Der neue Posten des Chief Philosophy Officer wird spätestens bei der Entwicklung künstlicher Intelligenz unentbehrlich.
ESSAY

Plato und das Internet.

Die Technologieelite entdeckt gerade die alten Philosophen neu. Warum eigentlich?
Autor: Eva Book
Illustration: Mario Wagner, Foto: Steven Pinker
Rebecca Newberger Goldstein über die Renaissance der Philosophen.
Ihr Protagonist Platon begründete die Gattung des Dialogs als Alternative zur klassischen Lehrschrift. Ein Konzept, das die Philosophin Rebecca Newberger Goldstein 2500 Jahre später zu überraschenden Ergebnissen führt.
Das Silicon Valley ist seit je ein Schmelztiegel unterschiedlichster spiritueller Haltungen. Aufgebaut auf den Fundamenten der Hippiekultur, hat es die Aura der Weltverbesserer geerbt. Egal ob Yoga, Zen, Veganismus oder Transhumanismus – gefeiert wird das Revolutionäre, das Nerdhafte, das unangepasste Außenseitertum. Technologie gilt dabei einhellig als Weg der Selbstverwirklichung.
Was heute fester Bestandteil der Kultur ist, keimte bei den Hippiekommunen auf dem Land auf. 1968 gab Aktivist Stewart Brand zum ersten Mal den „Whole Earth Catalog“ heraus, eine Art Produktempfehlungskatalog, der die ersten Synthesizer und Personal Computer sowie Methoden zur alternativen Energiegewinnung aus Windkraft und Sonne aufführte. Steve Jobs bezeichnete den Katalog als analogen Vorläufer der Suchmaschinen im Web. Auch dank des Katalogs feierten die Hippies den Personal Computer als Technologie der Selbstbefreiung, wie einst LSD.
Doch seit geraumer Zeit entdecken die digitalen Pioniere jenseits ihrer Spiritualität noch etwas anderes: ein hartnäckiges Interesse an Philosophie. Unternehmen holen sich Rat bei sogenannten Chief Philosophy Officers wie Andrew Taggart, der die TechElite zu mehr Reflexion zwingt: „Philosophen treten dann auf den Plan, wenn der Bullshit nicht länger geduldet werden kann.“ Davon gebe es im Silicon Valley eine Menge, sagt Taggart und nennt den Aufstieg der Growth Hacker oder die Programmierung von „Ninjas“ als Beispiel. Auch der Programmiernachwuchs an der Stanford University lernt in Seminaren, welchen Einfluss philosophische, psychologische und kognitive Aspekte auf Computersysteme und künstliche Intelligenz haben. Geisteswissenschaftler gelten inzwischen als Zukunft des technischen Innovationsgeists, eine Debatte, die Risikokapitalgeber Scott Hartley Anfang des Jahres mit seinem Buch „The Fuzzy and the Techie: Why the Liberal Arts Will Rule the Digital World“ anstieß. Insbesondere in der Entwicklung von künstlichen Intelligenzen werden neue Jobprofile entstehen, die philosophische Denkweisen unentbehrlich machen. Futuristen wie Ray Kurzweil sind nicht zuletzt auch Philosophen. Und je enger die Technik mit dem Menschen verschmilzt, umso mehr braucht es kritische Intellektuelle wie Evgeny Morozov.
Fiktiver Dialog zwischen Neurowissenschaftler Dr. Shoket und seiner wissenschaftlichen Mitarbeiterin Agatha aus „Plato at the Googleplex: Why Philosophy Won’t Go Away“ von Rebecca Newberger Goldstein.
​​​​​​​Dem Silicon Valley hat es vor allem der Stoizismus angetan. Was schon die antiken Vertreter der Stoa wie Epiktet, Seneca und Marc Aurel predigten, rücken digitale Startups in den Fokus: Gerechtigkeit, Mäßigung, Tapferkeit, Klugheit und vor allem Selbstdisziplin. „Omnia mea mecum sunt“ – alles, was Wert für mich hat, trage ich bei mir – wird zu ihrem Credo. Das vielschichtige stoische Zusammenspiel aus Logik, Ethik, Physik und Kosmos steht dabei weniger im Vordergrund als vielmehr kleine, mundgerechte Weisheitshäppchen als Mittel zur Selbstoptimierung. Diese serviert zum Beispiel der Autor und ehemalige American-Apparel-Marketingmanager Ryan Holiday. Buchtitel wie „Dein Ego ist dein Feind“ und „Das Hindernis ist der Weg“ verraten bereits die Selbstfindungs-Pop-Philosophie des Neostoikers. Auf Twitter und Instagram bekommen Hunderttausende Follower hübsch aufbereitete Tipps zur Stressbewältigung in der digitalen Welt: „Widerstand zu leisten ist nicht allein Torheit, sondern Wahnsinn.“
Wie die antiken Lehren ins 21. Jahrhundert passen, beschäftigt auch Experten, für die Philosophie kritische Weltanschauung statt bloßer Selbstreflexion ist. Einer davon ist Rebecca Newberger Goldstein, Philosophin mit Doktortitel der Princeton University. In ihrem jüngsten Buch „Plato at the Googleplex: Why Philosophy Won’t Go Away“ schickt sie Platon auf eine Reise durch das heutige Nordamerika und nimmt den Leser mit in ihr Gedankenspiel: Was wäre, wenn Platon einen Blick auf unsere moderne Gesellschaft werfen könnte? Was wäre, wenn er nicht über Fragen nachdenken, sondern sie googeln würde? Und was passiert, wenn Wissen sich crowdsourcen lässt?
Die antiken Argumente des vor über 2400 Jahren lebenden Griechen treffen auf den Alltag der Gegenwart. Und so wie schon Platon seine Botschaften in Dialoge verpackte, bedient sich auch Goldstein dieses Stilmittels und konfrontiert Platon mit zeitgenössischen Charakteren, darunter ein Google-Programmierer, ein Talkshowmoderator und ein Neurowissenschaftler. Vor Letzterem steht der alte Grieche im OP-Kittel, um von seinem Gehirn einen MRT-Scan anfertigen zu lassen. Der fiktive Dr. David Shoket glaubt, dass die Wissenschaft die Philosophie längst überholt hat. Ein Erkenntnisgewinn, der vergleichbar wäre mit datenbasiertem Wissen, sei durch Philosophie nicht zu erwarten: „Philosophische Daten, das ist ein Widerspruch in sich wie militärische Intelligenz oder Flugzeugessen.“ Auf dem Untersuchungstisch versucht Platon, den Neurowissenschaftler davon zu überzeugen, dass Wissenschaft allein Fragen nach Bewusstsein, freiem Willen und Moral nicht beantworten könne. Shoket ist grundlegend anderer Meinung: „Wissenschaft ist wie eine Kläranlage. Wissenschaftler nehmen den philosophischen Bullshit und bereiten ihn zu Wissen auf.“
ZEITSPRUNG
ALTERNATIVTEXT einsetzen (!)
Rebecca Newberger Goldstein: „Plato at the Googleplex: Why Philosophy Won’t Go Away“
Atlantic Books
Sprache: Englisch
ISBN: 978-1-78239-559-1
Goldsteins Platon stößt im Hier und Jetzt zunächst auf Ablehnung seiner philosophischen Lehren. Doch nimmt er gegnerische Positionen so penibel auseinander, bis von ihnen nicht mehr als guter Wille und Fakten übrig bleiben. Wahrheit ist etwas anderes. Trotzdem sagt er, der immer sein Google Chromebook dabeihat und sich für E-Learning begeistert: „Ich liebe das Internet.“ Kein Wunder, schließlich vertrat er schon in der Antike die Ansicht, dass Wissen für alle Menschen gleich zugänglich und nicht nur Eliten vorbehalten sein sollte. Das digitale Zeitalter schafft den Zugang für alle. Jeder bekommt eine Stimme.
Dass erst dadurch Debatten um Fake News, Filterblasen und Wähler-Targeting entstehen, überfordert vielleicht sogar die Urheber der Datenflut im Silicon Valley selbst. Eine entzauberte Welt, in der Trump Präsident ist, animiert dazu, in sich zu kehren, dort das Selbst zu analysieren und mit ein bisschen philosophischem Beistand zu optimieren. Schon der antike Stoizismus ertrug die Welt viel eher, als dass er sie gestaltete. Doch nachdem viele die Überflüssigkeit der Philosophie lange für eine Konsequenz der Wissenschaft gehalten haben, scheint es hier einen Richtungswechsel zu geben. Lässt sich das Silicon Valley auf Gedankenspiele wie das von Goldstein ein, wird es erkennen, dass auch die Technologie viel weniger Antworten hat, als man dachte. Und dass man über das eine oder andere noch einmal gründlicher nachdenken müsste.​​​​​​​