Im Interview: IDC-Expertin Lynn Thorenz spricht über moderne IT-Architecture und deren Bedeutung für den Geschäftserfolg.
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Smartes Unternehmen: Jeder ist ein Entwickler.

Eine zukunftsgerichtete IT-Architektur und Mitarbeiter, die selbstständig digitale Innovationen schaffen können – das ist nach Meinung von IDC-Expertin Lynn Thorenz die Essenz für ökonomischen Erfolg in der digitalen Ära.
Autor: Sven Hansel
Fotos: plainpicture/Hero Images, www.sarahkastner.de
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Podcast: Interview

Frau Thorenz, ist smartes Computing für die Analysten der IDC auch ein Topthema?

Unbedingt, unseren Prognosen zufolge werden noch in diesem Jahr beispielsweise 30 Prozent der großen globalen Städte eine ergebnisorientierte Smart-City-IoT-Plattformstrategie entwickeln.

Mit dem Ziel?

Um beispielsweise Geräte miteinander zu verbinden, Daten von verschiedenen Stadt-Domänen und Technologieanbietern zu sammeln und zu verwalten, neue Lösungen schnell zu implementieren und eine einheitliche Sicht auf die Stadt zu schaffen. Wir erwarten ebenso, dass bis in zwei Jahren 15 Prozent der großen globalen Katastrophenschutzorganisationen in Städten und Ländern eine Kombination aus Augmented- und Virtual-Reality-Lösungen einsetzen werden, um Gefahrensituationen besser einschätzen und auf diese reagieren zu können. 

Erwarten Sie diese Entwicklung auch bei privatwirtschaftlichen Unternehmen?

Grundsätzlich ja. Bereits im vergangenen Jahr vertraten wir die These, dass alle Unternehmen ihre Arbeitsweise auf die digitalen Innovationsnetzwerke umstellen müssen. Daran hat sich nichts geändert, und viele sind auf einem guten Weg. Indes ist es bei manchen leider schon fünf vor zwölf.

Wie meinen Sie das?

ALTERNATIVTEXT einsetzen (!)
Lynn Thorenz ist Associate Vice President Research & Consulting für IDC Deutschland und die Schweiz. Ihre Analysen widmen sich vor allem der sogenannten dritten Plattform (Mobile Computing, Cloud Services, Big Data und Analytics sowie soziale Netze). Vor ihrer Tätigkeit bei IDC arbeitete Lynn Thorenz unter anderem als Senior Analyst & Consultant bei Pierre Audoin Consultants (PAC). 
Gerade im Mittelstand erleben wir es immer noch, dass das ERP die Kernapplikation des Unternehmens ist, eingebunden in ältere Infrastrukturen, an die sich aber niemand herantraut. Auf solchen Legacy-Systemen lässt sich die IT jedoch nicht ganzheitlich erneuern, wie es für die Digitalisierung und auch für das smarte Unternehmen notwendig ist.

Stattdessen?

Um smart zu werden, benötigen Unternehmen eine, wie wir es genannt haben, DX-Plattform. Das steht für „Digital Experience“. Eine zukunftsgerichtete IT-Architektur, mit der sie dann schnell Produkte und Services auf den Markt bringen können und die gleichzeitig die IT von innen heraus modernisiert. Diese Plattform ist stets nach außen gerichtet, datengetrieben und verfügt über offene Schnittstellen zur Anwendungsprogrammierung. Cloud-Services sind dabei ein zentraler Enabler.

Und das ist alternativlos?

Ja, denn nach unseren Prognosen wird schon bis 2021 die Hälfte der globalen Wertschöpfung digitalisiert sein. In sämtlichen Branchen werden dann digitalisierte Angebote, Arbeitsweisen und Beziehungen das Wachstum antreiben. Unternehmen, die hier nicht mitziehen, fällt ihre Legacy-IT spätestens dann auf die Füße. Und in zehn Jahren kommt der große Cut. Dann ist die digitale Transformation sehr weit gediehen, und wer sich bis dahin nicht richtig aufgestellt hat, bewegt sich nur noch in schrumpfenden Märkten.

Warum ist das so?

Cloud, Vernetzung, Data Analytics, künstliche Intelligenz – das sind nur ein paar der entscheidenden Eckpfeiler der smarten Welt. Diese müssen jedoch auf unterschiedlichsten Plattformen miteinander verknüpft und tief in das Unternehmen integriert werden, damit sie ihr volles Potenzial ausspielen können. In der alten IT-Welt löste man solche Herausforderungen allein mit Schnittstellen. Das wird in der smarten Welt aber nicht ausreichen. Durch APIs ist die DX-Plattform auf gar keinen Fall zu ersetzen. Notwendig ist eine Plattformstrategie.

Und die von Ihnen angesprochenen Eckpfeiler sind nachhaltig genug, sodass sich die Investitionen dafür auch lohnen?

Absolut. Bereits in zwei Jahren werden 40 Prozent aller Initiativen der digitalen Transformation die eine oder andere Form der künstlichen Intelligenz nutzen. Und bis 2021 wird sie in 75 Prozent der kommerziellen Unternehmensapplikationen eingesetzt werden. Oder nehmen Sie beispielsweise smarte Services: Wir denken, dass bis 2020 bereits ein Viertel aller im Außendienst arbeitenden Techniker und Wissensspezialisten Augmented Reality verwenden wird.

Demnach erwarten Sie einen unternehmensübergreifenden Einsatz von smarten Technologien?

„Nach unseren Prognosen wird schon bis 2021 die Hälfte der globalen
Wertschöpfung digitalisiert sein.“
Lynn Thorenz, Associate Vice President Research & Consulting, IDC Deutschland & Schweiz
Ja, wir werden immer mehr Applikationen erleben, die ganz ohne oder mit lediglich geringen Programmierkenntnissen geschaffen werden können. Das heißt, eine wachsende Zahl von Mitarbeitern ohne IT- oder sonstiges technisches Fachwissen wird in der Lage sein, Programme zu entwickeln und digitale Innovationen zu schaffen. Mit diesem „lowcode/no-code“-Prinzip wird es jede Menge Entwickler ohne Technikhintergrund geben. Jeder bekommt derart leistungsfähige Werkzeuge an die Hand, mit denen sich zielgerichtet Lösungen für seine Probleme erstellen lassen. Das wird aber nur dann passieren, wenn ein Unternehmen dieses Potenzial zu nutzen weiß und seinen Mitarbeitern den Zugang zu solchen Tools gewährt. Man muss eine Kultur schaffen, in der jeder ein Entwickler ist.

Sie sind zuversichtlich, dass das funktionieren wird?

Dieser Trend wird nicht mehr aufzuhalten sein. Schauen Sie mal, wie spielerisch und selbstverständlich Siebenjährige heute mit Robotik umgehen, die etwa in ihrem Lego-Spielzeug bereits vorhanden ist. Smart zu sein ist keine Frage der Technologie, sondern beginnt im Kopf.

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