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Chance durch Neustart?

Digitale Souveränität bei Entwicklung und Betrieb

Publikationsdatum
15. September 2026
Lesedauer
9 Minuten Lesezeit

Aufholjagd zur Digitalisierung

Endlich ist man in Deutschland aufgewacht und stellt fest, dass man die Digitalisierung öffentlicher Dienstleistungen weitgehend verschlafen hat. In der Wirtschaft sieht es beim Einsatz digitaler Anwendungen dagegen besser aus. Inzwischen sind Produkte und Prozesse immer mehr digitalisiert. Aber das genügt nicht! Neben der Nachfrage nach digitalen Anwendungen muss auch die Angebotsseite der Systeme betrachtet werden. 

Aus der Abhängigkeit zur Stärke

Die eingesetzten Systeme stammen überwiegend von ausländischen Herstellern, die damit die Innovationen der Digitalisierung treiben. Wegen des hohen Einflusses der Digitalisierung auf die Innovationskraft von Produkten und Prozessen driftet Deutschland in eine starke Abhängigkeit. So dominieren auf der Anbieterseite von Hardware, Plattformen, Anwendungssoftware bis Dienstleistungen amerikanische und asiatische Großunternehmen (von dem Welterfolg der SAP bei Unternehmenssoftware abgesehen). Dieses wird derzeit durch die ausländischen KI-Giganten noch verstärkt. Die Dominanz beruht gleichzeitig auf dem Vorsprung in der Forschung, in der sich Forschungserfolge in neuen Produkten widerspiegeln und diese wiederum neue Forschungen antreiben.

In meiner vierjährigen Amtszeit als Präsident des Digitalisierungsverbandes Bitkom von 2007 bis 2011 hatte ich mir zum Ziel gesetzt, auf die Diskrepanz zwischen dem Erfolg Deutschlands in den traditionellen Industrien von Automobil, Maschinenbau usw. und der Schwäche der Digitalindustrie hinzuweisen und zu einer Aufholjagd aufzurufen. Leider gerieten die jährlichen Digitalgipfel mehr zu einem Schaulaufen der Politiker von Bundeskanzler(in) und Ministern als zu einer Demonstration deutscher digitaler Produkterfolge. Mein Aufruf zur Entwicklung einer deutschen Cloud wurde als provinzielle Sichtweise in einem globalen Markt angesehen; schließlich war Deutschland genereller Exportweltmeister, und wir müssen anderen Ländern deshalb auch ihre Exporterfolge in der Digitalwirtschaft gönnen. 

Dabei hat man aber die Bedeutung der Digitalisierung als entscheidenden Innovations- und Wachstumstreiber aller Branchen, öffentlichen Dienstleistungen und privater Kommunikation verkannt. Hinzu kommt gegenwärtig, dass sich frühere freundliche Partnerverhältnisse zu Ländern wie USA und China in verhärtete, auch politische, Konkurrenzbeziehungen verändert haben.

Also nun soll es aber losgehen. Deutschland will in Anwendung und Angebot aufholen und damit unabhängiger von ausländischen Großanbietern werden. Auf Bundesebene ist ein Digitalministerium eingerichtet worden, das ich übrigens schon in meiner Bitkom-Amtszeit vehement gefordert hatte. Dieses soll die öffentlichen Dienstleistungen modernisieren. Auch Unternehmen aus der Start-up-Szene, dem Mittelstand sowie aus Nachbardisziplinen engagieren sich neben der SAP und der Telekom bei neuen Entwicklungen, insbesondere der Künstlichen Intelligenz.


Komponenten der Digitalisierung

Die Aufholjagd der Digitalisierung zur Erreichung einer höheren Souveränität hat zwei Dimensionen. Erstens müssen die Komponenten der Digitalisierung aus Forschung, Hardware, Vernetzung, Softwareplattformen, Anwendungen bis zu Dienstleistungen als zusammengehörende Kette eines souveränen Angebotes betrachtet werden. Zweitens müssen die Akteure zur Erstellung des Angebots, also Forschungsinstitute, Start-ups, Mittelstand und Großunternehmen fähig sein und bereitstehen, diese Aufgaben auszuführen.

Wie sehen nun die Startbedingungen bei den Komponenten und Akteuren aus? In der Forschung stellen die deutschen Universitäten, aber vor allem die außeruniversitären Forschungsorganisationen wie Max Planck, Fraunhofer, Helmholtz-Gemeinschaft und einzelne Institute wie das DFKI durchaus ein positiver Faktor dar und haben auf den aktuellen Gebieten wie KI und Quantencomputing Schwerpunkte. Allerdings zeigen Blicke in die Literaturverzeichnisse einschlägiger wissenschaftlicher Literatur zur Digitalisierung kaum europäische Autoren oder nur als Mitglieder von internationalen Autorenteams. Insbesondere haben sich nur wenige anwendungsnahe Forschungsergebnisse in internationalen Produkterfolgen manifestiert. Der Erfolg von MP3 der Fraunhofer Gesellschaft hat leider auch nur zu Produkten außerhalb von Deutschland geführt. 

In aller Bescheidenheit darf ich auf meine Beiträge in der Zusammenarbeit mit der SAP hinweisen und auch auf den internationalen Erfolg des ARIS-Konzeptes sowie dem ARIS-Produkt, das aus meinem Forschungsinstitut an der Universität des Saarlandes hervorgegangen ist. Das gleiche gilt für mein Unternehmen imc AG, dessen Produkte zum Lern- und Wissensmanagement international eingesetzt werden. Aus dem Hasso-Plattner-Forschungsinstitut HPI ist die Hana-Datenbank der SAP entstanden. Es geht also grundsätzlich, aber insgesamt ist der Produkterfolg der deutschen Forschung zur Digitalisierung, gemessen an den öffentlichen Fördergeldern, zu gering.

Der Stand der Hardware aus deutscher Produktion ist fast vernachlässigbar. Wo sind die Hardwarehersteller der Anfangszeit wie Siemens, Nixdorf, Telefunken usw. geblieben? Sie alle waren den stürmischen Technologiesprüngen von Röhren über Transistoren zu Halbleitern und von Großrechnern, Servern, PCs bis zur Cloud nicht gewachsen und sind in diesem Marktsegment verschwunden. Dieses gilt auch für Europa mit den Anbietern Bull oder Philips. Gewonnen haben die aus Start-ups hervorgekommenen amerikanischen und asiatischen Anbieter für Chips und Rechner.

So sind dann auch die riesigen Serverparks und Rechenzentren überwiegend in ausländischer Hand. Das gleiche gilt für die Softwareplattformen aus Datenbank- und Workflowsystemen, obwohl deutsche Systeme wie Adabas einmal Marktführer waren. Dramatisch ist die Dominanz der amerikanischen und asiatischen Anbieter von Fundamental LLM-Systemen der KI. Bei Anwendungssoftware zeigt sich außer der SAP und einiger Anbieter von Spezialsoftware ebenfalls im internationalen Vergleich eher eine Wüste. 

Hier werden allerdings für KI-Anwendungen Hoffnungsschimmer erzeugt, da beispielsweise die deutsche Industrie einen Datenschatz aus ihren Kundenanwendungen besitzt, der für Training und Anwendung von KI-Modellen für Industrieunternehmen genutzt werden. Der Markt für die individuelle Entwicklung umfassender Anwendungssysteme und die digitale Transformation von Großunternehmen ist weitgehend von ausländischen Unternehmen aus den USA sowie von einigen europäischen Unternehmen, zum Beispiel aus Frankreich, besetzt. Aus Deutschland hat sich kein globales IT-Beratungsunternehmen etabliert, außer Telekom und T-Systems. Dies ist umso ärgerlicher, da dieses im Gefolge des Welterfolges der SAP als deren Implementierer möglich gewesen wäre. Einige deutsche mittelständische Unternehmen, die auf dem Weg zur Internationalisierung waren, sind leider von internationalen Unternehmen gekauft worden und vom Markt verschwunden.

IM-Scheer-August-Wilhelm

Digitale Souveränität entsteht nicht durch einzelne Technologien, sondern durch das Zusammenspiel von Forschung, Infrastruktur, Plattformen, Anwendungen und starken Unternehmen.

Prof. Dr. August-Wilhelm Scheer, Geschäftsführender Gesellschafter der August-Wilhelm Scheer Holding

Akteure der Digitalisierung

Sollen Anstrengungen für einen Neustart in diesen Feldern unternommen werden, erhebt sich die Frage, ob und wie Akteure diese umsetzen können. Soll die Digital-Forschung von Universitäten und Forschungsorganisationen stärker auf einen anwendungsorientierten Output gerichtet werden, erfordert dies eine kulturelle Wende. Gegenwärtig dominiert als Maßstab für einen Wissenschaftserfolg die Veröffentlichung von „papers“ und nicht die Umsetzung in erfolgreiche Produkte. Hierzu ist eine Änderung der Berufungs- und Einstellungspolitik der Institutionen erforderlich, um mehr unternehmerisch denkende und handelnde Forscher anzuziehen. Die vom Bundeswirtschaftsministerium in den letzten Jahren mit erheblichen Fördermitteln ausgestatteten Forschungsprogramme Gaia-X, Manufacturing-X usw. waren zwar gut gemeint und hatten auch die Stärkung der Souveränität zum Ziel, haben aber kaum die erwarteten Produkterfolge erbracht. Mut machen einzelne Leuchttürme wie die Investition der Telekom in die KI-Fabrik in München. 

Auch das genannte HPI sowie einige Institute der Fraunhofer Gesellschaft sind positiv zu nennen. Das von mir gegründete gemeinnützige August-Wilhelm Scheer Institut für digitale Produkte und Prozesse (AWSi) folgt ebenfalls diesem anwendungsorientierten Ansatz. Für die Unterstützung von Sprunginnovationen ist die SPRIND GmbH mit erheblichen Mitteln ausgestattet. Auch gibt es einzelne Kooperationen zwischen europäischen Forschungsinstituten wie zwischen dem DFKI und dem französischen Inria.

Aus diesen Forschungsergebnissen können insbesondere durch Start-ups Produkte entstehen. Es muss aber beachtet werden, dass die Überlebenschance von Start-ups lediglich bei 20 bis 30 Prozent liegt. Weiter streben viele Start-ups aufgrund der Eigentümerstruktur externer Investoren von vornherein einen frühen Exit an. Dieses führt in vielen Fällen dazu, dass gerade die chancenreichsten Start-ups von ausländischen Großunternehmen übernommen werden und damit ihre Technologie von der Zentrale übernommen wird und als Wachstumsfaktor für den heimischen Standort weitgehend verloren geht. Umgekehrt sind heimische IT-Großunternehmen mehr an der Übernahme „gehypter“ Start-ups in den USA interessiert, als noch unbekannteren heimischen Start-ups eine Chance zur Beteiligung oder Übernahme zu geben. Trotzdem ist die Start-up-Szene für neue Gebiete der KI positiv zu sehen, wenn sie durch Kooperationen mit Großunternehmen und durch die Beteiligung und Aufträge des Staates unterstützt wird.

Die gegenwärtigen mittelständischen Digitalunternehmen in Deutschland beschränken sich hauptsächlich auf die Implementierung von SAP sowie überwiegend ausländischer Systeme von Microsoft oder ServiceNow und bieten damit wenig Ansatzpunkte für eine Souveränitätsstrategie durch neue Produkte. Allerdings ist es mir gelungen, in den 2000er Jahren mit dem mittelständischen Unternehmen IDS Scheer AG das Softwareprodukt ARIS zur Geschäftsprozessoptimierung zu einem Welterfolg zu führen. Bei entsprechendem Innovationsvorsprung, einem tüchtigen Mitarbeiterteam und Ehrgeiz ist dieses also möglich. Deshalb strengen wir uns auch jetzt bei der KI-Revolution an, mit dem Unternehmen Scheer PAS und dem gleichnamigen Produkt zur Entwicklung und Ausführung von KI-Agenten einen ähnlichen Erfolg zu erzielen.

Da die Märkte digitaler Produkte von der Hardware bis zur Beratung von internationalen Großunternehmen beherrscht werden, ist die Gretchenfrage, ob es Deutschland gelingt, vergleichbare Unternehmen hervorzubringen. Erste Ansatzpunkte könnten wegen ihrer Branchennähe die bestehenden Telekommunikationsunternehmen sein. 
 

Aufbau von KI-Rechenzentren

So investiert z.Zt. die Deutsche Telekom in den Aufbau von Hochleistungsrechenzentren für KI. Auch wenn hier die Chips außereuropäischer Hersteller eingesetzt werden, wurde in München mit der Industrial AI Cloud der T-Systems ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung getan. Basierend auf der Erkenntnis, dass Deutschland über tiefes industrielles Wissen und einen großen industriellen Datensatz verfügt, kann es einen Wettbewerbsvorsprung durch Training und Anwendung entsprechender KI-Modelle erreichen.

Auf der Hardware aufbauend, wird mit dem Industrial AI Cloud-Stack aus Software für Sicherheit, Plattform und KI-Anwendungen mit überwiegend deutschen Anbietern ein souveränes System aufgebaut. Wir sind mit unserem Produkt Scheer PAS Teil der Plattform- und Anwendungsschicht.

Die Architektur ist darauf ausgelegt, das Training großer KI-Modelle, industrielle Simulation, Robotik oder Digitale Zwillinge zu unterstützen. Auch die SAP und Siemens engagieren sich als Großunternehmen auf der Plattform. Für öffentliche Dienstleistungen sind der Bund und Länder beteiligt.  Insgesamt bietet die Kombination vieler Akteure eine Ausgangssituation für einen großen Schritt hinsichtlich der angestrebten Souveränität. 

Der Abstand zu den Investitionen der US-Giganten in die Infrastruktur ist aber noch immer gewaltig. Deshalb ist es auch wichtig, dass Deutschland und Europa für alle Felder der Digitalisierung aus der Forschung hervorgehende Start-ups zu Großunternehmen wachsen lässt, ohne dass sie vorher kollabieren oder von ausländischen Unternehmen gekauft werden. Hier kann der Staat helfen. Er ist einer der größten Kunden für digitale Produkte und kann deshalb auch der Förderer von Unternehmen sein. Hier kann er durch eine gezielte Industriepolitik und unter der fachlichen Betreuung eines Digitalministeriums wertvolle Beiträge liefern. Die Vergabe von Entwicklungsaufträgen des amerikanischen Verteidigungsministeriums an Start-ups war unter anderem ein wichtiger Erfolgsfaktor für das Entstehen des Silicon Valleys und sollte ein Beispiel sein.

Ein weiterer wichtiger Akteur ist das Finanzsystem zur Finanzierung des erforderlichen Unternehmenswachstums. Hier sind neben dem klassischen Bankensystem die VC-Szene, aber auch staatliche Institutionen wie die KFW zu nennen. Der Staat tritt dann mit finanziellen Unternehmensbeteiligungen auch in der Rolle des Unternehmers auf. Diese Möglichkeit ist kürzlich von der Bundesregierung geschaffen worden.

Als Credo für die Gestaltung einer echten digitalen Souveränität bleibt festzuhalten: nur eine gesamthafte Betrachtung des Stacks der Systeme von der Infrastruktur über Plattformen bis zu den Anwendungen und Beratung sowie die Verbindung aller Akteure von Forschung, Start-ups, Großunternehmen bis zum Staat und dem Finanzsystem ist Voraussetzung, um Maßnahmen zu ergreifen, die zu einer echten Souveränität führen. Dieses ist für Deutschland noch ein langer, aber möglicher Weg.

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