Der Forscher Erik Brynjolfsson hat eine neue Methode entwickelt, um die Wertschöpfungseffekte digitaler Unternehmen zu messen.
Vordenker

„Wir messen Produktivität nicht richtig.“

US-Forscher Erik Brynjolfsson ist überzeugt von den Wertschöpfungseffekten der Digitalwirtschaft.
Autor: Anja Steinbuch
Foto: Evgenia Eliseeva

Er setzt auf Kooperation

Mensch und Maschine müssten eng zusammenarbeiten, sonst verliere am Ende der Mensch, so die Warnung des stets locker, ohne Schlips auftretenden US-Forschers Erik Brynjolfsson. Der Professor für Ökonomie und Informationstechnologie steht im Zentrum der Debatte um die Zukunft der Arbeit im Zeitalter von Digitalisierung und künstlicher Intelligenz. Seine Empfehlung: „gemeinsam mit den Maschinen rennen“, denn die Geschwindigkeit der technologischen Entwicklungen werde in den nächsten Jahren deutlich zunehmen. Damit setzt er sich von seinem Forscherkollegen Robert Gordon ab, der davon überzeugt ist, dass der technische Fortschritt seinen Zenit bereits überschritten hat (siehe „Best Practice“, Ausgabe 2/2016, Top-Story). Während etwa Robert Gordon und Nobelpreisträger Paul Krugman die Wertschöpfung des digitalen Wandels gering schätzen, ist Brynjolfsson von der Wirtschaftskraft des digitalen Fortschritts überzeugt: „Wir messen den Zuwachs an Produktivität nur nicht richtig.“ 

„Wir müssen gemeinsam mit den Maschinen rennen.“
Erik Brynjolfsson, Professor für Ökonomie und Informationstechnologie
Kostenlose Dienste wie Wikipedia, Skype und Google tragen auf den ersten Blick nichts zum Bruttoinlandsprodukt einer Volkswirtschaft bei. „Bei näherer Betrachtung schaffen sie sehr wohl einen Mehrwert.“ An seinem Forschungsstützpunkt, dem Massachusetts Institute of Technology (MIT), hat Brynjolfsson eine Methode entwickelt, um Wertschöpfungseffekte neuer digitaler Unternehmen zu messen. Demnach erwirtschaften disruptive Geschäftsmodelle wie Onlinenetzwerke und digitale Dienste pro Jahr einen Wert von 300 Milliarden Dollar. Diese Summe fehle in den Statistiken und somit auch in den Überlegungen von Krugman und Gordon.

TECHNOLOGIEN NUTZEN, WIRTSCHAFT BELEBEN

Brynjolfsson forscht seit den 1980er-Jahren in den Bereichen Ökonomie und Produktivität. In seinem Buch „The Second Machine Age“ beschreibt er die Unterschiede zwischen der ersten und der zweiten industriellen Revolution: „Dampfmaschinen ergänzten oder ersetzten Muskeln. Jetzt verstärken wir unser Gehirn mithilfe der Digitalisierung.“ Diesmal gehe es um eine andere Technologie, die sich viel breiter auswirken werde. Politiker und Unternehmer halten viel von Brynjolfssons Visionen. Er warnt davor, den Kopf in den Sand zu stecken. „Es gibt in Europa und in den USA zu viel Stagnation“, klagt er. Unternehmergeist müsse gefördert und Hindernisse aus dem Weg geschafft werden, die Gründer davon abhalten, neue Technologien zu nutzen, um die Wirtschaft zu beleben.
Seine aktuelle Analyse: Es gibt mehr Wohlstand, mehr Wirtschaftsleistung und mehr Millionäre denn je – und trotzdem sinken Beschäftigungsquote und mittlere Einkommen. Die Gesellschaft driftet auseinander. Automatisierung und Digitalisierung werden die Arbeitswelt auf den Kopf stellen. „Die Mittelklasse wird ausgehöhlt“, warnt der Ökonom. Neue Jobs gebe es nur noch für unqualifizierte oder für hoch qualifizierte Arbeitskräfte. Und wer ist schuld?

Bis 2025 könnte Europa einen Zuwachs von 1,25 Billionen Euro an industrieller Bruttowertschöpfung erzielen, aber auch 605 Milliarden Euro Wertschöpfungsverlust erleiden, schätzt Roland Berger Strategy Consultants.*
*Quelle: BDI 2015

BILDUNG NEU ERFINDEN

Die technologische Entwicklung war in den vergangenen zehn Jahren zentraler Treiber für diese Veränderungen auf dem Arbeitsmarkt. „Doch das ist nichts im Vergleich dazu, was noch kommt“, so der Wissenschaftler. Technologien würden immer mächtiger, und die Entwicklung werde rascher voranschreiten als gedacht. Beispiel: Die Rechenleistung von Computerchips verdoppelt sich etwa alle zwei Jahre. Roboter durchsuchen bereits heute für Anwälte Millionen von Dokumenten, um exakt die Stelle zu finden, die für einen bestimmten Fall relevant ist, oder sie erstellen medizinische Diagnosen. Autonome Autos galten vor wenigen Jahren als Science-Fiction. Heute sind Prototypen, ausgestattet mit Sensoren und selbst lernenden Systemen, bereits auf den Straßen unterwegs. Wie viele Jobs durch Digitalisierung und Vernetzung verloren gehen? Das ist für Brynjolfsson nicht relevant. Entscheidend sei vielmehr, wie viel neue Beschäftigung entstehen wird, sodass eine Gesellschaft, wie wir sie kennen, weiter existieren kann. „Wir haben die Wahl“, ist er überzeugt. „Zukunftsjobs entstehen in neuen Unternehmen, neuen Branchen mit neuen Produkten oder Dienstleistungen“, so Brynjolfsson. Damit das passiert, hat er drei Vorschläge: „Wir müssen die Bildung neu erfinden. Nicht nur Fakten lernen, das können auch Computer, sondern Kreativität und soziale Kompetenzen müssen auf den Lehrplan.“ Der Unternehmergeist müsse gefördert werden. Firmen zu gründen solle einfacher werden. Und schließlich müssten Kartellrecht und Steuerpolitik überdacht werden. Eine negative Einkommenssteuer könne helfen, Verluste durch die Automatisierung abzufedern. Dafür brauche es eine reife Demokratie und einen starken Staat, ist Brynjolfsson überzeugt. Als Beispiel führt er die Schweiz ins Feld. „Das Land ist eines der weltweit am besten auf den Wandel vorbereiteten Länder.“ Hier werden Ideen wie ein bedingungsloses Grundeinkommen ins Auge gefasst. Brynjolfsson: „Ich sehe die Schweiz als ein Modell für die Zukunft.“

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