsministerium und der Stadt. In Kombination mit einer Teststrecke für selbstfahrende Autos auf der Autobahn A9 zwischen München und Nürnberg sowie großen Automobilherstellern in Ingolstadt und München sind das beste Voraussetzungen für ein Silicon Valley der Mobilität im Altmühltal. 
In Berlin schließlich sind das Internet of Things und die Digitalisierung des Finanzwesens Hauptthemen des regionalen Hubs. Mit Standortkampagnen sollen weltweit Start-ups auf die Chancen in Deutschland aufmerksam werden. „Die Hubs bilden ein offenes digitales Ökosystem, in dem rund um die Leitindustrien Konzerne, Mittelständler und Start-ups zusammen mit Hochschulen, Forschungseinrichtungen und Kapitalgebern die digitale Transformation gestalten“, so Iris Bröse.
Die Chance, bei der Venturecapital-Verteilung dabei zu sein, ist in den Feldern Kommunikationstechnologie und Life Science am größten.

UND DIE MITTELSTÄNDLER?

Auch das Rückgrat der deutschen Wirtschaft, mittelständische Familienunternehmen, forciert die Kooperation mit den „jungen digitalen Wilden“: Unter dem Namen La Famiglia haben sich Mitglieder deutscher Familienunternehmen zu einem Wagniskapital-Fonds zusammengetan. Mit von der Partie sind Namen wie Siemens, Miele, Braun und die österreichische Familie Swarovski. Zum Netzwerk gehören neben den Geldgebern auch erfolgreiche deutsche Gründer wie Sebastian Pollok (Amorelie) und Sven Rittau (Zooplus). Fondsmanager Robert Lacher: „Wir möchten über Generationen erfolgreiche Unternehmen mit den schlauesten Gründern und besten Ideen zusammenbringen.“ 
Geflossen ist der Geldsegen bisher in sieben Unternehmen. Darunter sind das Versicherungs-Start-up Coya und der digitale Speditionsdienstleister FreightHub. Ein weiteres Ziel dieser Initiative der Old Economy: Bahnbrechende Ideen sollen unabhängig von den großen industriellen Geldgebern wachsen. Wissen und Kontakte aus der „Familie“ sollen diese Ideen weiterbringen. Gleichzeitig hoffen die Investoren auf einen frühen Zugang zu neuen Technologien und digitalen Entwicklungen.

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