Die Sharing Economy ist für Politikerin und Theologin Ida Augen Teil einer nachhaltigen Ökologie und Kreislaufwirtschaft.
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„Programmierer sind schneller als Regulierer.“

Wie wird Digitalisierung unser Tun und Sein in zwölf Jahren ausfallen lassen? Smarter Ausblick der Theologin und ehemaligen dänischen Umweltministerin Ida Auken.
Autor: Heinz-Jürgen Köhler
Fotos: Claus Bjoern Larsen
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Willkommen im Jahr 2030. Willkommen in meiner Stadt, oder sollte ich sagen, unserer Stadt …“ So beginnt ein Text, den Ida Auken 2016 für das World Economic Forum geschrieben hat. Sehr geschickt überführt sie darin technische und soziale Entwicklungen in ein Bild vom alltäglichen Leben im Jahr 2030. Die Menschen haben freien Zugang zu allen Gütern: Essen, Wohnen, Mobilität. „Die große Entwicklung, die hinter dieser Vision steckt“, so Auken, „ist die vom Produkt zum Service. Jedes Produkt ist in Wahrheit eine Dienstleistung, die darauf wartet, in Anspruch genommen zu werden.“

Sharing plus Kreislaufwirtschaft

Hinter der Entwicklung zur Sharing Economy steht natürlich die Digitalisierung. Nur digital lässt sich eine Plattform bereitstellen, die alle fürs Teilen nötigen Daten erfasst. Denn: „Das Sharing muss für die Menschen bequem sein, sonst machen sie nicht mit“, so Auken. Dabei hält sie die Sharing Economy für unvermeidlich. „Es ist doch absurd, dass ein Auto 95 Prozent der Zeit ungenutzt herumsteht.“ Einhergehen müsse damit die Kreislaufwirtschaft, fordert die Dänin. Konsumgüter in der Sharing Economy werden höherwertig und für eine längere Lebensdauer produziert. Und was danach entsorgt werden muss, wird einem Kreislauf zugeführt und wiederverwertet.
Mit ihrer Art „Predictive Statement“ beim World Economic Forum wollte die Politikerin Sensibilität schaffen. „Aber es hat mir auch selbst die Augen geöffnet. Ich hätte vorher nicht gedacht, wie radikal die Privatsphäre von diesen Entwicklungen bedroht ist.“ Nicht erst wenn ein Mensch im Jahr 2030 seine Wohnung über Tag Firmen für Konferenzen zur Verfügung stellt, schon wenn seine Fahrten mit dem Sharing-Fahrzeug dokumentiert werden, ist das Private bedroht. Durch Digitalisierung und soziale Medien stehe es um die Privatsphäre ähnlich wie vor 200 Jahren, so Auken. „Damals wohnten die Menschen in kleinen Gemeinschaften, und jeder wusste alles über jeden. Heute wissen große Konzerne viel über das Privat- und vielleicht auch über das intime Leben der Konsumenten.“
Die Sharing Economy ist für Politikerin und Theologin Ida Augen Teil einer nachhaltigen Ökologie und Kreislaufwirtschaft.
Als dänische Umweltministerin von 2011 bis 2014 hat Ida Auken, Jahrgang 1978, die Transformation des Landes hin zur nachhaltigen Ökologie und zur Kreislaufwirtschaft angeschoben. Beim G-20-Gipel in Rio 2012 war die studierte Theologin Vorsitzende der Umweltministerkonferenz der EU.
​​​​​​​Den heutigen Umgang mit Daten vergleicht sie mit dem Verhältnis zur Umwelt in den 1960er-Jahren. „Damals wurde achtlos mit Müll und Emissionen umgegangen“, warnt die ehemalige dänische Umweltministerin. Doch: „Die Menschen müssen wissen, was mit ihren Daten passiert.“ Das können nicht die nationalen Staaten für sie regeln. „Das Problem mit der digitalen Welt ist, dass sie sich nicht um Grenzen schert. Nötig ist ein internationaler demokratischer Austausch darüber, was Staaten und Konzerne über uns wissen sollen.“ Dabei sieht sie ein Problem: „Programmierer sind immer schneller als Regulierer.“
Deshalb ist ein breites Regelwerk nötig, das Formen des grundsätzlichen Umgangs miteinander im Zeitalter der Digitalisierung garantiert. Etwa: zehn Menschenrechte gegenüber der Technologie, die zum Beispiel Eigentums- und Nutzungsrechte unzweideutig klarstellen.
In sehr unterschiedlicher Geschwindigkeit folgten die Menschen der digitalen Transformation, so Auken. „Es gibt Insider und Outsider.“ Die Outsider sind entweder Menschen, die sich der Digitalisierung verweigern, oder solche, die einfach nicht mehr mitkommen. Von Letzteren werde es zukünftig sehr viele geben, ist sie überzeugt. „Viel mehr etwa, als sich von der Globalisierung abgehängt gefühlt haben.“ Um dem vorzubeugen, hilft nur Bildung. „Das betrifft ganz praktisch die Fähigkeit, digitale Angebote zu nutzen, zu kreieren und zu programmieren. Aber auch das kritische Denken über Technologie muss gestärkt werden“, fordert Auken.

Neue Art der Entscheidungsfindung

Bis 2030 sollen in Dänemark nur noch erneuerbare Energien eingesetzt werden. Dafür kämpft Ida Auken.
Als Politikerin praktiziert Auken etwas, was sie „reversed lobbyism“ nennt. „Wenn Menschen mit einem konkreten Anliegen zu mir kommen, versuche ich, ihnen zu helfen. Und ich gebe ihnen meine Botschaft über Nachhaltigkeit und Kreislaufwirtschaft mit.“ Den eigentlichen Antrieb für Fortschritt sieht sie in der Begegnung mit Menschen. Bürger unterschiedlicher Herkunft und Ausbildung kommen zusammen und tauschen sich aus. „Wenn man Menschen zusammenbringt, entsteht Magie. Ich sehe das auch als eine neue Art, mit Entscheidungsfindung zu experimentieren.“

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