Netze der Zukunft

Qualität trotz Internetzugangs zum WAN?

Licht am Ende des Tunnels? Immer mehr Firmennetze nutzen neben MPLS auch das Internet als Zugangstechnologie. Doch oft lässt die Qualität der Internetverbindungen zu wünschen übrig.

Unternehmen nutzen neben MPLS auch immer häufiger das Internet für den Zugang von Standorten zum Firmennetz. Doch die Netzqualität im Internet lässt zu wünschen übrig.

Man könnte meinen, die Firmennetze der Zukunft bräuchten nur noch das Internet als Übertragungsweg. Schließlich findet sich das Internet immer häufiger als Zugangstechnologie in Unternehmensnetzen, die bisher von der MPLS-Technologie dominiert sind. Der Grund: Die Datenverkehrspreise im Internet sinken seit Jahren, während die verfügbaren Bandbreiten steigen. Daher bieten sich Internetzugänge zum Weitverkehrsnetz (WAN) an, um Netzbetriebskosten zu senken. Allerdings hängt damit die Produktivität der  betroffenen Standorte von der hohen Verfügbarkeit und Qualität der Internetverbindungen ab. Doch diese zu gewährleisten ist gar nicht so einfach, denn das Konzept „Internet-VPN-Access“ birgt eine Hürde: das „Best-Effort“-Prinzip.

„I’ll do my very best.“   

Best Effort bedeutet: Das Internet überträgt Datenpakete so gut es geht. Sind die Übertragungskapazitäten ausgereizt, kommt es jedoch zum Datenstau. Solche Lastspitzen entstehen nicht nur lokal und je nach Tageszeit, sondern mitunter auch bei Großereignissen. Beim Finale der Fußball-Europameisterschaft 2016 zum Beispiel übertrug Akamai, ein Anbieter von Content Delivery Networks, für Video-Streams als Spitzenwert 7,3 Terabits pro Sekunde – eine Datenmenge, für deren Speicherung man fast 200 Standard-DVDs bräuchte. Im Internet können Daten zudem nicht priorisiert und mit festgelegter Qualität übertragen werden – wie bei MPLS. Das führt bei verzögerungsanfälligen Anwendungen wie Video und Sprache zu Verbindungsstörungen.

Die richtige Dosis Internet

Das Marktforschungsunternehmen Nemertes hat versucht, die Frage nach dem WAN-Zugang per Internet mit Zahlen zu belegen. Die Analysten befragten IT-Fachleute aus 200 Unternehmen, über die Hälfte davon international unterwegs. Die Ergebnisse: Unternehmen mit mehr als 2.500 Angestellten verbinden durchschnittlich ein Viertel ihrer Standorte rein per Internet, Mittelständische 14 Prozent. Die Unternehmen mit den erfolgreichsten WANs allerdings wiesen nur fünf bis zehn Prozent reine Internet-VPN-Zugänge aus. Daher empfiehlt Nemertes: „Setzen Sie reine Internet-Anbindungen sparsam ein. Sich zu sehr auf das öffentliche Internet zu verlassen könnte kontraproduktiv sein, weil (…) man sich die Bandbreite mit dem öffentlichen Datenverkehr teilt.“

Mehr Qualität obendrauf

Preise und Verlässlichkeit des Internetverkehrs
Preisentwicklung und Verlässlichkeit von Internetverbindungen 1998-2015 (Darstellung auf Basis des White Papers „Hybride Unternehmensnetze und Cloud Computing).
Quelle: DrPeering.net
Eine Möglichkeit, das Best-Effort-Problem zu lösen, bieten sogenannte Overlay-Netze. Sie basieren zwar auch auf Internet-Verbindungen, steuern und optimieren aber den Internetverkehr durch zusätzliche Technologien. Einen so optimierten Internet-VPN-Access bietet zum Beispiel T-Systems auf Basis von Akamai-Technologie. Die Daten legen per IPSec-Tunnel den größten Teil des Weges im Overlay-Netz zurück. Dieses leitet die Pakete über die Strecke mit dem geringsten Paketverlust und der geringsten Latenz – meist die kürzeste Route. Geht es um weitere Strecken, werden die Pakete sogar vervielfältigt und über verschiedene Wege Richtung Firmennetz gesendet. Nur die schnellsten Pakete werden an das WAN weitergeleitet. Vor allem bei weiten – interkontinentalen – Verbindungen bringt das einen Qualitätssprung: Das spezielle Routing verringert die Paketverluste drastisch und senkt auch Latenzzeiten und Jitter (Laufzeitvarianz).
Ein Internet-Overlay-Netz kann in Sachen Netzqualität zwar nicht an MPLS heranreichen – aber je nach Anforderung durchaus ausreichen. Das gilt zum Beispiel für kleinere Standorte, für die sich eine MPLS-Vernetzung wirtschaftlich nicht lohnt, oder Standorte, für die keine MPLS-Anbindung verfügbar ist.

Nadelöhre zwischen den Netzen

Ein weiterer Qualitäts-Faktor bei WAN-Zugängen per Internet ist das Peering, also der Datenaustausch zwischen den Netzen verschiedener Betreiber. Je nach Internet-Service-Provider passieren die Daten zwischen Standort und Firmennetz die Netze mehrerer Betreiber. Stellen die Leitungen zu den Austauschknoten nicht genügend Bandbreite zur Verfügung, kommt es zu Engpässen. Diese Gefahr steigt natürlich mit der Anzahl der Peerings. Und regionale Anbieter kommen mitunter schon innerhalb eines Landes nicht ohne Peering aus. Daher empfiehlt sich für weltweit agierende Unternehmen ein großer Internet-Service-Provider, der international bandbreitenstark mit anderen großen Anbietern vernetzt ist.

Neuer Konkurrent?

Die Einschränkungen des Internets zeigen: Das Internet wird MPLS als Standard im Firmennetz nicht ersetzen. Allerdings werden Unternehmen Internetverbindungen vermehrt nutzen, um Kosten bei der Standortvernetzung zu sparen (s. auch Beitrag „Zwei Standbeine für das Firmennetz“). Dafür werden Fachleute in Zukunft vermehrt diskutieren, welche neue Rolle Ethernet in Weitverkehrsnetzen spielen könnte. Denn die Technologie lässt sich künftig auf IP-Infrastruktur aufbauen und erlangt dadurch ganz neue Fähigkeiten. Mehr dazu berichten wir in einem der kommenden Beiträge.

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