Max Maiers Appell: „Kümmert euch um die Digitalisierung eurer Produkte."
Chefgespräch

„Raus aus den Silos.“

Max Maier, Inhaber des Küchentechnikanbieters Rieber, und Anette Bronder, T-Systems Geschäftsführerin Digital Division und Telekom Security, über die Kooperation zwischen Mittelständlern und Konzernen und darüber, wie Digitalisierungsprojekte die Ängste von Mitarbeitern mitnehmen müssen und warum mitunter Gedankensprünge zu neuen Geschäftsmodellen führen.
Autor: Thomas van Zütphen
Fotos: Berthold Steinhilber

Herr Maier, mit der Rieber GmbH wurden Sie zum „Digital Champion 2016“ gekürt – haben Sie damit gerechnet?

Maier: Im Gegenteil, die Auszeichnung hat uns überrascht, weil wir in unserer Kernkompetenz ganz sicher nichts mit Digitalisierung zu tun haben. Aber der Preis hat unser Team extrem motiviert, nachdem wir – eben ohne die Kernkompetenz – eine eigene IoT-Plattform aufgesetzt und unsere Produkte digitalisiert haben.

IoT in der Gastronomie: T-Systems digitalisiert Rieber
Von der technologischen Verfolgung von Vakuumaten über die Sensorik bis zur Mahlzeit auf dem Teller: Das "Internet of Things" (IoT) führt die Gastronomie ins digitale Zeitalter.

Vor zwei Jahren haben Sie in einem Interview gesagt, dass es im Unternehmen noch immer „Verschwendung und defizitäre Prozesse“ gebe. Haben Sie die abstellen können?

Maier: Nein, da ist noch immer ein Riesenhandlungsbedarf. In vielen Prozessen unseres Geschäfts scheint Verschwendung systemimmanent zu sein. Umso mehr gilt es, sie zu identifizieren, zu reflektieren und abzustellen – über die Aufzeichnung und Auswertung von Daten. An diesem Punkt stehen wir gerade erst am Start, das ist eine unglaubliche Herausforderung.

Worin liegt die Herausforderung genau?

Maier: Die sogenannten Silos zu verlassen, aus denen heraus wir über Funktionen einen singulären Prozess beurteilen. Also nicht mehr kochen, transportieren und die Gerichte ausreichen, sondern den gesamten Prozess als zusammenhängende Kette bereichsübergreifend organisieren. Diese Chance bietet uns das Internet der Dinge.

Wo kommt die Deutsche Telekom ins Spiel?

Maier: An der Stelle, wo unser IoT-basiertes Geschäftsmodell eine Plattform braucht, um es flächendeckend auszurollen. Und Skalierung ist nun mal eine Kernkompetenz der Telekom. Anders gesagt: Hier kommt IT-Technologie mit unserer Hardwaretechnologie zusammen. Nur so können wir IoT skalieren, sonst haben wir keine Chance. 
Bronder: Hier geht es ja um eine intelligente Food-Logistikkette, die Ende-zu-Ende gemanagt und in enormer Dimension ausgerollt werden soll. Diese Expansion einer Lösung durch einen flächendeckenden Rollout erreichen wir nur mit der Migration auf eine Multi-IoT-Plattform, die zum einen offen, also leicht um weitere Dienste erweiterbar, und auf der anderen Seite beliebig skalierbar ist.
Rieber nutzt Multi-IoT-Serviceplattform der Deutschen Telekom
Der Gastronomiespezialist Rieber hat sämtliche Prozesse seiner Lebensmittelproduktion digitalisiert. Die zentrale Rolle spielt dabei die Multi-IoT-Service-Plattform der Deutschen Telekom. Rieber-Chef Max Maier kann die Kapazitäten seines Unternehmens dank der "Internet of things"-Lösung (IoT) nun noch besser ausschöpfen. Was sind die Vorteile der Kooperation von Mittelständler und ICT-Dienstleister beim Aufbau der Ende-zu-Ende-Foodlogistikkette? Max Maier und Anette Bronder, Geschäftsführerin Digital Divison und Telekom Security bei T-Systems, geben Antworten im Filmbeitrag.

Was sind die nächsten Schritte?

Maier: Dass auf Basis von Standardkomponenten unsere essenziellen Temperaturprozesse abgebildet werden können, um dann die Rieber-Lösung auf der hochstandardisierten Telekom-Plattform flexibel für weitere Anwendungsfelder zu öffnen. So ist es beispielsweise Ziel, dass die Plattform die Norm bildet, wenn die gesetzliche Vorgabe HACCP (Hazard Analysis Critical Control Point) zur Lebensmittelsicherheit digital erfasst wird.

Taugt der Erfolg von Rieber – beziehungsweise wie das Unternehmen Digitalisierung angegangen ist – als Blaupause für andere Mittelständler?

Bronder: Definitiv. Das gemeinsame Projekt bei Rieber zeigt sehr gut, wie Mittelständler ihr Geschäftsmodell dank Digitalisierung optimieren und deutlich skalieren können. Dazu gehört zuallererst eine klare Vision, eine Digitalisierungsstrategie. Es geht also nicht nur um die Frage, ob ich etwas aus rein technologischer Sicht hinbekomme oder ein Digitalisierungsprojekt starte. Vielmehr geht es darum herauszufinden, wie das Geschäftsmodell in der digitalen Welt aussehen kann, und dann zu fragen: Welche technologischen Voraussetzungen und Partner brauche ich, um das zu erreichen? Hier geht Max Maier mit klaren Vorstellungen und gutem Beispiel voran.
Maier: Das würde ich für meine Kollegen aus dem Mittelstand gern mal konkretisieren. Mein Appell: Kümmert euch um die Digitalisierung eurer Produkte. Damit habt ihr dann auch genug zu tun. Für den großen Rest, die Multiplikation, sucht euch Kernkompetenzen – also einen Partner, der das abbilden kann. Meine größte Erkenntnis aus unserem Projekt ist: Wir als mittelständisches Unternehmen werden nicht in der Lage sein, IoT-Plattformen zu betreiben.
Investor Max Maier und Anette Bronder, T-Systems Geschäftsführerin Digital Division und Telekom Security
Für Investor Max Maier und Anette Bronder, T-Systems Geschäftsführerin Digital Division und Telekom Security, bietet IoT die Brücke – vom „Schmerz“ der Kunden kommend –, konkrete Services und Lösungen abzuleiten.

„Schuster, bleib bei deinen Leisten!“ – ist das Ihre Empfehlung?

Maier: Absolut. Aber sei dir klar: Wenn du deine Produkte und deinen Prozess nicht digitalisierst, geht dein Geschäftsmodell in Zukunft den Bach runter. Also: Geh selbst den ersten Schritt, und such dir dann einen starken Technologiepartner.
Bronder: Was Rieber von anderen Unternehmern unterscheidet, ist, dass Herr Maier sich sehr früh die Frage gestellt hat: Woher bekomme ich entlang der Wertschöpfungskette relevante Daten, und was mache ich damit? Es gibt sehr viele Mittelständler, die ihre Prozessdaten technisch noch gar nicht auslesen. Doch gerade in den Anwendungsdaten der Kunden, ihren Bedarfsdaten, liegt der Schlüssel zur Verfeinerung oder Veränderung eines Geschäftsmodells, das weiterhin Erfolg verspricht.
Maier: Denn das ist ja die eigentliche Revolution an IoT: bei allem grundsätzlich vom „Schmerz“ des Kunden auszugehen – das überhaupt zu können –, um daraus einen Service und im Ergebnis einen Kundennutzen abzuleiten.

Warum haben Sie für Ihr Vorhaben – via IoT Intelligenz in Gastronomie-Container zu bringen und gleichzeitig Transparenz in Riebers Prozessketten – als IT-Dienstleister T-Systems gewählt?

Maier (lacht): Weil ich will, dass es funktioniert. Im Ernst: Das hat was mit Vertrauen zu tun und einer gemeinschaftlichen Vision. Beides teile ich am Ende des Tages mit Menschen. Und da muss es stimmen. 
Bronder: Für mich sind zwei Punkte zentral. Einerseits: Verlässlichkeit und unser Bekenntnis als T-Systems, dass wir diesen Weg zusammen mit den Kunden gehen. Das heißt, dass wir als Dienstleister jederzeit bereit stehen, um Steine aus dem Weg zu räumen, beispielsweise technische Probleme. Aber womöglich auch Dinge, mit denen wir heute noch gar nicht rechnen. Da brauchen Sie als strategischer Partner nicht nur das nötige Werkzeug, sondern ein eindeutiges Commitment und als Unternehmen auch eine gewisse Stärke, die wir als T-Systems und Deutsche Telekom zusammen bieten: Beratung, Konnektivität, IoT-Plattformen, Sicherheitslösungen und jahrelange Cloud-Expertise. Allein schon weil der Kunde im Zweifel lieber mit einem Partner redet als mit 20 verschiedenen. Wir können das „One-Face-to-the-Customer“ mit unseren Partnern im Rücken bieten. Und das bringt mich konkret zum zweiten Punkt: Wer ganze Prozessketten digitalisieren und großflächig expandieren will, braucht skalierbare, offene und hochsichere Plattformen – wie die Multi-IoT-Plattform der Telekom. Konkret für meinen Geschäftsbereich Digital Division bedeutet das: Wir sind „klein“ genug, um uns persönlich zu kümmern, und mit der Power eines Großkonzerns im Rücken „groß“ genug, um für alle Bedarfe zu liefern.

Ein weiteres Grossprojekt, Herr Maier, ist Ihre Umwandlung von Industrieanlagen in digitale Hubs. Was steckt dahinter?

Maier: Wir wollen hier im Urban Harbor einen Handlungsraum schaffen für alle, die sich der Digitalisierung verschrieben haben – aber auf menschliche Weise. Denn es geht immer um Menschen. Und nicht wenige von ihnen haben Angst vor der Digitalisierung, die wir ihnen nehmen wollen. Die Angst zum Beispiel, dass ihre Arbeitsplätze durch Digitalisierung nicht mehr sicher sind. Denn das Gegenteil ist der Fall. Nur wenn wir digitalisieren, ob Autos, Küchen-Devices, Serviceprozesse oder was auch immer, werden wir Arbeitsplätze sichern.

Was halten Sie von diesem Weg, Frau Bronder, Unternehmen in ihren Märkten, Zukunftsfeldern und Expertisen zusammenzuführen?

Bronder: So zu denken und zu arbeiten ist keine Option, sondern ein Muss. Wenn wir es anders machten – jeder im Alleingang –, würde Digitalisierung nicht funktionieren oder an uns vorbeigehen. Auch deshalb haben wir als Deutsche Telekom von Anfang an gesagt: Digitalisierung macht keiner allein. Und ihre Spielregel lautet: Bringe Kernkompetenzen zusammen, und fange an, anders zu denken. Denn wer am Montag noch dein Wettbewerber war, könnte am Dienstag dein Partner sein. So habe ich nahezu täglich mit Firmen eine Wettbewerbssituation und bin ebenso oft mit denselben Firmen in Situationen, in denen wir gemeinsam Digitalisierungsthemen angehen.

Warum ist das heute so?

Bronder: Weil keiner von uns heute noch dadurch vorankommt, dass er technologisch nur das umsetzt, was er für sich genommen kann – denn das reicht längst nicht mehr aus. Man muss vom Kundennutzen her denken und agieren. Sich also zuerst fragen: Was braucht der Kunde? Und erst dann: Wie können wir das technisch abbilden? Kundenansprüche werden immer komplexer, die kann keiner alleine bedienen. Das geht nur mit starken Partnerschaften. 
Maier: Mit anderen Worten: Jetzt ist die Zeit, vom Problem zu kommen und nicht von der Lösung.
Mit ausgefeilten Logistikketten erzielt Rieber maximale Effizienz beim Kochen und Servieren hochqualitativer Lebensmittel.
Die Rieber GmbH & Co. KG mit Sitz in Reutlingen gehört zu den führenden Anbietern von Küchentechnik für die professionelle Gastronomie und den privaten Haushalt. In Baden-Württemberg und Brandenburg beschäftigt das Unternehmen an vier Fertigungsstandorten rund 600 Mitarbeiter und unterhält Tochtergesellschaften für den Vertrieb in Österreich, der Schweiz, Benelux und Großbritannien. In allen europäischen Ländern und in zahlreichen weiteren Exportländern ist Rieber durch Partnerschaften vertreten.

Mit Blick auf die Ideenschmiede Nummer eins der Welt heisst es in Ihrer schwäbischen Heimat gern: Als das Silicon Valley an den Start ging, waren unsere Silicon Mountains schon längst im Rennen. Dennoch scheint es, als seien die Internetunternehmen dort drüben längst an uns vorbeigezogen. Wie konnte das passieren?

Maier: Der jahrzehntelange Erfolg als industrieller Technologieführer hat uns etwas blind gemacht. Aber ich bin da relativ gelassen, vorausgesetzt, der Perspektivwechsel von der Technologieführerschaft hin zur Nutzerführerschaft gelingt uns. Wenn Sie so wollen, nichts weiter als ein Gedankensprung hin zu einem anderen Geschäftsmodell. Damit nehmen wir Menschen auch die Angst, von der ich sprach. Denn mit der Nutzerführerschaft kommen die neuen Business-Cases, und damit brauch ich am Ende mehr Mitarbeiter und nicht weniger. 
Bronder: Genau darum geht es: Mut zum Risiko, Fehler zulassen, Angst abstellen. Das sind die Grundlagen einer Innovationskultur. Eine andere Ursache für den Vorsprung des Silicon Valley: Es ist uns in Europa bislang kaum gelungen, eine unserer traditionellen Stärken in ein Asset unserer Zukunft umzuwandeln – wir sind bekannt für Präzision. Für Details. Für Exzellenz. Das alles kostet Zeit, die wir uns heute nicht mehr leisten sollten. Denn Innovation in der digitalen Welt gibt diese Zeit niemandem mehr. Heute geht es um schnelles Prototyping, Kundennutzen und Differenzierung. Und immer wieder um die Frage: Was ist der Mehrwert vor dem Kunden? Wir müssen lernen, nicht zu sehr Bedenkenträger zu sein. Es ist naturgemäß leichter zu widersprechen, als weiterzudenken oder Dinge einfach zu probieren – im schnelllebigen digitalen Zeitalter muss man aber schnell aus der Defensive raus- und in die Offensive reingehen. Aus all diesen Gründen verstehen wir bei der Telekom unser Motto „Digitalisierung einfach machen“ im doppelten Sinn.

Was ist nötig, um die Kooperation zwischen Mittelständlern und Konzernen noch effektiver zu machen?

Maier: Die Vorurteile über den anderen abzubauen.

Welche Vorurteile über Konzerne?

Maier: Die sind zu groß und bürokratiegebremst.

Mit welchem Vorurteil kämpft der Mittelstand?

Bronder: Dass er in der Reaktionsfähigkeit noch immer zu langsam ist.

Die Kooperation zwischen Ihnen beiden dokumentiert beispielhaft das Gegenteil.

Maier: Stimmt, aber Vorurteile sind ja auch die Urteile der Dummen. Und für Rieber kann ich sagen: Wir sind Exoten. Und haben eine Vision. Das tägliche Essen verursacht ein Drittel unseres ökologischen Fußabdrucks. Jeder von uns gestaltet mit seinem Essverhalten den Globus mit. So klein der Beitrag im Einzelnen ist, so wirkungsmächtig trägt in der Summe aller die Ernährung der Menschheit zum globalen Wandel bei. Nachhaltigkeit heißt für uns, den Bedürfnissen mit geringerem Einsatz von Ressourcen zu begegnen. Dabei immer ökologisch und sozial gedacht. Nicht rein unter der Prämisse, was ökonomisch möglich ist, sondern durch Standardisierung der dazu notwendigen logistischen Prozesse. Das ist nachhaltig. Wir haben die einmalige Chance, mit IoT für mehr als 30 Millionen „Essen“, die täglich in Deutschland im öffentlichen Raum verzehrt werden, einen Riesennutzen zu schaffen. Sehen Sie, ich bin 68 Jahre alt und will immer noch die Welt verändern. Das schaffe ich mit Food-Supply-Chains und intelligentem Gebäudemanagement im ganzen Land. Da pack ich die Verschwendung am Kragen. Es geht um Energie, Kilokalorien und Zeit.
Bronder: Unser Job als Digitalisierungsdienstleister ist es, eine konkrete Idee, wie die von Max Maier, zum Erfolg zu bringen. Dafür zu sorgen, dass er das volle Potenzial der Digitalisierung ausschöpfen kann, das sein Geschäft hergibt. Die Dynamik und die Innovation, die es dafür braucht, müssen von uns kommen. Das ist auch der Gründungsgedanke der Digital Division von T-Systems: schnell digitale Kundenwünsche von morgen breit in die Fläche zu bringen.
Maier: Ich lerne von der Telekom sehr viel über Systematik und Methodik in Organisationen. Aber Bürokratie ist mir ein Grauen. Auch bei völlig neuen Themenfeldern wie der Elektromobilität, für die ich hier auf dem Campus von Urban Harbor große Firmen wie Bosch, Porsche und die Telekom mit kleinen und mittelständischen Unternehmen und Start-ups bis runter zum Ein-Mann-Unternehmen zusammenbringe. Darunter liegt mein originäres Geschäftsmodell, Immobilienprojektierung und -management. Ich docke es mit einem anderen Geschäftsfeld und Partnern, die dort stark sind, zusammen. Ich weiß aber nicht, wann dieses Projekt – für am Ende des Tages 9000 Arbeitsplätze – seinen Return-on-Invest zu erkennen gibt. Aber auf diese Art ein Projekt zu führen oder ein ganzes Unternehmen braucht Vertrauen in Partner und eigenes Durchhaltevermögen. In der Kombination ist das ein gutes Rezept für die Reise Richtung digitale Welt. Davon bin ich überzeugt.

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