Digitale Transformation, zunehmende Flexibilität – die Arbeitswelt wandelt sich stark.
Arbeitsplatz der Zukunft

„Die Arbeit wird uns nicht ausgehen“

Arbeitsökonom Dr. Alessio J. G. Brown erklärt, wie wir von den Veränderungen der Arbeitswelt profitieren können.
Wie sieht die Arbeitswelt in zehn Jahren aus? Der Arbeitsökonom Dr. Alessio J. G. Brown erklärt, wie wir vom Wandel profitieren können.

Herr Brown, die Arbeitswelt wandelt sich stark. Die einen haben Angst vor der zunehmenden Digitalisierung, die anderen schätzen die neue Flexibilität. Wie sieht Ihr Arbeitsalltag aus?

Nach meiner Ausbildung bei der Sparkasse hatte ich feste Arbeitszeiten. Heute bin ich flexibel – und das genieße ich. Als Familienvater weiß ich es zu schätzen, dass ich für meine Kinder da sein kann, wenn sie krank sind. Dafür bin ich dann auch gerne bereit, abends zu arbeiten, wenn die Kinder im Bett sind. Für meinen Lebensentwurf ist diese Flexibilität also sehr förderlich.

In einigen Jahren werden auch Ihre Kinder die Arbeitswelt kennenlernen. Hat diese mit der unseren überhaupt noch etwas gemeinsam?

Das ist schwer vorauszusagen. Es ist ja nicht neu, dass die Welt sich wandelt – nur das Tempo, in dem es derzeit geschieht. Die Arbeit wird uns nicht ausgehen, aber es werden viele Berufe verschwinden, die heute für uns eine Selbstverständlichkeit sind. Dafür wächst die digitale Wirtschaft: Mit einer halben Million Beschäftigten in Deutschland ist sie schon heute fast so bedeutend wie die Automobilbranche. Unsere Kinder werden nicht nur mit Arbeitnehmern auf der ganzen Welt im Wettbewerb stehen, sondern auch mit Maschinen und künstlicher Intelligenz. Aber in Sachen Kreativität, soziale Kompetenz, Eigenverantwortung, unternehmerisches Denken, Einfühlungsvermögen und Kommunikationsfähigkeit sind wir Menschen den Robotern voraus.

Am Wandel führt trotzdem kein Weg vorbei?

Nein, wir stecken ja schon mittendrin und weitere Veränderungen werden folgen. Wer wettbewerbsfähig bleiben will, sollte sich jetzt darauf einstellen – Unternehmen wie Arbeitnehmer. Alle technologischen Entwicklungen der Vergangenheit haben unseren Lebensstandard verbessert und zu mehr Wohlstand geführt. Wir sollten die Veränderung als Chance für unsere Lebensplanung sehen und die gefragten Schlüsselqualifikationen ausbauen.

Auf welche Veränderungen müssen wir uns konkret einstellen?

Erstens: Die Arbeit wird flexibler. Wir werden stärker selbst entscheiden können, wann und wo wir arbeiten. Zweitens: Die Arbeit wird heterogener. Anstatt viele Jahre lang einen klar definierten Beruf auszuüben, beteiligen wir uns künftig mit einem Bündel von Kompetenzen an flexiblen Projekten. Dadurch werden Biografien vielfältiger, Karrieren offener. Außerdem nimmt die Erwerbstätigkeit von Frauen, älteren Arbeitnehmern und qualifizierten Zuwanderern zu. Drittens: Die Arbeit wird informeller. Feste Mitarbeiter und freie Experten bilden virtuelle Teams, in denen Hierarchien an Bedeutung verlieren. Viertens: Die Arbeit verlangt nach mehr Anpassungsfähigkeit und Bereitschaft zum lebenslangen Lernen. Alles in allem wird uns Arbeit künftig aber nicht weniger zufrieden machen – wenn wir uns auf die neue Flexibilität einlassen.

Studien zeigen, dass Flexibilität im Job für eine größere Motivation und Lebenszufriedenheit sorgt, wenn sie mit Eigenverantwortung und Selbstständigkeit einhergeht. Aber ist die neue Arbeitswelt wirklich so rosarot?

Es gibt durchaus Herausforderungen. Die Arbeit wird insgesamt unübersichtlicher, die Grenzen zwischen Job und Privatleben verschwimmen. Um Stress zu vermeiden, sind Selbstmanagement und gute Führung gefragt. Außerdem gilt es zu verhindern, dass immer mehr unternehmerische Risiken auf den Einzelnen übertragen werden. Die wachsende Zahl der Crowdworker braucht Interessensvertreter, um sich sozial abzusichern.

Wie ändern sich Unternehmensstrukturen und -kultur?

Auch hier findet bereits ein Umbruch statt. 47 Prozent der Unternehmen in der IT- und Kommunikationsbranche bieten jetzt schon Homeoffice-Regelungen. In den übrigen Branchen kommen wir dagegen nur auf 17 Prozent. Hier wird aber in Zukunft noch viel passieren: Es wird neue Arbeitszeiten, Weiterbildungsangebote und mehr Mitarbeiterbeteiligung geben. Die Personalabteilungen sollten sich darauf einstellen, dass Bewerber immer stärker Wert auf Aspekte wie Work-Life-Balance legen. Wer das bietet, kann Mitarbeiter besser an sich binden. Neue Vergütungsmodelle werden den Erfolg des Einzelnen honorieren, aber auch eine Kapitalbeteiligung vorsehen. Google praktiziert das schon heute – und die Leistung der Mitarbeiter hat sich dadurch merklich verbessert.

Dr. Alessio J. G. Brown ist Co-Direktor des Zentrums für Bevölkerungs-, Entwicklungs- und Arbeitsökonomie an der UNU-MERIT in Maastricht.

Weitere Beiträge