Netze der Zukunft

Eine Leitung reicht nicht

Router anschließen und fertig? Leider nein. Wer Hybrid-Cloud-Services mit dem Firmennetz verbinden möchte, sollte vier Punkte beachten.

Hybrid-Cloud-Dienste an das Firmennetz anzubinden, ist komplizierter, als manche IT-Fachkraft denkt. Denn für das technische „Wie“ sind vier Faktoren zentral.

In der Telefonkonferenz kommen Antworten nur verzögert an, in der Videokonferenz stockt das Bild. Auf solche Probleme stoßen viele Unternehmen, die Sprach- und Videodienste aus einer Cloud beziehen. Die Ursache dafür liegt oft nicht im Cloud-Rechenzentrum, sondern in der „Cloud-Connectivity“, also der Netzverbindung zwischen Cloud und Anwender. Denn eine Cloud an das Firmennetz (WAN) anzubinden, ist alles andere als trivial – umso mehr, wenn ein Unternehmen eine Hybrid-Cloud-Strategie verfolgt, also Private und Public Clouds nutzt. Wie die Vernetzung technisch aussehen muss, hängt von vier Faktoren ab.

1. Video braucht Tempo.

Wer nur übertragungstechnisch unkritische Applikationen wie E-Mail-Dienste oder Backups aus der Cloud beziehen will, kann aufatmen. Diese reagieren eher unempfindlich auf Verlust und Verzögerung von Datenpaketen und funktionieren daher mit fast jeder Art der Cloud Connectivity. Ganz anders bei der Anbindung von Cloud-ERP-Systemen (Enterprise Ressource Planning) oder Echtzeit-Anwendungen wie Video und IP-Telefonie aus der Cloud: Diese stellen hohe Anforderungen an die Datenübertragung. Für Sprache, zum Beispiel, empfiehlt die Standardisierungs-Organisation ITU-T eine Paketverlustrate von unter fünf Prozent und Verzögerungen unter 150 Millisekunden. Um beides gering zu halten, kommt es bei der Cloud-Vernetzung nicht nur auf die Technologie an, sondern auch auf die Geographie.

2. Die Erde ist gross.

Man könnte meinen, wenn ein internationales Unternehmen eine externe Cloud nutzt, brauche es nur eine Verbindung zum Netz des Cloud-Anbieters. So einfach ist es nicht. Die großen Cloud-Betreiber verteilen ihre Rechenzentren in der Regel über verschiedene Regionen. Ein Anwender in Sydney greift auf einen Datenspeicher in Australien zu, ein Nutzer in London auf einen in Westeuropa. Der Grund: Je weniger Strecke die Daten zurücklegen, desto kürzer dauert die Übertragung (Latenzzeit) und desto besser funktionieren besonders Echtzeit-Anwendungen.
Diese geographische Verteilung verlöre ihren Sinn, wenn ein Unternehmen nur eine Verbindung zur Cloud schüfe, zum Beispiel in Frankfurt am Main. Denn dann würde der Mitarbeiter in Sydney über Frankfurt auf das Rechenzentrum in Australien zugreifen – und die Daten einmal um den Erdball schicken. Latenzzeiten von mehr als 360 Millisekunden wären garantiert. Deswegen braucht das Firmennetz mehrere regionale Anbindungen an das Netz des Cloud-Anbieters: mindestens eine pro Kontinent, mit Zweigstellen.

3. Eine Cloud kommt selten allein.

Doch damit ist es nicht getan, denn fast drei Viertel der größeren Unternehmen weltweit arbeiten laut der Cicero Group mit mehreren Cloud-Anbietern zusammen. Also benötigen sie mehrere regionale Anbindungen pro Anbieter. Diese umzusetzen erfordert einiges an Vorwissen, weil jeder Anbieter die Anbindung technisch anders umsetzt, eigene Vorgaben zu Sicherheit und Konfiguration macht, mit einem eigenen Abrechnungsmodell. Ein Beispiel: Während die einen den Kunden-Routern Platz im eigenen Rechenzentrum einräumen, verbinden andere ihr Netz nur mit einem Colocation-Anbieter, der die Kunden-Router bei sich installiert. Einfacher könnte es künftig für Unternehmen werden, deren Netzdienstleister vorkonfigurierte Edge-Router für die Vernetzung mit den großen Cloud-Betreibern anbieten.

4. Standard ist nicht genug.

Je nach Art der Cloud – Private oder Public – kommen verschiedene Übertragungstechnologien zum Einsatz. Die öffentliche Cloud setzt bisher meist auf virtuelle private Netze (VPN) über das Internet. Doch die Netzqualität des Internets reicht bei zeitkritischen Anwendungen nicht aus. Daher nutzen immer mehr Unternehmen den Zugang über leistungsstarke MPLS-Verbindungen wie zum Beispiel beim ExpressRoute-Angebot von Microsoft oder bei anderen privaten Verbindungen. Alternativ wählen sie ein spezielles Internet-Routing, das Paketverlust und Latenzzeit optimiert.
Private Clouds hingegen werden ohnehin fast ausschließlich per MPLS-VPN vernetzt. Nur bei im Vergleich noch höheren Qualitäts- oder Bandbreitenanforderungen kommen auch Ethernet- oder Layer-1-Services zum Einsatz, zum Beispiel um einen Cloud-Standort und die Unternehmenszentrale oder mehrere Rechenzentren zu verbinden.

Massgebend für den Erfolg

Bisher messen viele Unternehmen der netzwerkseitigen Umsetzung eines Hybrid Cloud Sourcings zu wenig Bedeutung bei. Das muss sich ändern. Denn nur wenn alle Cloud-Dienste schnell, sicher und mit ausreichender Qualität und Wirtschaftlichkeit an das Firmennetz angebunden werden, kann eine Hybrid-Cloud-Strategie Erfolg haben.

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