Die Applikationslandschaft von Linde ist dank eines Transitions- und Transformationsprojekts wieder State of the Art.
Linde

Lindes geräuschlose Transformation.

Mit 50 Stundenkilometern düst er durch den Stadtverkehr. Doch aus dem Auspuff des blauen Hyundai ix35 kommt nichts als reiner Wasserdampf. Das Fahrzeug ist Teil der weltweit ersten emissionsfreien Carsharing-Flotte – ein Vorzeigeprojekt des Industriegase-Herstellers Linde. Unter der Marke BeeZero setzt das Unternehmen – und das ist die eigentliche Pioniertat – ausschließlich Fahrzeuge mit wasserstoffbetriebenen Brennstoffzellen ein. Seit Anfang des Sommers sind 50 dieser Autos in München unterwegs.
Autor: Thorsten Rack
Fotos: Linde AG (2), T-Systems
Doch nicht nur in ihrem Kerngeschäft setzt die Linde AG auf neue Technologien. Auch was die eigene IT betrifft, hat das Unternehmen den Anspruch, State of the Art zu sein, und entwickelt – konkret seit 2009 – seine Infrastruktur-, Prozess- und Anwendungslandschaft konsequent weiter. „Damals suchte Linde einen erfahrenen Outsourcing-Partner, der über die notwendige Expertise und technische Infrastruktur verfügte, um den kompletten Rechenzentrumsbetrieb zu übernehmen“, sagt Stefan Bucher, Senior Vice President Solutions & Projects bei T-Systems. „Wir haben den Zuschlag erhalten und in der Folge Hunderte Geschäftsapplikationen, die in Linde-Rechenzentren in München, Stockholm und Guildford (England) betrieben wurden, in unserem Münchner Data Center konsolidiert.“ Seitdem bezieht und bezahlt das Gase- und Engineering-Unternehmen seine Rechen- und Speicherleistungen nach Bedarf dynamisch aus der Cloud.
Ganz aktuell läuft ein weiteres gemeinsames Transition- und Transformationsprojekt. Dabei wird quasi das Herzstück der Linde-Applikationslandschaft, 160 weltweite Geschäftsanwendungen des Münchner Konzerns, von der alten Plattform App-Com 2.5 auf die neue Plattform DCS® 3.0 migriert. „1400 Server sind von der Umstellung betroffen“, gibt Sebastian Mahler, Head of Enterprise Infrastructure der Linde AG, einen Eindruck von der schieren Größe des Projekts, „aber der Aufwand lohnt sich.“ Denn wie fast alle IT-Einheiten steht auch das 1000-Mann-Team um Linde-CIO Sandeep Sen vor der Herausforderung, immer mehr Leistung zu geringeren Kosten erbringen zu müssen. In diesem Sinne rechnet Sebastian Mahler „neben Kostenvorteilen auch mit einer größeren Skalierbarkeit und einer weiteren Stabilisierung der Services, die uns der aktuelle Umzug bringen wird“.
Innerhalb von zwei Jahren sollen sich die Ausgaben für das Migrationsprojekt amortisiert haben. „Da die Betriebskosten durch den Einsatz der neuen Plattform etwa zehn Prozent niedriger sind, rechnet sich der Aufwand schnell“, sagt Transition- und Transformationsmanager Reiner Hepp von T-Systems. Dies gilt jedoch nur, wenn der Umzug der Applikationen ohne größere Ausfälle gelingt. „Das Geschäft von Linde“, so Mahler, „hängt massiv an den Core-IT-Systemen. Eine IT-Störung in unserer Produktion etwa könnte im schlimmsten Fall zu Millionenverlusten führen. Und dazu, dass unzählige Geschäftskunden plötzlich ohne Gas dastehen. Daher erwarte ich vom zuständigen Provider umfassendes Know-how, einen realistischen Umsetzungsplan und die Bereitschaft, die Extrameile zu gehen, wenn es doch einmal hakt.“
Stefan Bucher
„Mit unserer Erfahrung transformieren wir heute nahezu geräuschlos.“
Stefan Bucher, Senior Vice President Solutions & Projects bei T-Systems

KOMMUNIKATION UND TRANSPARENZ SIND DAS A UND O

Mit angezogener Handbremse gestartet, wie bei Projekten dieser Größenordnung kaum anders möglich, „läuft die Transition heute sehr gut“, so Mahler. Quasi der Hebel Nummer eins, der die T-Systems-Herangehensweise zu einer Art Erfolgsrezept für hohe Qualität macht, ist laut Stefan Bucher „der klar definierte, methodische Ansatz, mit dem wir in solche Transition- und Transformationsprojekte gehen. Damit wissen wir sehr präzise, was wann zu tun ist“. In der ersten Phase des Projekts sind Kommunikation und Transparenz für alle Beteiligten das A und O. Gerade deshalb hatte das T-Systems-Team schon beim Projekt-Kick-off mit den Linde-Verantwortlichen „etwaige Problemfelder offen adressiert und die weitere Vorgehensweise gemeinsam festgelegt“. In Abstimmung mit dem Kunden wurde der Projektplan anschließend in der „Proof of Concept“-Phase an vorhandene Ressourcen und Anforderungen der Fachbereiche angepasst. Dazu dokumentierte ein sogenanntes Statement of Work als Vertragszusatz sämtliche Verantwortlichkeiten und Zeitpläne bis ins kleinste Detail.
Und derart strukturiert läuft auch das weitere Vorgehen ab: So haben Hepp und seine rund 30 Kollegen die Migrationen der oft geschäftskritischen Applikationen akribisch vorbereitet und nichts dem Zufall überlassen. „Wir haben jeden einzelnen Prozessschritt genau beschrieben: Wie machen wir den Change? Welche Leute benötigen wir dafür? Wer muss bis wann die notwendigen Genehmigungen besorgen?“ Gemeinsam mit den IT-Verantwortlichen von Linde wurden fünf sogenannte Cookbooks erstellt, die als Leitfaden für die Migrationen dienen. Für jede technische Basis gibt es ein eigenes „Kochbuch“: für Windows, Oracle, Linux, SAP Legacy und die dynamischen SAP-Services von T-Systems. So werden etwaige Risiken während der Transition minimiert, und das klare Ziel, stabile und verfügbare Systeme, wird abgesichert.
Sebastian Mahler
„Wir sind auf der Zielgeraden und werden auch die letzten Meter meistern.“
Sebastian Mahler, Head of Enterprise Infrastructure
der Linde AG

VERTRAG VORZEITIG VERLÄNGERT

„Bei der ersten Migration vor sieben Jahren stand eine ganze Reihe von Herausforderungen auf der Agenda. Diese Erfahrungen kommen uns heute zugute“, betont Bucher. „In puncto Methodik, strukturierte Abläufe und standardisierte Prozesse haben wir uns seither noch einmal verbessert und können heute nahezu geräuschlos transformieren. Hieran hat unser Qualitätsprogramm Zero Outage großen Anteil.“ Das habe unter anderem für eine hohe Standardisierung entlang der drei Dimensionen Prozesse, Plattformen und Personal gesorgt und – Stichwort: Projektziel – die Verfügbarkeit der IT-Systeme deutlich erhöht. „In Sachen Servicestabilität hat sich T-Systems in den vergangenen Jahren erheblich gesteigert“, bestätigt Sebastian Mahler. „Mit der aktuellen Leistung bin ich wirklich zufrieden.“ Daher unterstütze er das Qualitätsprogramm Zero Outage ausdrücklich, so Mahler. Ein vergleichbares Programm ist ihm bei anderen Providern nicht bekannt. Auch deshalb hat Linde den laufenden Vertrag mit T-Systems vorzeitig bis 2021 verlängert.
„Mit Disziplin, Strategie und harter Arbeit“, ist Transition-Manager Hepp fest überzeugt, „werden wir auch das laufende Projekt ohne größere Störungen abschließen. Ende des Jahres haben wir fast alle Applikationen auf die neue Plattform migriert.“ Und bis März 2017 sollen auch die dynamischen SAP-Basis-Applikationen umgezogen sein. Als Learning nimmt Hepp die Idee eines zusätzlichen Handouts mit, das die Cookbooks ergänzt. Darin könnten bei künftigen Migrationen etwaige Änderungen an den Applikationen, die sich aus dem Plattformwechsel ergeben, für alle Beteiligten übersichtlich dargestellt werden – zum Beispiel der Hinweis auf neue MAC- oder IP-Adressen der virtuellen Maschinen.
Auch Linde-Manager Mahler sieht das Projekt auf einem guten Weg: „Erst kürzlich haben wir eine für uns geschäftskritische E-Commerce-Anwendung erfolgreich migriert. Wir sind auf der Zielgeraden und werden auch die letzten Meter noch meistern. Selbst wenn die gesamte Migration eine echte Herkulesaufgabe ist – nicht zuletzt wegen der erforderlichen Tests.“ Beim nächsten Wechsel auf die Plattform DCS® 4.0 mit ihrem höheren Automatisierungsgrad, schaut Mahler noch während des laufenden Transformationsprojekts schon Richtung Zukunft, „fällt der Aufwand für unsere Test-User aus den Fachbereichen dann hoffentlich etwas geringer aus“.
Es verwundert nicht, dass Mahler schon den nächsten Entwicklungsschritt plant. Schließlich hat Linde die Vision, mit innovativen Lösungen, die seine 65.000 Mitarbeiter in mehr als 100 Ländern entwickeln und anbieten, die Welt zu verändern. Wer einen solchen Anspruch formuliert, gibt sich nicht mit dem Status quo zufrieden, sondern stellt sein Business permanent auf den Prüfstand. Und dazu gehört nun einmal – als Motor des gesamten Geschäfts – auch die IT.

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