Predictive Policing: Wenn die Spurensuche schon im Vorfeld von Verbrechen beginnt, schützt sie Opfer und Täter gleichermaßen.
Predictive Policing

Kommissar K. I.

Es ist ein Traum der wohl meisten Polizisten: Straftaten zu verhindern, statt aufzuklären – Idee, Plan und Zeitpunkt eines Verbrechens vielleicht sogar vor dem Gangster zu kennen. So ließen sich mögliche Opfer wie Täter gleichermaßen schützen. Das ist reizvoll, aber nicht unumstritten. Dank Predictive Policing schauen Ermittler heute tatsächlich schon punktuell in die Zukunft. In Deutschland vor allem bei Wohnungseinbrüchen. In den USA geht man bereits weiter.
Autor: Yvonne Nestler
Fotos: Landeskriminalamt Nordrhein-Westfalen, iStockphoto (2)
Die Dachfenster zerbersten, vier vermummte Polizisten seilen sich ab. In kürzester Zeit liegt der wahrscheinlich zukünftige Mörder überwältigt am Boden. Eine Szene aus Steven Spielbergs Science-Fiction-Thriller „Minority Report“: Drei Menschen mit übersinnlichen Fähigkeiten sehen Verbrechen voraus und ermöglichen es dem Polizeichef, gespielt von Tom Cruise, identifizierte „zukünftige“ Täter noch vor der Tat festzunehmen.
Der Blockbuster aus dem Jahr 2002 mit einem Einspielergebnis von 131 Millionen US-Dollar basiert auf der 1956 erschienenen Kurzgeschichte des US-amerikanischen Science-Fiction-Autors Philip K. Dick. In einer Zeit also, als von Big Data noch lange keine Rede war. Im Gegensatz zu heute: Dicks Idee einer hellsehenden Staatsgewalt ist längst keine Fiktion mehr. Wenn auch nicht dank menschlicher Intuition, sondern – viel nüchterner – dank riesiger Datenmengen, die schnelle Rechner automatisiert nach Mustern durchsuchen.
Auch in Deutschland. Hier setzt die Polizei datenbasierte Prognosen – „Predictive Policing“ – hauptsächlich dazu ein, um vorherzusagen, in welchen Gegenden einer Stadt Häuser und Wohnungen wahrscheinlich zeitnah ungebetenen Besuch bekommen. Ein Grund: Wohnungseinbrüche waren mit 117.000 registrierten Vergehen im Jahr 2017 trotz Rückgang gegenüber dem Vorjahr eines der häufigsten Delikte in Deutschland. Außerdem folgen professionelle Einbrecher meist bestimmten Mustern, etwa bei der Vorgehensweise oder der Auswahl ihrer Ziele.
82 % der Einbrüche wurden nicht aufgeklärt.
Quelle: Polizeiliche Kriminalstatistik 2017

Wiederkehrende Verbrechen

Das Landeskriminalamt (LKA) Nordrhein-Westfalen setzt zum Beispiel seit 2015 auf die Software „Skala“ – ein System zur Kriminalitätsauswertung und Lage-Antizipation. Skala nutzt Erfahrungen aus der Vergangenheit, etwa die Near-Repeat-Theorie. Diese besagt, dass Einbrecher gerne zeitnah in Gebiete zurückkehren, in denen sie zuvor erfolgreich waren. Ein Zusammenhang, der wissenschaftlich belegt ist. Die Prognosen berücksichtigen aber auch weitere Thesen und beispielsweise Fragen wie: Gibt es in der Nähe eine Autobahnauffahrt, die Tätern eine schnelle Flucht ermöglicht? Wie hoch ist die zu erwartende Beute in einem bestimmten Bezirk? Die Kriminalbeamten füttern das Analysesystem mit Daten der polizeilichen Vorgangsbearbeitungssysteme wie Tatort, Tatzeit und Vorgehen zurückliegender Einbrüche sowie im Rahmen des Datenschutzes mit Informationen zur Bebauung, Infrastruktur sowie Sozialstruktur in bestimmten Gebieten.
Einmal pro Woche spuckt Skala zurzeit für die Polizeibehörden von Bonn, Duisburg, Düsseldorf, Essen, Gelsenkirchen und Köln Prognosen für Wohnungseinbrüche aus – Karten, auf denen Wohnquartiere mit hoher Einbruchswahrscheinlichkeit markiert sind. Mithilfe der Prognosen entscheiden die Polizisten zum Beispiel, wohin sie verstärkt Streifen entsenden und ob sie die Bevölkerung in gefährdeten Gebieten persönlich zum Thema Einbruchsschutz beraten. Anfang Mai 2018 kündigte NRW-Innenminister Herbert Reul an, den Einsatz auf ganz NRW auszuweiten, zunächst auf alle Kriminalhauptstellen. „Wo genau wir Skala einsetzen können, hängt von der Kriminalitätsbelastung der jeweiligen Gebiete ab. Ohne Daten keine Prognose“, bringt es Dr. Felix Bode, der das derzeit sechsköpfige Skala-Team beim LKA NRW leitet, auf den Punkt. „Auf dem Land erwägen wir daher andere Modelle als Predictive Policing.“

Wie ein erfahrener Ermittler, nur schneller

Einbruchs-Risikogebiete auf der Heat-Map.
Mit ihrem „System zur Kriminalitätsanalyse und Lageantizipation“ (SKALA) ermittelt die Polizei in NRW auf Basis so genannter Heat-Maps potentielle Einbruchs-Risikogebiete.
​​​​​​​Auch das LKA Bayern setzt auf vorausschauende Polizeiarbeit. Nach einer Machbarkeitsstudie aus den Jahren 2014 und 2015 führte die Behörde „Precobs“ ein. Eine Software, die an die drei Hellseher aus Minority Report erinnert: die Precogs. Auch in Baden-Württemberg kommt die Prognosesoftware zum Einsatz: In Stuttgart und Karlsruhe läuft seit September 2017 die zweite Phase eines Pilotprojekts, das schon 2015 gestartet ist.
Im Gegensatz zum LKA NRW basieren die Vorhersagen von Precobs nur auf erfassten Straftaten. Denn soziodemografische Daten hätten, so ein Bericht von Ulrike Heitmüller auf heise.de, die Prognosen nicht deutlich verbessert. Das Programm bewertet anhand voreingestellter Kriterien in den Bereichen Tatort, Beute und Vorgehen, ob kurzfristig ein weiterer Einbruch in derselben Gegend erfolgen könnte. Solche Wenn-dann-Entscheidungen würden erfahrene Polizeibeamte ähnlich treffen – das Programm sei nur schneller, schreibt Dominik Gerstner vom Max-Planck-Institut für ausländisches und internationales Strafrecht in einer Evaluation der ersten Projektphase mit Precobs in Baden-Württemberg (siehe auch Kasten). Wird ein Einbruch erfasst, der zu einer Serie gehören könnte, erhalten die Polizisten, die das Programm bedienen, einen Alarm.
Auf selbst entwickelte Predictive-Policing-Programme setzen die Landeskriminalämter in Berlin, Niedersachsen und Hessen. Weitere Bundesländer wie Hamburg und Rheinland-Pfalz überlegen, ob sie ein solches System einführen sollen. Die Länder tauschen sich regelmäßig untereinander und mit dem Bundeskriminalamt aus. Auf Bundesebene setzt Deutschland bisher kein Predictive Policing ein und plant auch keine derartigen Systeme. Das bestätigte die Bundesregierung im April 2018 in einer Antwort auf eine Kleine Anfrage der FDP. Damit sind die Ordnungshüter in Deutschland in Sachen Technik und Flächendeckung weit entfernt von ihren Kollegen in den USA, deren Methoden eher an den Wilden Westen erinnern.

Wild West für Cops

Im kalifornischen Santa Cruz schickte ein Computerprogramm erstmals schon 2011 Polizisten zur Streife in Gegenden, in denen an diesem Tag Einbrüche und Autodiebstähle zu erwarten waren. Die Software „Predpol“ ist eine Entwicklung der Santa Clara University und der University of California in Los Angeles. Heute setzen in den USA Städte wie Atlanta, Richmond oder Seattle die Lösung ein und auch die Grafschaft Kent in Großbritannien setzt auf Predpol. Inzwischen sagt das System auch Waffengewalttaten, Körperverletzungen, Drogendelikte und Fahrrad-diebstähle voraus – ohne personenbezogene Daten einzubeziehen.
117.000 versuchte und vollendete Wohnungseinbrüche registrierte die Polizei für 2017 in Deutschland.
Quelle: Polizeiliche Kriminalstatistik 2017
Im Gegensatz zu Precobs basiert der Algorithmus von Predpol nicht auf einfachen Wenn-dann-Entscheidungen, sondern auf komplexer Mathematik und Machine Learning. Dies hält Dr. Tobias Singelnstein, Professor für Kriminologie an der Juristischen Fakultät der Ruhr-Universität Bochum, für rechtlich und kriminologisch höchst problematisch, da die Ergebnisse nicht nachvollziehbar seien. „Erstens knüpfen an die Vorhersagen häufig Maßnahmen an, die in Grundrechte eingreifen. Ob die dafür notwendigen Voraussetzungen gegeben sind, muss aber überprüfbar sein. Zweitens können Predictive-Policing-Techniken stets nur bestimmte Formen und Hergänge von Straftaten erfassen. Dieser Selektionsprozess muss nachvollziehbar sein.“

Auf der schwarzen Liste

In Chicago spielt der Verzicht auf personenbezogene Daten keine Rolle. 650 Tötungsdelikte gab es 2017 in der drittgrößten Stadt der Vereinigten Staaten – mehr als in New York und Los Angeles zusammen. Um der Gewalt Herr zu werden, arbeitet die Polizei in Chicago schon seit 2012 mit einem Algorithmus, der einzelne Bürger ins Visier nimmt. Er spuckt eine Liste von Personen aus, die mit hoher Wahrscheinlichkeit Opfer oder Täter einer Schießerei werden könnten: die sogenannte „Strategic Subject List“. Eine Liste, von der fast 400.000 Einträge – allerdings ohne Namen – online verfügbar sind.
Der Risikoscore einzelner Personen berechnet sich zum Beispiel aus ihren Vorstrafen, Gangmitgliedschaften und ihrem Alter ­– je jünger, desto höher beispielsweise der Score. Zur Prävention besucht die Chicagoer Polizei nach eigenen Angaben gemeinsam mit Sozialarbeitern gelistete Personen, um sie abzuschrecken und ihnen zugleich bei ihrer persönlichen Lebensgestaltung zu helfen. Zwischen 2013 und 2016 fanden laut dem Newsportal von CBS Chicago 1.400 derartige Hausbesuche statt. „Eine Verarbeitung personenbezogener Daten für Predictive Policing wäre in Deutschland allenfalls in äußerst engen Grenzen möglich“, sagt Singelnstein. „Das Recht auf informationelle Selbstbestimmung verlangt für solche Eingriffe eine gesetzliche Grundlage und einen gewissen Anlass. Zudem sind personenbezogene Vorhersagen umso fehleranfälliger, je früher sie vor einem möglichen Schaden getroffen werden.“
Wie erfolgreich verhindern Predictive-Policing-Systeme Straftaten?
Doch wie erfolgreich verhindern Predictive-Policing-Systeme Straftaten überhaupt? Für Chicago ergab eine Analyse des Beratungshauses Rand im September 2016, dass Risikoliste und Polizeibesuche weder die Mordrate senkten noch die Wahrscheinlichkeit, dass jemand in eine Schießerei verwickelt würde. Zudem würden die gelisteten Personen öfter festgenommen als andere. Vielleicht, so die Vermutung der Analysten, weil die Ordnungshüter die Liste nicht nutzten, um Sozialdienste anzubieten, sondern um Verdächtige für bereits geschehene Delikte auszumachen. Die Chicagoer Polizei antwortete, RAND habe alte Versionen der Prognosesoftware und der Interventionsstrategie evaluiert.

Wirksamkeit kaum messbar

In Deutschland zeigen sich die Landeskriminalämter in Sachen Erfolgsbewertung zurückhaltend. Zwar sanken die Einbruchszahlen sowohl in den bayerischen, nordrhein-westfälischen als auch hessischen Testgebieten nach der Einführung der schlauen Polizei-Orakel. Doch es lässt sich schwer sagen, ob das jeweilige Predictive-Policing-System dafür verantwortlich ist, eine der anderen Präventionsmaßnahmen oder ob sich die Täter einfach nur anders verhalten. „Man kann Erfolge keinesfalls allein an einem Faktor festmachen“, erklärte der Projektleiter des bayerischen Projekts, Günter Okon, gegenüber heise.de. „Die Bekämpfungskonzepte, insbesondere im Phänomenbereich Wohnungseinbruchsdiebstahl, sind sehr komplex und vielschichtig.“
Das Max-Planck-Institut für ausländisches und internationales Strafrecht in Freiburg kommt in seiner Analyse des Precobs-Projekts in Stuttgart und Karlsruhe zu dem Ergebnis: Die kriminalitätsmindernden Effekte von Predictive Policing im Pilotprojekt seien wahrscheinlich nur moderat. Allerdings, schränkt Studienautor Gerstner selbst ein, beziehe sich die Studie auch nur auf einen Zeitraum von sechs Monaten und auf zwei Pilotgebiete. Auch das LKA NRW hat bereits ein unabhängiges Institut mit einer Evaluation beauftragt. Der Bericht liegt derzeit noch beim Ministerium des Innern des Landes NRW. 
Wie sich Predictive Policing weiterentwickelt, bleibt also abzuwarten. Wozu es aber auf keinen Fall kommen sollte, wusste Philip K. Dick schon vor 60 Jahren: dass ein undurchschaubares System die Festnahme von Menschen befiehlt, bevor sie überhaupt ein Verbrechen begangen haben.

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