Über digitale Doppelgänger und Autonomie in der virtuellen Welt schreibt Mediensoziologe Professor Dr. Oliver Zöllner.
Essay

Unsere zweifache Existenz

Datenspuren im Netz schaffen digitale Doppelgänger – und die könnten uns einholen.
Autor: Professor Dr. Oliver Zöllner
Foto: Max Mokry/HdM Stuttgart
Vita
Prof. Dr. Oliver Zöllner, Leiter des Instituts für Digitale Ethik (IDE) an der Hochschule der Medien Stuttgart.
Prof. Dr. Oliver Zöllner lehrt seit 2006 empirische Medienforschung, Mediensoziologie, Hörfunkjournalismus und Medienethik an der Hochschule der Medien Stuttgart. Er ist einer der drei Leiter des Instituts für Digitale Ethik (IDE). Zu seinen Forschungsschwerpunkten zählen Digitalisierung und Gesellschaft, Public Diplomacy und Nation Branding. Seit 2006 ist Zöllner zudem Honorarprofessor für Kommunikations- und Medienwissenschaft an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf.
Wir haben uns während der letzten 20 Jahre daran gewöhnt, bei Onlinehändlern einzukaufen und Bankgeschäfte sowie Behördengänge im Internet zu erledigen. Das ist bequem, spart oft Zeit und fühlt sich modern an. Als ganz normal gilt es auch längst, sich mit anderen Menschen via Social Media zu vernetzen und dort ein „Profil“ zu haben, mit dem man sich darstellt. Das macht Spaß und bringt, ökonomisch gesehen, häufig sogar Effizienzvorteile, etwa bei beruflichen Anlässen oder beim Anbahnen romantischer Beziehungen. Schon lange lassen wir zudem Suchmaschinen beim Durchforsten des Internets nach Informationen für uns arbeiten.
Sicher ist eins: Wir sind diejenigen, die dabei in Form von Datenspuren Informationen liefern, welche gespeichert werden. Die Datensätze, die wir im Netz bewusst oder unbewusst produzieren, können mit unserer ganz realen Existenz verknüpft werden: IP-Adresse, Aufenthaltsort, Uhrzeit, Gerätenummer des Computers, unsere früheren Anfragen, unsere Einkäufe der Vergangenheit, unsere „Likes“, unsere Posts, unsere Kommentare, unsere Vorlieben. All diese Datenbankeinträge werden von Firmen, Vermarktern und von wem auch immer längst routiniert miteinander verbunden. Viele Menschen machen da gerne mit, indem sie sich etwa mit ihrem Facebook-Profil bei ihrem Payback-Konto einloggen. Ein Paradies für Datenbroker!

Digitale Doppelgänger

Ein derart informationsgesättigtes Spiegelbild unserer Person sagt oft mehr über uns aus, als wir ahnen. Das fängt schon bei unseren Lieblingsstücken beim Musik-Streaming-Dienst an. Man könnte sagen: Wir haben uns im World Wide Web eine Art Zwilling geschaffen, einen Doppelgänger, der mit immer neuen Informationen ständig angereichert wird und – wie wir dank etlicher Datenschutzskandale ahnen – von uns kaum noch zu kontrollieren ist. Was passiert mit unseren Daten genau? Wo landen sie? Für wie lange werden sie gespeichert? Wir wiegen uns oft in Sicherheit, indem wir uns einreden, es sei doch alles anonymisiert – und überhaupt: „Meine paar Daten …“ Es bedarf aber nur weniger Datenpunkte (zum Teil reichen schon vier), um anonyme Profile mit 95-prozentiger Sicherheit zu deanonymisieren, also all die Details unseres Lebens mit unserem Klarnamen zu verknüpfen. Google greift in den USA via Tracking auf die Einkaufshistorien von Mastercard-Kreditkarteninhabern zurück, um sie mit Anzeigen seiner Kunden interaktiv zu korrelieren. Zugleich sammelt der Konzern auch fleißig Gesundheitsdaten, um sie in seiner Artificial-Intelligence-Tochterfirma DeepMind auszuwerten. „Die Konzerne sammeln alles, was sie kriegen können“, brachte es die Süddeutsche Zeitung im September 2018 auf den Punkt. Mit dem Ergebnis: Wir sind in unserem Alltag längst nicht mehr allein (ein „Datenschatten“ von uns läuft gewissermaßen immer mit) oder privat (kaum noch etwas von uns ist dem Einblick anderer verschlossen). Wie lebt es sich in dieser Zwillingsexistenz?

Die menschliche Autonomie in der Digitalität

Eine der Grundannahmen über den Menschen ist, dass er ein selbstständig handelndes, autonomes Wesen sei innerhalb von uns geschaffenen Regeln und Gesetzen, nach denen wir leben. Als soziale Wesen immer in ein Beziehungsgeflecht mit anderen eingebunden, müssen Menschen zwar Kompromisse aushandeln, aber im Prinzip ist jeder frei und für sein eigenes Tun verantwortlich. Aber bleiben wir das auch im Zeitalter der fortschreitenden Digitalisierung? Zunehmend wird die einstige Vorstellung vom autonom agierenden Individuum durch die eines „relationalen Selbst“ abgelöst, das sich vor allem mit Blick auf andere Menschen in seinem Verhalten an deren Verhaltensweisen orientiert. Man könnte das „moderne Netzexistenz“ nennen. Natürlich mussten Menschen auch schon vor der Digitalisierung auf andere Menschen und „höhere Instanzen“ Rücksicht nehmen. Aber diese Instanzen, verstanden als Institutionen der Macht, haben sich geändert. Es sind nicht mehr primär Gott, Könige und Potentaten, die uns lenken, sondern eben nicht zuletzt Institutionen im Internet, die großen Einfluss auf das Denken, Meinen und Wissen vieler Menschen ausüben.
Wir sind nicht mehr allein: So lautet das große, utopische Versprechen der Datenfirmen und Techkonzerne. Wir beobachten uns gegenseitig permanent. Wir sind nicht mehrallein ist zugleich aber auch die Dystopie des digitalen Zwillings, des Datenschattens, der uns quasi immer begleitet. Wir leben in einer Art gespaltener Existenz, werden permanent bewertet, getrackt und verhalten uns entsprechend. Sukzessive wandelt sich die menschliche Autonomie in eine Heteronomie, eine Fremdbestimmung, um. Das hat Auswirkungen. Wie frei sind wir noch?

Freiheit in der Digitalisierung

Niemand weiß, welche Dummheiten ich als Jugendlicher in den 80er-Jahren begangen habe (sie waren harmloser Natur, seien Sie versichert). Niemand hat meine Fehltritte gespeichert. Jugendliche von heute leben ihr Leben jedoch stark im Netz aus: bei Instagram, Facebook, Snapchat und WhatsApp. Jedes gepostete Partybild, jedes Selfie, jeder Kommentar bleibt dort gespeichert – irgendwo auf den Servern der Anbieter. Dummheiten und Peinlichkeiten inklusive. Wahrscheinlich für immer. Wir wissen nicht, wann oder unter welchen Umständen irgendeine künstliche Intelligenz all unsere Datenschnipsel zu einem größeren Abbild unseres Selbst zusammensetzen wird, aber sie kann es lernen. Das geschieht heute schon, auch wenn wir hier noch am Anfang der Entwicklung stehen. Längst jedoch haben die Ergebnisse dieser algorithmischen Rechenoperationen Auswirkungen darauf, was wir wissen, wen wir treffen, wo wir hingehen – vielleicht auch, welchen Bankkredit wir erhalten (oder auch nicht). Unsere Daten von heute sind die Basis für Voraussagen von morgen.
„Es bedarf nur weniger Datenpunkte, um anonyme Profile mit 95-prozentiger Sicherheit zu deanonymisieren.“
PROF. DR. OLIVER ZÖLLNER, Hochschule der Medien Stuttgart
Solche Voraussagen sind nicht mehr unbedingt Prognosen unseres Selbst, sondern über unseren digitalen Zwilling: Wer und wie er sei, was er wohl tue, wenn er sich in der Zukunft so verhalte, wie er sich heute verhält. Im Kern ist diese Projektion, die auf Hochrechnungen beruht, eine Simulation. Aber diese Simulation, dieser Glaube an die Wahrhaftigkeit eines Abbilds von uns selbst, dominiert inzwischen unsere Weltwahrnehmung im digitalen Zeitalter. Der Zwilling regiert und er wird zugleich regiert.

Ohne Autonomie keine Freiheit

Wir müssen lernen, uns die Autonomie über unseren Datenschatten – und damit über uns selbst – zu bewahren bzw. zurückzuerobern. Ohne Autonomie gibt es keine Freiheit. Deshalb brauchen wir keinen „Notausschalter“ für künstliche Intelligenz, die viele sinnvolle Anwendungen erlaubt. Sondern (endlich) einen Noteinschalter für das Nachdenken darüber, wie und zu welchem Zweck wir Big Data und künstliche Intelligenz so einsetzen können, dass sie dem Einzelnen ebenso wie der Gesellschaft insgesamt zum Erblühen verhelfen. Kurz gesagt: Wir brauchen KI und digitale Ethik, damit unser Datenschatten uns nicht einholt.

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