Publizist Evgeny Morozov spricht über die digitale Verantwortung und persönliche Daten als Zahlungsmittel der Zukunft.
Vordenker

„Jetzt entscheidet sich, wem die Zukunft gehört.“

Evgeny Morozov steht weltweit im Zentrum einer Debatte über die Entwicklung der digitalen Transformation. Sein skeptischer Blick ermöglicht neue Einsichten.
Autor: Anja Steinbuch
Foto: Jens Gyarmaty/VISUM
„Jeder von uns ist reicher, als er denkt“, weiß der hagere, in Weißrussland geborene Netzphilosoph und Publizist, „denn unsere persönlichen Daten, Fotos und Suchaufträge sind das Zahlungsmittel der Zukunft.“ Evgeny Morozov ist einer der am meisten gehörten Internetphilosophen, seine Bücher wie „The Net Delusion“ oder „Smarte neue Welt“ sind internationale Bestseller. Bis es so weit ist – Stichwort: Zahlungsmittel der Zukunft –, muss noch viel passieren. So stellt etwa die zählbare Teilhabe jedes Einzelnen an der Monetarisierung seiner Daten Morozov überhaupt nicht zufrieden. Als „Ketzer des Netzes“ bezeichnete ihn „Die Zeit“, als er folgende Rechnung aufmachte: Kunden des Online-Fahrdienste-Anbieters Uber zahlen wie in jedem Taxi ihre Fahrt – und geben via Uber-App dem Vermittlungsdienst ihre persönlichen Adress-, Reise- und Kreditdaten als „Trinkgeld“ obendrauf. Während Uber echtes Trinkgeld als „unerwünscht“ erklärt, hat sich der Wert des Unternehmens – mithilfe der dort via App aufgelaufenen Fahrgastdaten – auf 50 Milliarden Dollar hochgeschaukelt.
„Wir müssen selbst entwickeln, was gut für uns ist, und infrage stellen, was als richtig gelten soll.“
Evgeny Morozov,
Netzphilosoph und Publizist

Staatliche Aufgaben für IT-Unternehmen

Morozov forscht in Stanford und Harvard, übernimmt aber weder Professuren noch Beratungsaufträge. Stattdessen arbeitet er an seiner eigenen Dissertation. „Ich muss im Kopf frei bleiben“, sagt der 32-Jährige. In seinem neuesten Szenario übernehmen Technologieunternehmen zunehmend Aufgaben des Staates. In Smart Cities zum Beispiel regeln Technologiekonzerne den Zugang zu den wesentlichen Dienstleistungen einer Stadt. Doch es geht noch weiter. „Umrisse eines Schulterschlusses zwischen Regierungen und IT-Industrie zeichnen sich ab“, sagt Morozov. Mit dem Verkauf von Daten erschließen sich nicht nur für Privatpersonen neue Einnahmequellen, laut Morozov gilt dies auch für den Staat. „Regierungen können Haushaltslöcher stopfen, aber auch für Universitäten, Versicherungen, Banken bietet es sich an.“ Auf beiden Seiten ist daher nichts mehr gefragt als „digitale Verantwortung“. Eine Schlüsselrolle in diesen Prozessen spielen jene, die viele dieser Daten bisher eingesammelt und sortiert haben: Google, Facebook & Co. haben ihre Fühler in alle Lebensbereiche gestreckt und könnten daher „immer glaubhaft behaupten, besser zu wissen, wie man mehr Geld verdient und es zum Wohle der Menschheit wieder ausgeben kann“. Beispiel dafür sei die weltweite Ausbreitung von Alphabet, der Mutter von Google, im Gesundheitsbereich. Laut Morozov werden die Staaten hier nicht gegensteuern, weil sie in bestimmten Punkten längst in Abhängigkeit von den Konzernen stehen. In Amerika sei dies zu erkennen an der Entwicklung von „Moonshot“-Technologieprojekten wie der weiteren Eroberung des Weltalls oder bei der Terrorabwehr, die längst auf Entwicklungen aus dem Silicon Valley angewiesen sei. Gesche Joost, Internetbotschafterin der Bundesregierung, erklärte kürzlich, wie in ihren Augen die neue „digitale Verantwortung“ gelebt werden kann: „Wir müssen in Bezug auf Big Data ein angemessenes Verhältnis hinbekommen. Das heißt, streng sein in Bezug auf persönliche und individuelle Daten.“ Dazu gehört für sie auch das nötige Maß an Mündigkeit, den Wert seiner Daten zu kennen und selbst entscheiden zu können, was damit passiert. „Andererseits aber sollten wir die Form von Big Data, die mit anonymisierten und vielen verfügbaren Daten möglich ist, von der Leine lassen und endlich loslegen“, erklärt sie und gibt Ausblicke auf „großartige Geschäftsmodelle“, die durch unnötige Regulation zerstört werden würden.

Technikgläubigkeit als grosse Gefahr

Vordenker Morozov, Meister der Technologiefolgenabschätzung, warnt vor zunehmender Technikgläubigkeit: „Wir müssen selbst entwickeln, was gut für uns ist.“ Er träumt davon, dass all die „Sensoren, Datenbanken und Echtzeitkoordinationssysteme“ im Sinne des „größtmöglichen Allgemeinwohls“ eingesetzt würden. In diesem
Sinne rät er, Kunden zu ermöglichen, die Definition dessen, was als richtig gelten soll, infrage zu stellen. Technologen sollten akzeptieren, dass sie nicht nur den Menschen die Nutzung ihrer Geräte ermöglichen. „Es gehört auch dazu“, ist Morozovs Credo, „die Menschen mit diesen Geräten zum Denken anzuregen.“ Damit ließen sich auch Innovations- oder Wachstumsschwächen lösen – und das Warten auf das „next big thing“ würde sich verkürzen.

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