Netze der Zukunft

Zwei Standbeine für das Firmennetz

Klassische leistungsfähige MPLS-Verbindungen? Oder kostengünstiges Internet-VPN? Das Firmennetz der Zukunft braucht beide Technologien.

Bisher nutzen Firmennetze vor allem leistungsfähige MPLS-Verbindungen. Doch künftig brauchen Unternehmen hybride Netze – inklusive kostengünstiger Internet-VPNs.

Lange gab es nur eine, unumstrittene Königin unter den Firmennetz-Technologien: MPLS (Multi-Protocol Label Switching). Eine IP-basierte Technologie, die laut den Analysten von Experton in Wide Area Networks (WAN) am häufigsten zum Einsatz kommt. Der Grund: die hohe, garantierte Übertragungsleistung und Sicherheit. MPLS bietet also nicht nur kurze Latenzzeiten (Laufzeiten der Daten) sowie eine geringe Laufzeitvarianz (Jitter) und Paketverlustrate, sondern auch eine geschlossene Netzinfrastruktur. Ein weiterer Pluspunkt sind Quality-of-Service-Mechanismen. So lässt sich zum Beispiel der Sprachverkehr bevorzugt gegenüber E-Mails übertragen – mit garantierter Qualität. Doch diese klassischen Netzwerke stehen heute vor neuen Herausforderungen:
  1. Die Datenmengen in Firmennetzen steigen.
    Cloud Computing, vernetzte Maschinen und Produkte sowie digitale Zusammenarbeit führen dazu, dass die Firmennetze immer mehr Daten übertragen müssen. Wollen Unternehmen dennoch dieselbe Netzqualität wie zuvor, müssen sie Bandbreite hinzubuchen – und das kostet.
  2. Jede Anwendung stellt andere Anforderungen an das Netz.
    Gleichzeitig wächst mit Voice over IP (VoIP), Cloud-Angeboten und mobilem Netzzugriff die Vielfalt der Anwendungen. Diese stellen ganz unterschiedliche Anforderungen an die Datenübertragung. Und gerade für die Sprachübertragung per VoIP im WAN müssen die Daten mit geringen Latenzzeiten übertragen werden. Das könnte aber die zeitkritische Kommunikation zwischen zwei Produktionsmaschinen behindern.
  3. Ohne Internet geht es nicht mehr.
    Virtual Private Networks (VPN) per Internet sind auf dem Vormarsch: Sie vernetzen Maschinen, Fahrzeuge und Produkte und verbinden Public Clouds und mobile Nutzer mit dem Firmennetz. Sie sind fast überall verfügbar und kosten weniger als MPLS-Verbindungen. Allerdings erreichen sie bei weitem nicht deren Qualität, weil sie keine Verkehrs-Priorisierung zulassen. Gerade eine hohe Netzauslastung kann die Übertragung verlangsamen, besonders auf internationalen Strecken. Hierbei wirken sich Faktoren wie die Leitungslänge und deren Technologie – Kupfer oder Glasfaser – stärker aus als bei MPLS.
Wie also können Unternehmen in Zukunft für jede Anwendung die nötige Übertragungsqualität bieten – zu möglichst geringen Kosten?

Hybride Netze sind die Zukunft

Weder ein reines MPLS-Netz noch ein Internet-VPN werden alle Anforderungen von Unternehmen erfüllen. Deswegen brauchen die Firmennetze der Zukunft einen hybriden Ansatz: Das MPLS-Netz dient weiterhin als Backbone. Für den Zugang zu diesem Backbone aber bieten Internet-VPNs – meist auf Basis von IPSec-Tunneln – eine Alternative. Je nach Anforderung oder Verfügbarkeit kann die Anbindungsart dann verschieden aussehen: nur über MPLS, nur per Internet oder über beides.
  1. WAN-Zugang per MPLS
    Der Zugang zum Firmennetz per MPLS wird weiter eine große Rolle spielen. Hierbei kann ein Internet-VPN-Tunnel als Back-up dienen, der nur beim Ausfall der MPLS-Verbindung zum Einsatz kommt.
  2. WAN-Zugang per Internet
    Rein per Internet zu kommunizieren oder per VPN-Tunnel auf das Firmennetz zuzugreifen eignet sich nicht nur für mobile Nutzer, vernetzte „Dinge“ und Public Clouds, sondern auch für manche Standorte – wenn eine MPLS-Anbindung nicht verfügbar ist oder zu teuer – wie bei kleineren Zweigstellen.
  3. Hybrider WAN-Zugang
    Durch den steigenden Datenverkehr lohnt es sich zunehmend, wenn Standorte Internet- und MPLS-VPNs parallel einsetzen. Beim sogenannten „Traffic Offloading“ nutzen anspruchsvolle Anwendungen wie Enterprise-Resource-Planning-Systeme (ERP), Telefonie oder Videokonferenzen die leistungsfähige MPLS-Verbindung. Weniger zeitkritische Datenströme hingegen, etwa der E-Mail-Verkehr, wählen die verschlüsselte Internetverbindung. Das spart hochwertige MPLS-Kapazitäten. Noch mehr Netzwerkleistung ermöglicht die Technologie „Performance Routing“ – im Prinzip eine Erweiterung von Traffic Offloading. Performance Routing sichert dabei nicht nur die Übertragungsparameter für spezifische Anwendungen, sondern auch deren besten Pfad durch das jeweilige Netz oder ein „Load Balancing“ bei der Nutzung mehrerer Pfade.

Einsatz von MPLS steigt

„Internet als WAN ist ideal für Massendatenströme wie Back-ups oder für andere Datenströme, bei denen zeitweilige Verzögerungen oder Paketverlust nicht den Betrieb beeinflussen“, schreibt das Forschungsunternehmen Nemertes in einer Studie. Demnach setzen fast alle Unternehmen weltweit Internetverbindungen ein – in Teilen ihres WANs. Denn MPLS bleibt auch in den kommenden Jahren zentraler Baustein von Unternehmensnetzen. „Der Einsatz von MPLS-IP-VPN-Diensten wird voraussichtlich steigen – durch das Zusammenführen von Video, Sprache und Daten auf einer Plattform und die Fähigkeit, skalierbare Bandbreiten bereitzustellen“, bilanzieren die Marktforscher von Radiant Insights nach einer Studie.
Zusätzlich zu Layer-3-Services wie MPLS- und Internet-VPNs setzen viele Unternehmen auch Layer-1- und -2-Verbindungen ein – zum Beispiel für die breitbandige Vernetzung von Rechenzentren. Die Entwicklung solcher Multi-Layer-Netze beleuchten wir in einem der folgenden Beiträge unserer Netze-Blickwinkel.

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