Netze der Zukunft

Bunter als ein Spinnennetz

Die Digitalisierung fordert Alleskönner-Netze: Multi Layer Networks. Sie bieten dank All-IP erstmals auch für Ethernet-Services stets die optimale Übertragungsqualität.
Bauen Spinnen ein Netz, haben sie nur ein Ziel, nämlich Insekten zu fangen. Entsprechend einfach gestaltet sich die Architektur ihres Netzes: Ein Material, eine Bauweise. So leicht haben es große Unternehmen beim Netzbau nicht. Denn standortübergreifende Firmennetze (WAN) dienen nicht einem Zweck und vernetzen nicht eine Art Anwender oder Infrastruktur. Rechenzentren brauchen hohe Bandbreiten, kleine Zweigstellen niedrige; IP-Telefonie erfordert kurze Übertragungszeiten, für E-Mails ist das fast egal. Zudem produziert die Digitalisierung stetig weitere Anwendungen und damit weitere Ansprüche an das Firmennetzwerk. Um diese zu erfüllen, reicht ein Baumaterial – wie bei der Spinne – nicht aus.
Zwei Beispiele: Ein Automobilhersteller nutzt bisher hauptsächlich optische Layer-1- oder Layer-2-Verbindungen, um seine Rechenzentren und großen Standorte breitbandig miteinander zu vernetzen. Doch um vernetzte Autos anzubinden, benötigt er plötzlich auch eine Vielzahl verschlüsselter Internetverbindungen (Layer 3) in seinem Netz. Oder ein großer Handelsfilialist: Er nutzte bisher nur kostengünstige Internet-VPNs, jetzt braucht er eine performante Verbindung, um Cloud-Dienste an sein Firmennetz anzubinden.
Multi Layer Networks – Netze und Eigenschaften

Gesucht: Mehr Qualität und Wirtschaftlichkeit

Hinzu kommt: Insgesamt steigt der Datenverkehr in den Unternehmensnetzen. Trotzdem muss ihr Betrieb wirtschaftlich bleiben. Keine Frage – für digitale Geschäftsmodelle ist ein Netzdesign 2.0 nötig. Die Netze der Zukunft brauchen also nicht nur eine oder zwei Technologien, sondern einen umfangreichen Technologiemix, der für jede Anwendung die optimale Konnektivität bereitstellt – sprich: ein Multi-Layer-Netz.
Erste Abhilfe schaffen hybride Netze auf der dritten Ebene des OSI-Modells, der Vermittlungsschicht: Für den Zugang zum Firmennetz ergänzen kostengünstige Internet-VPNs die bewährten leistungsstarken MPLS-Verbindungen. Reichen die Bandbreiten oder spezifische Übertragungseigenschaften der Layer-3-Dienste nicht aus, sind zusätzlich Ethernet-Dienste (Layer 2) als Kupfer- oder Glasfaserverbindungen gefragt. Der steigende Bedarf an hohen Bandbreiten hat in den letzten Jahren den Einsatz von Ethernet im WAN vorangetrieben. Der Grund: Ethernet ist ab Bandbreiten von 50 Megabits pro Sekunde (Mbps) oft wirtschaftlicher als MPLS (siehe auch White Paper: Hybride Netze).

Ethernet über All-IP-Infrastruktur – ein MPLS-Ersatz?

In Zukunft wird ein weiteres Argument für Ethernet hinzukommen. Denn die All-IP-Infrastruktur ermöglicht für viele Ethernet-Services bald spezifische Übertragungsqualitäten (Class of Service, CoS). Künftig stellt die Telekom einen Großteil der Ethernet-Dienste so bereit. Zusätzlich wird ermöglicht, über einen einzigen Ethernet-Anschluss mehrere logische Netze (Ethernet Virtual Private Lines, EVPLs) bereitzustellen. Dank dieser lassen sich pro logischem Netz spezifische CoS-Profile für Laufzeit (Latenz), Paketverlust und Laufzeitvarianz (Jitter) festlegen – eine Eigenschaft, die bisher MPLS-Netzen vorbehalten war.

Netzkonfiguration wird leichter

Was bedeutet das in der Praxis? Bisher musste ein Unternehmen für jedes eigenständige VPN entweder einen eigenen Anschluss realisieren oder aufwändig logisch getrennte VPNs konfigurieren, damit ihre Datenübertragung sich nicht gegenseitig in die Quere kam. Ein Beispiel: Bisher hatte ein Einzelhändler mit mehreren Filialen jeweils einen Anschluss für die Telefonie, für das ERP-System, für die EC-Cash-Terminals und für viele andere spezifische Applikationen. Mit dem neuen, All-IP-basierten Ethernet-Service der Telekom hingegen reicht ihm ein einziger Netzanschluss für über 4.000 logische Verbindungen und alle zu vernetzenden Anwendungen – sofern dieser genügend Bandbreite bietet. Damit wird Ethernet noch interessanter als Access-Variante zum WAN – auch als Alternative oder Ergänzung zu WAN-Verbindungen über Multi Protocol Label Switching (MPLS).
Multi Layer Networks – Netze und Anwendungsfälle
Einschränkungen gibt es dabei allerdings auch: Anders als bei Layer-3-Services müssen Unternehmen, die Ethernet zum Beispiel für die Office-Kommunikation verwenden, die IP-Adressierung selbst übernehmen. Zudem erreicht Ethernet über All-IP nicht in allen Fällen die hohen Bandbreiten und niedrigen Latenzzeiten der herkömmlichen Ethernet-Dienste. Letztere stehen aber zukünftig auf einer ebenfalls neuen, optischen Plattform zur Verfügung. Unternehmen, die Multi Layer Networks einsetzen, wählen also je nach Anforderung zwischen zwei Ethernet-Plattformen:
  • Ethernet über All-IP: kurze Laufzeiten, hohe Bandbreiten, hohe Sicherheit, spezifische Qualität durch CoS-Profile
  • Ethernet über das optische Transportnetz (OTN): noch kürzere Laufzeiten, noch höhere Bandbreiten (bis 100 Gigabit pro Sekunde)

Für jede Anwendung das beste Netz

Die Aufgabenteilung eines Multi-Layer-Firmennetzes könnte dann zum Beispiel so aussehen: Rechenzentren kommunizieren untereinander und mit der Unternehmenszentrale über gemanagte Layer-1-Services über Glasfaser. Via Ethernet über die All-IP-Plattform (mit QoS) binden Unternehmen mittelgroße Standorte oder spezifische Cloud-Services an. Ein Großteil der Standortvernetzung und damit Anwendungen wie IP-Telefonie erfolgen weiterhin über MPLS (Layer 3, mit QoS), während Internet-VPN mobile Geräte, die Masse der IoT-Geräte sowie kleinere Standorte an das Unternehmensnetz anbindet. Mit diesem kunterbunten Netz sind Unternehmen für alle digitalen Szenarien gerüstet – und müssen auch in Sachen Belastbarkeit den Vergleich mit einem Spinnennetz nicht scheuen.

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