Über Netzwerktechnologien der nächsten Generation schreibt Reinhard Clemens, Telekom-Vorstand und CEO von T-Systems.
Editorial

Wir müssen reden.

Reinhard Clemens, Vorstand T-Systems Deutsche Telekom AG und CEO von T-Systems
Mit der Cloud, ihren allerersten Bereitstellungsmodellen vor zehn, zwölf Jahren fing alles an. Kaum einer von uns hätte damals vorhersagen wollen, welche Wucht sie bis heute erreicht hat. Weniger als Technologie, die die Verfügbarkeit von Rechen- und Speicherleistung in völlig neue Bahnen lenkt. Sondern als Motor einer Digitalisierung, die heute nicht nur Unternehmen, ihre Geschäftsprozesse und -modelle auf den Kopf stellt, sondern in Rekordgeschwindigkeit ganze Industrien umkrempelt.
Für mich steht fest: Industrie 4.0 ist eine Revolution, die den Namen wirklich verdient. Natürlich hatte Brian Chesky, bevor er Airbnb gründete, schon mal im Hotel übernachtet, und Uber-Gründer Garret Camp war auch schon mal Taxi gefahren. Aber viel mehr an „Branchen-Insights“ hatten beide bis dahin nicht. Und das war, wie sich zeigt, auch absolut kein Handicap. Zwei Beispiele dafür, wie Plattformen über Nacht zu Wettbewerbern werden. Zu Konkurrenten, die nicht mehr aus dem eigenen Geschäftsfeld kommen, sondern von draußen.
Dass sie trotzdem beispiellos erfolgreich sind, hat zwei Gründe. Grund Nummer eins sind die Digitaltechnologien, die immer einfacher und preiswerter werden, sich rasend schnell verbreiten. Narrow Band (NB-IoT) als Low-Power-Wide-Area-Technologie oder Edge Computing, das mit Blick auf das Internet der Dinge Rechenleistung in unsere Geräte bringt, sind Beispiele dafür. Damit können Unternehmen – im Zweifel auch „alte“ Wettbewerber – auf einer exponentiellen Digitalisierungs- und Wachstumskurve agieren und ihr Tempo rasant anziehen.
Grund Nummer zwei ist der Kunde – der entscheidet, was er will, und akzeptiert nicht länger geschlossene Systeme. Apple, als Meister des „Lock-in“, bekommt das gerade zu spüren. Auf der Suche nach maximaler Customer-Experience reicht es nicht mehr, das vom Kunden genutzte Produkt zu verbessern. Heute geht es darum, wie die von uns befragten CIOs in der Topstory bestätigen, seine Customer-Journey zu optimieren und Abwanderungsgedanken – auch ohne Vertragsbindung – bei ihm gar nicht erst aufkommen zu lassen. Das bedeutet: das Beste vom Besten einzusetzen und miteinander zu verknüpfen, ohne proprietäre Systeme.
Wer unter solchen Vorzeichen glaubt, er hätte das „Ei des Kolumbus“ schon selbst erfunden, lebt riskant. Ich bin davon überzeugt: Ein Überleben in der digitalen Welt wird von Partnerschaften geprägt, die aus offenen Systemen heraus den gemeinsamen Kunden fragen: „Was kann ich für dich tun?“
Doch die dafür nötigen Ökosysteme müssen wir vielfach erst noch vereint aufbauen. Wir dürfen nicht nur so tun, als ob wir miteinander redeten, sondern müssen lernen, diese Partnerschaften wirklich zu leben. Der Kartendienst Here, den die Autobauer Audi, BMW und Daimler gemeinsam gekauft  haben, ist ein gutes Beispiel dafür – dass die industrielle Fertigung von Batteriezellen in Deutschland aber gar nicht  vorankommt, ein sehr schlechtes.
Insofern brauchen wir mehr Mut zu echten Kooperationen und dürfen unseren Kunden keinen Dialog vorgaukeln. Diese Offenheit fängt konkret in unserer Branche schon bei der Erarbeitung von Standards für IT-Qualität und IT-Security an. Und die werden, da bin ich zumindest zuversichtlich, das Leben von Unternehmens- und Endkunden sehr viel leichter machen. Daran, wie schnell wir dorthin kommen, wird sich zeigen, wie bereit wir sind, den richtigen Dialog zu führen. In diesem Sinne ist die vorliegende „Best Practice“ auch eine Einladung.

Herzlichst Ihr
Reinhard Clemens