Digital Singularity entsteht, wenn Künstliche Intelligenz zum Superhirn wird, das sich zum Wohle jedes Einzelnen nutzen lässt.
VORDENKER

Der Mutmacher.

Mit dem Netzausbau in Deutschland werden nicht nur neue Anwendungen entstehen, die Netze bekommen eine eigene Intelligenz. Der Digitalisierungsexperte Kevin Parikh ist einer, der sich besonders originelle Gedanken macht, wie sich dieses neue digitale Gehirn zum Wohle jedes Einzelnen nutzen lässt.
Autor: Anja Steinbuch
Illustration: Rikke Jorgenson, Foto: PR
Kevin S. Parikh
Kevin S. Parikh
gehört zu den führenden Digitalisierungsexperten in den USA. Er studierte Wirtschaft und Politik an der University of California und Jura an der American University. Seine Karriere führte den Amerikaner zu den Beratungsunternehmen KPMG und Gartner. Parikh ist heute CEO und Senior Partner beim internationalen Sourcing-Experten Avasant. Parikh lebt mit seiner Frau und zwei Töchtern in Los Angeles.
Digitalisierung ist nicht nur ein technologisches Phänomen. Kevin Parikh hat immer auch den sozialen Aspekt im Hinterkopf. Er glaubt, dass Digital Singularity Menschen guttut, denn er weiß, wie es geht. „Wollen Sie mehr Zeit für Ihren Partner und Ihre Kinder haben? Wollen Sie auf Autofahrten zum Shoppingcenter und auf tägliche banale Formalitäten verzichten?“ – „Ja klar!“
Die Fragen von Kevin Parikh lassen den Zuhörer automatisch mit dem Kopf nicken. Der Futurist und Vordenker erklärt schnell und unkompliziert, warum künstliche Intelligenz und lernende Maschinen der Menschheit Gutes bringen werden. Wer mit ihm über die digitale Zukunft spricht, hat Lust, dabei zu sein.
Digital Singularity ist der Zeitpunkt, an dem Mensch und Maschine verschmelzen. Damit meinen Forscher den Moment, in dem eine künstliche Intelligenz so weit fortgeschritten ist, dass sie sich selbst in einer immer schneller werdenden Spirale verbessert und somit zu einem Superhirn wird. Es ist eines der Reizwörter im Business. 
Tesla-Gründer Elon Musk hat in einer Brandrede im Februar dieses Jahres anlässlich eines Wirtschaftsgipfels in Dubai (World Government Summit) vor dieser Entwicklung gewarnt: „Wir Menschen müssen zu Cyborgs mit künstlichen und biologischen Intelligenzhilfen werden, sonst werden wir zu Hauskatzen der neuen Superhirne.“ Außerdem würden viele Arbeitsplätze vernichtet oder von Robotern übernommen. Die würden aber nicht besser arbeiten als Menschen.
Dieses düstere Szenario lässt Parikh nicht zu. Er sieht sich dabei auf der Linie von Zukunftsforscher Ray Kurzweil, der den Begriff der technologischen Singularität geprägt und die Singularity University gegründet hat. Es ist sein analytischer, aber ganzheitlicher Blick auf die Fragen und Ängste der Menschen, der für Vertrauen sorgt. Darüber schreibt er ein Buch. Es geht um digitale Singularität im Interesse der Menschheit. Er erklärt: „Mein Großvater hat früher sein Geld unter der Tapete in der Wand versteckt, er traute den Banken nicht.“ Und heute? Onlinebanking gehört zum Alltag. 
Ein weiteres Beispiel: Bei der Einführung des Telefons vor 150 Jahren hatte man Angst, Büroangestellte würden damit nur ihre Zeit vergeuden. Und heute? Wer arbeitet noch ohne Internet? Es könnte in Zukunft sogar der Zeitpunkt kommen, an dem niemand mehr ohne seinen digitalen Zwilling auskommt, der wie ein digitaler Doppelgänger Zugriff auf alle persönlichen Daten hat und sie verwaltet.
Der Jurist und Ökonom Parikh begann seine Beraterkarriere im Regierungsteam von Bill Clinton Ende der 1990er-Jahre. „Ich habe den Menschen schon damals die Scheu vor der digitalen Kommunikation genommen“, erinnert sich der Familienvater. Heute organisiert er digitale Transformationsprozesse oft innovativ. „Wer die neuen Technologien nicht für seine Firma nutzt, stirbt“, ist er überzeugt. In den USA gibt es kaum noch Unternehmen aus der Old Economy, die nicht bereits Geschäftsmodelle erfolgreich digitalisiert haben.
„Alles läuft auf eine maximale Vernetzung von Datentechnologien hinaus.“ Für einen Flughafenbetreiber hat das von Parikh 2006 gegründete Beratungsunternehmen Avasant ein Konzept entworfen, das sämtliche Daten von Reisenden und Fluggesellschaften sammelt und auswertet. Passagiere werden von einem virtuellen Coach im Terminal empfangen und bis zu ihrem Sitzplatz im Flieger begleitet. „Das bedeutet viel mehr Sicherheit für alle“, verspricht Parikh. Seine Theorie einer sozialökonomisch verträglichen Digitalisierung ist zwischen mehreren Polen aufgespannt: Hyper-Convergence lässt Geräte, Plattformen, Software und User zusammenwachsen. „So entstehen neue digitale Momente“, erklärt Parikh. Mithilfe des digitalen Doppelgängers können alle persönlichen Daten online verwaltet und bewacht werden. „Dieser virtuelle Zwilling denkt wie wir und handelt ausschließlich in unserem Interesse“, verspricht Parikh. Das zweite Ich erledigt Finanztransaktionen und unterschreibt Versicherungsverträge. Es regelt sogar den Nachlass nach dem Tod seines Bruders aus Fleisch und Blut. Augmented Reality lässt Menschen detaillierter und komplexer sehen. Transboundary Communities entstehen und verbinden Menschen aufgrund ihrer persönlichen und professionellen Schnittmenge. Perfektioniert wird auch die Strategie Customer first. „Das ist die Neuausrichtung von Unternehmen auf das Ende der Wertschöpfungskette. Ausschließlich der Kunde wird in Zukunft bestimmen, wie das Produkt aussieht und was es können muss“, erklärt Parikh. Methoden wie der 3D-Druck machen es möglich.

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