Mit seiner Online-Uni Udacity möchte Vordenker Sebastian Thrun Wissen demokratisieren und jeden zum lebenslangen Lernen anregen.
Vordenker

Der Grenzgänger.

Dieser Informatikprofessor baute schon vor zehn Jahren selbstfahrende Autos, forschte für Google und Schweizer Banken. Mit der Online-Uni Udacity will Sebastian Thrun Wissen für alle verfügbar machen.
Autor: Anja Steinbuch
Fotos: Mathew Scott/AUGUST
Braun gebrannt und mit der drahtigen Figur eines Marathonläufers gibt Sebastian Thrun nicht unbedingt das klassische Bild eines intellektuellen Stanford-Professors ab. Im Alter von gerade mal 50 Jahren hat er bereits drei hochkarätige Karrieren hingelegt. Und er ist weiter in Bewegung. Warum? „Technologie macht so unfassbar schnell Fortschritte. Wenn wir stillstehen, werden wir zurückgelassen.“
„Lernen muss eine Aufgabe für das ganze Leben werden – so alltäglich wie Zähneputzen.“
Sebastian Thrun,
Gründer der Online-Universität Udacity
Das Leben ist für ihn ein nie endender Prozess der Veränderung und zugleich die Chance, ständig neue Grenzen auszuloten. Am liebsten würde er immer wieder von einer Klippe springen, um irgendwann doch fliegen zu lernen. Diese Einstellung brachte den in Solingen Geborenen in den 1990er-Jahren über die Universität Bonn in die USA auf einen Professorenposten an der Elite-Uni Stanford. Seine Steckenpferde: Robotik und künstliche Intelligenz. „Rhino“ hieß sein erster Roboter, der Besucher eigenständig durch Museen führte; „Pearl“ pflegte kranke Menschen; mit seinem selbstfahrenden Auto „Stanley“ gewann er ein Wüstenrennen bei Las Vegas. Google-Gründer Larry Page holte ihn an Bord und übergab ihm das Forschungslabor Google X. Er gehört zu den gefragtesten Köpfen im Silicon Valley. Als Buchautor und Keynote-Sprecher könnte er sich zufrieden zurücklehnen. Aber dann wäre er nicht Sebastian Thrun.

DISRUPTION IST KREATIVITÄT

With his online university Udacity, pioneer Sebastian Thrun wants to democratize knowledge and promote lifelong learning.
Im Silicon Valley ist der Deutsche Sebastian Thrun ein Star. Auf sein Studium der Informatik, Medizin und Ökonomie in Heidelberg und eine Promotion summa cum laude in Bonn folgten Forschung und Lehraufträge in den USA an der Carnegie Mellon University und eine Professur in Stanford. Larry Page holte den preis gekrönten Deutschen zur Ideenschmiede Google X. Mit Udacity betreut Thrun inzwischen mehr als drei Millionen Studenten. Nur fünf Jahre nach ihrer Gründung wird der „Unternehmenswert“ der Online-Uni bereits auf eine Milliarde US-Dollar geschätzt. Thrun lebt und arbeitet in Mountain View, im Herzen des Silicon Valley.
Er geht dorthin, wo Wandel ist: Die Digitalisierung transformiert die Wirtschaft. Roboter rechnen, diagnostizieren, steuern Flieger, Schiffe und Autos. Disruptive Dienste wie Netflix, Spotify, PayPal oder Lendico bedrohen traditionelle Geschäftsmodelle. „Das ist erst der Anfang. Disruption ist Kreativität“, ist Thrun überzeugt. Deshalb behält er auch stets den Menschen im Blick. „Er ist das Zentrum unserer Welt“, sagt Thrun. „Und deshalb denken wir, wenn wir Technologien wie zum Beispiel künstliche Intelligenz reflektieren, immer auch über die Natur des Menschen nach.“ Nicht wenige dieser Technologien dienten bisher vor allem zwei Zwecken – dem Menschen übermenschliche Kräfte zu verleihen und sein Leben einfacher zu machen. Der Pflug, der Traktor, das Auto, das Flugzeug waren allesamt dazu da. Die fortschreitende Digitalisierung, und vor allem die künstliche Intelligenz werden dabei noch eins draufsetzen. „Nun ergänzen und verstärken Maschinen nicht nur die motorischen Fähigkeiten des Menschen, sie werden ihm zukünftig fast alle repetitiven Tätigkeiten abnehmen.“
Doch um an dieser Entwicklung von Anfang an teilzuhaben und quasi „Herr der Dinge“ zu bleiben, müssen wir wieder lernen zu lernen. In der Informatik zum Beispiel erneuert sich das Wissen alle fünf bis sieben Jahre. Ein Amerikaner behält seinen Job im Durchschnitt nur vier bis fünf Jahre lang. Danach muss er sich etwas Neues suchen. „Um das zu finden, muss er sich bilden“, so Thrun.
Mit seiner Online-Uni Udacity will er das Wissen demokratisieren. 2011 startete er seinen Unterricht aus dem Internet. „Man stelle sich vor, Firmen in allen Ländern, die verzweifelt Webentwickler, Programmierer oder Mathematiker suchen, hätten endlich all die hoch qualifizierten Mitarbeiter, die sie brauchen – wäre es dann nicht logisch, dass sich alle daran beteiligen?“ Thruns Lösung: Kurse und „Bildungspläne“, die von Internetunternehmen wie Google und Facebook, Softwareanbietern wie Salesforce oder Alteryx, aber auch klassischen Industriekonzernen wie BMW oder Mercedes-Benz gestaltet werden. Am Ende gibt es für die Absolventen firmeninterne „Nanodegrees“. Udacity-Kurse kosten im Schnitt 200 Dollar im Monat. Wer besonders nachgefragte, teure Seminare belegt, bekommt eine Jobgarantie – ansonsten seine Gebühr zurück. Der Markt scheint Sebastian Thrun auf jeden Fall recht zu geben. Die gemeinsam von der Industrie und Udacity entwickelten Nanodegrees kommen bei Unternehmen und Absolventen gleichermaßen gut an. Denn im Sinne eines selbst organisierten Lernens sammeln Kursabsolventen statt eines Universitätsabschlusses bei Udacity digitale Zertifikate (Badges), die sie als Ausweis neuer Skills auf ihrem LinkedIn-Profil gleich neben dem Lebenslauf platzieren.
Logo Udacity
Mehr als 4 Millionen Studenten hat die Online-Universität Udacity heute (Quelle: t3n). Mehr als 160.000 Teilnehmer aus aller Welt schrieben sich spontan für Thruns erstes, versuchsweise ins Internet gestellte Seminar ein (Quelle: Wired, November 2016).
„Lernen muss eine Aufgabe für das ganze Leben werden – so alltäglich wie Zähneputzen oder Duschen, weil eine einzige Ausbildung nicht mehr ausreicht“, resümiert Thrun. Und das mache sogar Spaß, verspricht er. Bildung darf nicht einer kleinen Elite vorbehalten sein. „Wir sehen Bildung nicht im Sinne einer teuren Rolex, sondern im Geist von Ikea: Wir wollen so viele Leute wie möglich gut ausbilden.“
Und die Uhr tickt. Denn die Aufgaben, die noch auf uns zukommen, sind kaum abzuschätzen: „99 Prozent der interessanten Dinge sind noch nicht erfunden“, versichert Thrun und meint damit explizit auch klassische Forschungsfelder wie Gesundheit, Biologie und Chemie. So ist der Deutsche davon überzeugt, „dass wir in absehbarer Zeit unsere Lebenserwartung noch einmal verdoppeln werden“. So wie es die Physik und das Verbreiten von Wissen über simple Mechanik oder Hygiene zum Beispiel – also im Grunde wieder ständiges Lernen – in weniger als 300 Jahren schon einmal geschafft haben.
Und nicht zuletzt dafür will Thrun mit Udacity die Härte der digitalen Transformation abfedern. „Die Nachfrage ist groß. Die Menschen nehmen ihre Karriere in die eigene Hand und fragen weniger nach Staatshilfe“, sagt Thrun. Jeder müsse in seine Karriere künftig selbst investieren. Auch das gehört zur Demokratisierung des Wissens.

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