Für die Digitalisierung braucht Deutschland ein nationales Ökosystem, um bei der zweiten Digitalisierungswelle vorne zu stehen.
Teambuilding

„Koalition der Kräfte.“

Damit die kontinentale Wirtschaft weiter floriert und die zweite Digitalisierungswelle nicht erneut an Asien und Amerika geht, braucht Europas Motor Deutschland ein nationales Ökosystem der Digitalisierung.
Autor: Prof. Dr. August-Wilhelm Scheer
Fotos: Scheer Group, Natalie Bothur, ToKo, Ines Escherich/Fraunhofer, Festo AG
Illustration: Andrew Timmins
Prof. Dr. August-Wilhelm Scheer
Prof. Dr. August-Wilhelm Scheer hat die Unternehmen der Scheer Holding konsequent auf die Digitalisierung ausgerichtet. Deren Schwerpunkte sind digitale Beratung, neue Softwarearchitekturen, Predictive Analytics, personalisierte Produkte, Security und KI. Trotzdem lebt der leidenschaftliche Saxofonist, wie er sagt, „nicht nur in meinem Hobby auch gerne weiter in der analogen Welt“.
Viele von uns können es schon nicht mehr hören: wie beispiellos schnell in den USA und in Teilen Asiens die Chancen der Digitalisierung erkannt und ergriffen wurden. Europa und allen voran Deutschland hatten das Nachsehen. Die stärkste Wirtschaftskraft des Kontinents wurde von Über-Nacht-Goliaths wie Apple, Amazon, Airbnb, Intel, Tesla, Ebay, Google, Facebook und Yahoo auf die Plätze verwiesen. Das ist zugegebenermaßen alles Geschichte. Eine Geschichte aber, die noch nicht zu Ende erzählt ist. Denn jetzt, da sich ganz neue Chancen ergeben, muss etwas passieren. Damit die kontinentale Wirtschaft bei der unterdessen gestarteten zweiten Welle der Digitalisierung nicht wieder eine selbst verschuldete Nebenrolle einnimmt, braucht Deutschland als starke Kraft in Europa ein nationales Ökosystem der Digitalisierung.
Und was hindert uns daran? Wo stehen wir uns beim Sprung auf diese nächste Welle der Digitalisierung selbst im Weg? Wer sollte in welcher Rolle Verantwortung übernehmen? Und vor allem wofür? – Zum Beispiel dafür, dass sich nicht jeder und alles, was am Thema Digitalisierung „hängt“, in Deutschland wie in einem Mobile nur um sich selbst dreht und nie mit dem anderen zusammentrifft. Denn nur so kann man dem Ganzen einen neuen Drill geben – im Sinne einer Koalition der Kräfte. Nur so kann man gemeinsame Schubkraft entwickeln.
„Wir brauchen Mut und die Bereitschaft, selbst gestellte Hindernisse zu beseitigen.“
Prof. Dr. August-Wilhelm Scheer
Unbestritten zählt Deutschland zu den (Wirtschafts-)Ländern, für die das Rennen um Chance Nummer zwei quasi eine Einladung darstellt. Und unbestritten wird es mit dem Internet der Dinge, dem Echtzeit-Internet und autonomen Systemen für Deutschland möglich – aufbauend auf seinen traditionellen Stärken bei hochwertigen physischen Produkten und „embedded systems“ mit digital veredelten Produkten –, im internationalen Wettlauf einen vorderen Rang zu belegen. Das ist aus meiner Sicht aber nur zu schaffen, wenn ein Digitalisierungsruck durch ganz Deutschland geht. Hin zu einem nationalen Ökosystem der Digitalisierung und getragen von drei Säulen: massiven Investitionen, bewusster Risikobereitschaft und disruptiven Veränderungen der Rahmenbedingungen. Deutschland darf sich nicht erneut mit der Rolle des Käufermarktes zufriedengeben. Unsere gesunde Industrie stellt einen Wettbewerbsvorteil dar, dessen Rendite wir jetzt mit Ideen und Umsetzungskraft erwirtschaften müssen. Dabei reicht es nicht, gut informiert und vorbereitet in den Startlöchern zu stehen. Wir müssen auch loslaufen, und zwar jetzt!
Es macht Mut, dass in Politik und Wirtschaft aus ursprünglicher Nachdenklichkeit die Erkenntnis gewachsen ist, dass man sich der digitalen Transformation zu stellen hat. Auch sind erste Schritte der Umsetzung durchaus erkennbar. In der Politik wird offen von veränderten Produktions- und Arbeitswelten gesprochen, die neue Rahmenbedingungen brauchen. Dass der frühere BITKOM-Präsident Dieter Kempf zum neuen BDI-Präsidenten gewählt worden ist, zeigt deutlich, dass die Industrie längst verstanden hat, wie wichtig die Digitalisierung ist. Eine ausgebuchte Hannover Messe Industrie (HMI), auf der unterdessen die großen IT-Unternehmen als Key-Player auftreten, gibt klare Signale: Die IT ist anfangs schleichend, aber in den vergangenen Jahren mit Macht dorthin zurückgekehrt, wo sie einst – via CeBIT 1986 – abgespalten wurde. Bei der HMI haben digitale Technologien als Auslöser und Treiber der vierten industriellen Revolution wieder den ihnen zustehenden Platz eingenommen. Denn „d!conomy – no limits“, das diesjährige CeBIT-Motto, ist längst kein Show Case mehr, sondern Real Life.
Venture Capital
3,1 Milliarden Euro Venturecapital wurden 2015 in Deutschland investiert, in den USA waren es 52,9 Milliarden.
Quelle: Roland Berger: Deutschland digital – Sieben Schritte in die Zukunft
Was aber muss getan werden, um die Wettbewerbsposition unserer bestehenden Erfolgsbranchen bei der Digitalisierung zu unterstützen sowie darüber hinaus neue Unternehmensgründungen zu motivieren und international erfolgreich zu machen? Beides ist für den Erhalt des Wohlstands unseres Landes unabdingbar.
Was wir brauchen, ist eine verstärkte positive Aufbruchsstimmung für die Digitalisierung. Wir müssen selbst gestellte Hindernisse beseitigen und mutig neue digitale Ufer ansteuern. Soft Skills, wenn man so will. Aber sie gelten sowohl für den Einsatz neuer Technologien als auch verstärkt für die Beteiligung an ihrer Entwicklung und Produktion.
Die dafür jetzt nötige Welle der Bewegung, um die Herausforderungen zu meistern und die Chancen zu nutzen – Stichwort Digitalisierungsruck –, hat aus meiner Sicht fünf „Handlungsbeauftragte“ (oder auf Neudeutsch: Stakeholder): Politik, Forschung, Wirtschaft, Verbände und Gesellschaft.

DAS POLITISCHE AUFGABENHEFT STEHT

So ist der Ausbau der Kommunikationsinfrastruktur, dafür klare Ziele zu setzen und konkrete, aber vor allem auch ehrgeizige Projekte auf den Weg zu bringen, eindeutig eine Aufgabe der Politik. Gigabitnetze zum Beispiel, die Standard werden sollten. Oder die Einführung bundesweit einheitlicher Systeme, die im E-Government Hemmnisse der verteilten Zuständigkeiten von Bund, Ländern und Gemeinden ausräumen. Auch müssen engmaschige Regeln zum Datenschutz hinsichtlich ihrer Bremswirkung auf Innovationen geprüft werden. Bundeskanzlerin Angela Merkel hat anlässlich des zehnten Nationalen IT-Gipfels Ende vergangenen Jahres in Saarbrücken in dem Zusammenhang erstmals von „Datensouveränität“ gesprochen und damit Offenheit für neue, aber nicht weniger verantwortungsvolle Entwicklungen gezeigt. Auch Kooperation wird zum erfolgskritischen Faktor: Warum werden zum Beispiel Einzelinitiativen verschiedener Bundesministerien und Länder zur Digitalisierung nicht stärker aufeinander abgestimmt, um auf diesem Weg mehr gemeinsame Schubkraft zu entfalten? Diese Transparenz und Zusammenarbeit kann und muss unser föderales System aushalten.
Ähnlich wie sich der Chief Digital Officer (CDO) in Unternehmen um die Koordination aller Fragestellungen zur sinnvollen Nutzung des Internets kümmert, brauchen wir auf Bundes- und Landesebene Digitalisierungsminister. Wenn quer durch die Republik Unternehmen mit Hochdruck daran arbeiten, Synergien zu heben, darf sich ausgerechnet der Staat nicht zu viel Zeit nehmen und den Eindruck aufkommen lassen, die Zeichen der Zeit nicht erkannt zu haben. Vom Staat gefordert ist die Rolle eines Leitinvestors, die nötig ist, damit Schlüsselkompetenzen, insbesondere aus dem Bereich der Sicherheit und Resilienz, von wirtschaftlich kritischen Infrastrukturen ausgebaut werden können.
Solche Fragen müssen im politischen Berlin dringend beantwortet werden. Denn neue Chancen liegen nicht zuletzt darin, durch Verbesserung der Infrastruktur einen wesentlichen Beitrag der öffentlichen Hand zur Erhöhung der Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands zu liefern und Voraussetzungen zur Steigerung der Innovationsgeschwindigkeit zu bilden. Die Schaffung neuer hochwertiger Arbeitsplätze würde sich unmittelbar im Bruttosozialprodukt, in den Steueraufkommen und unserem volkswirtschaftlichen Ranking niederschlagen.

WAS IST MIT DEM BEITRAG DER FORSCHUNG?

Staatlich finanzierte Forschungsinstitutionen müssen der Geschwindigkeit der Digitalisierung folgen und dafür sorgen, dass ihre Ergebnisse in Form von Produkten und Prozessen schneller umgesetzt werden und zur Anwendung kommen. Ausgründungen müssen motiviert und ihr Erfolg bei den Mutterinstituten belohnt werden. Wir brauchen neue Formen der digitalen Kommunikation zwischen Forschern und eine höhere Transparenz ihrer Ergebnisse durch Bewertungsverfahren. Allein das wäre schon ein handfestes Instrument, um die Veröffentlichung kleinerer, fokussierter Forschungsergebnisse zu unterstützen und zugleich die Pflege internationaler Forschernetzwerke zu forcieren. Hierzu sind neue kluge Köpfe gefragt, die den Generationswechsel von Forschern in von der Digitalisierung betroffenen Fächern beschleunigen. Dabei sind neu zu besetzende Stellen auf ihren Beitrag zur Digitalisierung zu bewerten und weitere Stellen speziell für den erfolgreichen Generationswechsel zusätzlich zu schaffen. Dies ist umso wichtiger, als in Deutschland gerade aus der Forschung heraus neue Chancen erwachsen. Und das ist ein Pfund, mit dem wir – vielleicht wie kein anderer – wuchern könnten. Denn mit unseren Universitäten und außeruniversitären Einrichtungen haben wir weltweit anerkannte Voraussetzungen, um auch bei der Digitalisierung mit führend zu sein. Dazu gehören Themen wie Industrie 4.0, autonome Systeme, künstliche Intelligenz (KI), taktiles Internet, 5G, Sicherheit, Bioinformatik oder auch Medizininformatik.
Zugleich bietet die in den vergangenen Jahren deutlich verbesserte Zusammenarbeit zwischen Wirtschaft und öffentlicher Forschung eine gute Grundlage für die notwendige Verstärkung der Innovationskraft in Deutschland. Die Schaffung nationaler Kompetenzzentren, etwa für Industrie 4.0, Big Data/Smart Data, IT-Sicherheit, Maschinelles Lernen, autonome Systeme oder Smart Services, würde zudem Anreize für Start-up-Gründungen sowie neue Vertriebs- und Dienstleistungen aus Deutschland schaffen.

25 Prozent aller deutschen Unternehmen mit mehr als 500 Mitarbeitern haben einen CDO.
25 Prozent aller deutschen Unternehmen mit mehr als 500 Mitarbeitern haben bereits die Funktion des CDO installiert.
Quelle: Bitkom Research, November 2016
WIRTSCHAFT LEBT VERSTÄRKT VOM TEILEN

Immerhin kommt von der Wirtschaft das klare Signal, dass sie den Handlungsbedarf zunehmend erkennt. Das heißt, dass sich Unternehmen der Wirkung der Digitalisierung stellen und deren Chancen konsequent nutzen, statt auf wenig innovative, gleichwohl bislang erfolgreiche Konzepte zu setzen. Voraussetzung dafür ist, dass die grundsätzlichen Treiber von digitalen Produkten, Prozessen und Geschäftsmodellen verstanden und zur Weiterentwicklung des eigenen Geschäfts genutzt werden. Dazu zählen die Personalisierung von Produkten, die Selbststeuerung von Menschen und Objekten, das Sharing von Ressourcen sowie der Ersatz geistiger Arbeit durch Algorithmen (KI). Neue mögliche Business-Modelle, die gegebenenfalls das bisherige Geschäft kannibalisieren, können durch Ausgründungen gefördert werden. Nur ein Beispiel für diese Richtung liefert aktuell der VW-Konzern, der mit der Gründung von Moia neue Wege in der Mobilitätsdienstleistung beschreitet und unter anderem Anbietern wie Uber die Stirn bieten will. Nicht zu unterschätzen ist auch der Vormarsch internationaler digitaler Plattformunternehmen, die etwa in bisher von der Fertigungstechnologie beherrschte Märkte wie den Automobilbau eindringen. Dabei ist der Trend zu digitalen Plattformunternehmen aber zunächst einmal grundsätzlich auf seine Bedeutung für das eigene Unternehmen zu analysieren. Will man selbst Plattformanbieter werden oder lediglich Zulieferer? Und inwieweit müssen Unternehmen dafür bereit sein, Know-how, Expertise und Ressourcen zu „sharen“?
Die Herausforderungen wirken auch konkret in die jeweiligen Unternehmen hinein: Bei der Entwicklung und Implementierung neuer digitaler Geschäftsmodelle geht es um die enge Verknüpfung von Business-Wissen, IT-Wissen sowie dem Wissen über operative Technologien – und damit um eine völlig neue Aufgabe, die bewältigt werden muss. Hielten wir noch vor zehn Jahren für unsere dringlichste Aufgabe, Business und IT zusammenzubringen, ist die heute nötige Erweiterung ungleich komplexer. Wenn man so will, geht es hier um Line Extensions der eigenen Kompetenz von Unternehmen und der Verantwortung ihrer Mitarbeiter. Schon jetzt wird Softwarekompetenz, um nur ein Beispiel zu nennen, zur kritischen Ressource. Auch benötigen digitalisierte Unternehmen eine neue Führungskultur, die stärker teamorientiert ist und eine neue Form der Zusammenarbeit der Generationen unterstützt.
All diese Herausforderungen lassen sich bewältigen, auch und gerade weil Deutschland sich in den vergangenen Jahrzehnten – anders als die USA, Großbritannien oder Frankreich – seinen Standort für die Produktion materieller Produkte und damit einen internationalen Marktzugang gesichert hat. Dadurch haben wir eine gute Ausgangsbasis auch für neue Technologien wie 3D-Druck, Industrie 4.0 und autonome Systeme zum Ausbau der Wettbewerbsposition. Als Start-up gegründete Handelsunternehmen zeigen ebenfalls internationale Erfolge, und ihre Mitarbeiter bereichern das Potenzial für weitere Start-ups. Ermutigend ist, dass viele Unternehmen bereits CDO-Positionen eingerichtet haben, um einen deutlichen Fokus auf die Kundenschnittstelle (Customer-Experience) und neue Geschäftsideen zu legen. Beides steht bei der Digitalisierung im Vordergrund, ebenso die Notwendigkeit, eigene Innovationsprozesse zu managen und nicht nur Innovation von außen einzukaufen.
Mehr als 800.000 Digital Professionals werden Schätzungen zufolge 2020 in Europa fehlen.
Mehr als 800.000 Digital Professionals werden Schätzungen zufolge 2020 in Europa fehlen.
Quelle: Roland Berger: Deutschland digital – Sieben Schritte in die Zukunft

ITK-INDUSTRIE MUSS ANTWORTEN FINDEN

Geht es um das Tempo der Digitalisierung hierzulande, müssen auch wir von der ITK-Industrie uns kritische Fragen gefallen lassen. Nehmen wir nur die Situation der Softwareindustrie: Wir brauchen deutsche ITK-Unternehmen mit Weltgeltung. Nur so können wir im globalen Digitalisierungsmarkt die Entwicklung mitbestimmen. Die dafür notwendige Skalierung von national erfolgreichen Start-ups im ITK-Umfeld setzt einen europäischen digitalen Binnenmarkt voraus, der heute noch nicht realisiert ist. Ich bin überzeugt davon, dass man für den notwendigen echten Niveausprung zur Weltgeltung sogar ein europäisches Programm benötigt, ähnlich den Airbus- oder CERN-Projekten. So könnte man auch der Herausforderung begegnen, dass neue Entwicklungen wie Cloud Computing, Big Data Analytics, mobile Anwendungen oder Omni-Channel-Zugang hohe Entwicklungsinvestitionen erfordern. Zugleich würde dadurch auf europäischem Niveau der bestehende Fachkräftemangel ausgeglichen. Warum nicht neben solchen Planungsansätzen für die Zukunft schon jetzt bestehende Chancen nutzen? Mittelständische Softwareunternehmen können sich durch Nischenlösungen für die großen Plattformanbieter von deren Erfolg mitziehen lassen. Das ist ein zuverlässiges Fahrwasser, zumal auch die Plattformanbieter auf möglichst viele Partner zur Ausnutzung des „Long-Tail-Effekts“ angewiesen sind.
Nichts liegt näher, als dass sich solche Nischenlösungen insbesondere und unmittelbar auf in Deutschland erfolgreiche, differenzierte Industrien beziehen – wie den Maschinenbau, die Automobilbranche und die Hersteller von Haushaltsgeräten. Für Start-ups sind insbesondere komplexe Themenstellungen aus Business Analytics, Sicherheit, KI und Robotik lohnend, da hier der noch hohe Ausbildungs- und Forschungsstand junger Kreativer durchschlägt und sowohl Neugründungen wie etablierte Firmen hierzulande in eine extrem privilegierte Lage versetzt.

NEUE CHANCE DER SOZIALPARTNER

Welche Rolle sie im Rahmen der digitalen Transformation spielen können und welche Chancen durch das Beharren auf ein traditionelles Aufgabenverständnis gegebenenfalls verloren gehen, ist eine Frage, die sich direkt an Verbände und Sozialpartner richtet. Die Digitalisierung bietet neue Aufgabenfelder für fortschrittliche Verbandsstrukturen. Dazu gehören auch neue Chancen für die Weiterbildung der Mitglieder. Zum Gedeihen eines nationalen Ökosystems der Digitalisierung gehört nämlich auch, sich als Sozialpartner aktiv in die Gestaltung flexibler Arbeitsformen einzubringen und die entsprechenden Rahmenbedingungen mitzugestalten. Eine latente Verweigerungshaltung oder gar reflexhaftes Bremspedaltreten würde das Risiko eines nationalen Bedeutungsverlustes in sich bergen, weil sich dann neue, flexiblere Strukturen sofort andernorts ergeben würden. Wie im Fall des „Wegs des geringsten Widerstandes“ lassen sich manch alte Gesetze – der Physik zum Beispiel und der menschlichen Natur – eben einfach nicht aushebeln.
„Die digitale Welt führt nicht zu einem neuen Kosmos. Aber dessen Grenzen werden ständig neu ausgelotet.“
Prof. Dr. August-Wilhelm Scheer
Auch deshalb geht es darum, dass ein Digitalisierungsruck durch die gesamte Gesellschaft gehen muss. Im Sinne eines – nicht bösen, weil doch noch rechtzeitigen – Erwachens müssen wir alle erkennen, dass die digitale Welt nicht zu einem neuen Kosmos führt, aber dessen Grenzen ständig neu auslotet und andere Regeln setzt. Sich darin zurechtzufinden erfordert eine neue individuelle Verantwortung jedes Einzelnen für sich selbst und auch das Bauen von Brücken zu anderen. Dafür gilt es, den digitalen Graben zwischen Jung und Alt verschwinden zu lassen und Ängste durch die Bereitschaft zur Beschäftigung mit neuen Techniken abzubauen.
Junge Menschen müssen offen für Karrieren im digitalen Zeitalter sein. Dabei muss die generelle Bereitschaft zum lebenslangen Lernen zur Selbstverständlichkeit werden. Die Chancen der Digitalisierung sollten dazu Mut machen. Dazu gehören neue, flexible Arbeitsmodelle, die mehr Freiheiten für die individuelle Selbstentfaltung bieten, ebenso etwa die Vorteile durch digitale Unterstützungssysteme in Mobilität und Haushalt, die insbesondere für ältere Menschen die Lebensqualität erhöhen. Nicht zuletzt hier hat der Nationale IT-Gipfel im vergangenen November durchaus Zeichen gesetzt. Vor allem weil er zwei Dinge deutlich gemacht hat: wie digitale Infrastrukturen selbstständiges und individualisiertes Lernen ermöglichen und wie die Nutzung digitaler Medien und Bildungssysteme einen offenen Zugang zu einem besseren Verständnis der Welt eröffnen können. Warum zögern wir noch?

Weitere Informationen

Weitere Beiträge