Was bedeutet smart? In seinem Gastbeitrag geht Peter Glaser der Geschichte des Wortes auf den Grund.
Gastbeitrag

Alles smart?

Frecher als klug, sozialer als clever, lässiger als bloß intelligent: Der Begriff smart ist gar nicht so einfach zu fassen.​​​​​​​
Autor: Peter Glaser
Fotos: Bettmann/Getty Images, Carola Rieger
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Das Wort hat eine lange, erstaunliche Reise hinter sich. Zwei Jahrtausende vor unserer Zeitrechnung entstand rund um die Ostsee die urgermanische Sprache, deren Wortwurzel „smarta“ so viel wie schmerzend bedeutet. Im Altenglischen wurde daraus „smeart“ – etwas, was einen scharfen, stechenden Schmerz verursacht. Um 1300 wurde das inzwischen zu „smart“ abgeschliffene Wort bereits auch in einem übertragenen Sinn für „schneidende“ Bemerkungen verwendet und mit Eigenschaften wie „schlagfertig“ und „stark“ in Verbindung gebracht. Bis ins 17. Jahrhundert hatte sich die Bedeutung weiterverästelt – jemandem, der smart war, wurde nunmehr attestiert, klug, gewitzt und kenntnisreich zu sein. Menschen mit Sinn für Mode erweiterten das Bild, nun konnte man smart, alias adrett, gekleidet sein. Und vor rund 150 Jahren fand „smart“ schließlich als schickes Fremdwort zurück ins Deutsche.
In den 1950er-Jahren begann die unaufhaltsame Ausbreitung des Begriffs. Cool zu sein reichte nicht mehr, das moderne Leben verlangte nach noch etwas anderem. Smart zu sein schien diese Sehnsucht zu lindern. Der frühe James Bond, gespielt von Sean Connery, ist smart, wie es smarter kaum geht: schneller als die anderen, scharfsinnig, ohne sich anstrengen zu müssen, und auf elegante, wendige Art regelverletzend. Frech, provokant, geradezu unmoralisch. Smart eben. Inbild der smarten weiblichen Erscheinung wurde Emma Peel. Die von Diana Rigg verkörperte Geheimagentin aus der englischen Fernsehserie „Mit Schirm, Charme und Melone“ (Originaltitel: „The Avengers“) gilt mit ihren Auftritten im ledernen Catsuit oder in mit kühnen Op-Art-Mustern bedruckten Minikleidern und einer unnachahmlichen Zurückgelehntheit noch heute als Stilikone und Rollenvorbild.
Die attraktive neue Eigenschaft wurde dermaßen populär, dass sie nach Parodie schrie. Die Comedy-Serie „Mini-Max“ (Originaltitel: „Get Smart“) machte sich Anfang der 70er-Jahre an die Arbeit, Smartness mitsamt dem Agentenmilieu und dem damals zur Abwechslung gerade mal wieder vorherrschenden Technikoptimismus ausgiebig auf die Schippe zu nehmen. Die Geschichte dreht sich um den Geheimagenten Maxwell Smart, dessen Ausrüstung einen mutigen Vorgriff in die Zukunft wagt. So gibt es im Hauptquartier einen menschenförmigen Roboter namens Hymie, der allerdings ein bisschen doof ist – ein trickreicher Ausgleich zu zu viel Smartsein. Und in Gestalt eines Schuhtelefons führt Mr. Smart bereits das Schlüsselelement des Kommunikationszeitalters vor, das Mobiltelefon respektive das Smartphone.
Peter Glaser
Peter Glaser, 60, wurde – nach eigenen Angaben – „in Graz als Bleistift geboren und lebt heute als Schreibprogramm in Berlin“. Er ist Ehrenmitglied des Chaos Computer Clubs, Ingeborg-Bachmann-Preisträger und Kolumnist der „Neuen Zürcher Zeitung“.
Erst waren nur Menschen smart, nun wurden es auch die Dinge. Gegen Ende des 20. Jahrhunderts begannen technische Objekte sich zu verhalten, „als ob sie von einer Intelligenz angeleitet würden“. In Wortstatistiken zur Häufigkeit, mit der das Wort smart in Millionen digitalisierten Büchern der letzten anderthalb Jahrhunderte verwendet wird, ist ab Anfang der 90er-Jahre ein raketenmäßiger, bis heute ununterbrochener Anstieg der Nennungen zu erkennen. Mit dem Attribut smart wird heute nicht nur auf die besondere Modernität von Hardware oder Software hingewiesen. Als besonderes Feature steht es bei einem Produkt auch für klein und handlich, pfiffig und effizient. Vor allem aber holt sich das smarte Ding (und inzwischen ist von einem ganzen Internet of Things (IoT) die Rede) alles, was es braucht, ganz von selbst aus dem Netz. „Smart bedeutet heute nicht mehr nur technische Raffinesse“, sagt Andrea Licata, der in Berlin das „smart green“ Start-up Talenteco gegründet hat, „es ist ressourcenschonend, umweltfreundlich und nachhaltig.“
Wer sich heute ein Telefon kauft, mit dem man kaum noch telefoniert, das einem dafür aber das Gefühl gibt, damit bis zum Mond fliegen zu können, wenn man jemals die Bedienungsanleitung lesen würde, der weiß: Es ist ein Smartphone. Die kleinen Maschinen sind zum Inbegriff dessen geworden, was den Begriff smart im Zeitalter des digitalen Wandels ausmacht. Das Smartphone hat nicht nur unsere Kommunikationsgewohnheiten tief greifend verändert. Es ist, mit einem Füllhorn voller Apps für jede Gelegenheit, zu einer Fernbedienung für unser ganzes Leben geworden.
Inzwischen reden alle von künstlicher Intelligenz (KI). Wieso versucht eigentlich niemand, einem Computer beizubringen, wie man smart ist? Müssten die Menschen dann eine Art Supersmartness befürchten, so wie manche KI-Mahner vor hyperintelligenten Robotern warnen, die irgendwann die Kontrolle über die Menschheit und die Evolution übernehmen könnten? Es ist so ähnlich wie mit dem Humor. „Das Traumziel der KI wäre erreicht“, so Professor Wolfgang Wahlster, Vorsitzender des Deutschen Forschungszentrums für Künstliche Intelligenz, „wenn ein Computer einen Stummfilm mit Buster Keaton sähe und an den richtigen Stellen lachte.“ Smart zu sein – und nicht einfach nur intelligent und überraschend – wird auch für die mächtigste Maschine wohl noch lange, wenn nicht für immer, eine Utopie bleiben. In der Zwischenzeit kann sie uns Menschen dabei helfen, diese faszinierende Fähigkeit fortzuentwickeln. „Wir werden mit Gehirnsimulationen in der Cloud verschmelzen“, stellt Ray Kurzweil, Leiter der technischen Entwicklung bei Google, in Aussicht, „und dann noch smarter sein.“

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