Bild ist KI-generiert
Letzte Woche war ich auf dem BIG BANG KI-Festival in Berlin – Europas größtem KI-Event. Sechs Bühnen, 350 Speaker und 12.000 Entscheider aus Wirtschaft, Wissenschaft und Politik. Zwei Tage lang drehten sich alle Keynotes und Gespräche um KI. Das Entscheidende ist für mich aber nicht mehr die Frage, ob KI alles verändern wird. Das tut sie längst. Die entscheidende Frage ist: Wer schafft mit KI künftig Wertschöpfung? Und wer konsumiert am Ende nur die Plattformen anderer?
Wir Europäer schauen in dieser Diskussion sehr genau auf das, was uns gegenüber dominierenden Ländern wie Amerika und China fehlt: Rechenleistung, Kapital, große Plattformen, die bekanntesten AI Foundation Models. Das ist auch richtig, weil man sich den Fakten stellen muss. Aber wenn wir daraus den Schluss ziehen, dass das Spiel schon verloren ist, machen wir aus einem Rückstand eine selbsterfüllende Prophezeiung.
Ich glaube fest daran, dass Europa eine eigene KI-Story zu erzählen hat. Sie besteht nicht darin, das Silicon Valley eins zu eins zu kopieren. Unsere Stärke liegt in Industrie, Engineering, Prozessen, Forschung und vor allem in den Daten, die dort seit Jahrzehnten entstehen. Das ist unser Alleinstellungsmerkmal. Genau diese Kombination müssen wir jetzt konsequent nutzen, um die Zukunft der KI maßgeblich mitzugestalten – nach unseren Vorstellungen und Werten.
Telekom-CEO Tim Höttges hat es in seiner Keynote ziemlich ungeschminkt gezeigt: Die USA verfügen über rund 75 Prozent der weltweiten GPU-Rechenleistung, Europa kommt gerade einmal auf etwa fünf Prozent. Auch bei Investitionen und neuen KI-Modellen ist der Abstand enorm. Egal, auf welche Kennzahl man schaut: Europa skaliert bislang nicht in derselben Liga.
Jetzt kann man sich davon einschüchtern lassen. Oder man schaut genauer hin. Die USA spielen ihre Stärke bei Kapital, Plattformen und Modellen aus. China wiederum verbindet digitale Intelligenz mit industrieller Kraft und bringt KI sehr schnell aus dem Rechenzentrum in Robotik, Logistik und Produktion. Genau diese Verbindung von KI und realer Wertschöpfung halte ich für besonders spannend.
Tim hat dafür das Bild der hochautomatisierten Fabrik genutzt. Dort reden wir nicht mehr darüber, ob ein Chatbot einen Text etwas schneller formuliert. KI verbindet Maschinen, Qualitätskontrolle, Materialfluss, Logistik und Robotik zu einem Gesamtsystem. Aus Automation wird intelligente Automation. Und plötzlich reden wir nicht mehr über ein IT-Tool, sondern über Produktivität, Kosten und globale Wettbewerbsfähigkeit.
Und genau deshalb sollte KI in den deutschen und europäischen Unternehmen Chefsache sein. Bei der Telekom nutzen wir KI heute bereits entlang der gesamten Wertschöpfungskette – im Service, im Netz, in der Softwareentwicklung und im internen Wissensmanagement. Tim hat gezeigt, wie breit KI bei uns bereits produktiv eingesetzt wird und dass es dabei immer um messbaren Business Value geht. Seine Botschaft ist absolut richtig: KI ist nicht einfach ein neues Werkzeug. Unternehmen müssen ihre Prozesse neu denken.
Genau darüber habe ich auch mit SAP-Vorstand Thomas Saueressig in einem Panel Talk auf der Mainstage gesprochen. Amerikanische Tech-Unternehmen sind hervorragend darin, Innovation groß zu erzählen. Da erscheint ein neues Modell und einen Tag später spricht die ganze Welt darüber. Wir Europäer sind manchmal genau umgekehrt: Wir forschen, bauen, optimieren – und erzählen viel zu wenig darüber, was wir eigentlich können.
Dabei haben wir sehr viel zu erzählen: Wir haben Weltklasse-Unternehmen, starke Forschungslandschaften und eine industrielle Tiefe, die man sich nicht einfach kaufen kann. In unseren Fabriken, Maschinen, Entwicklungsprozessen und Lieferketten liegen Daten und Know-how aus Jahrzehnten. Das ist ein riesiger Schatz für KI – wenn wir lernen, ihn nutzbar zu machen.
Deshalb glaube ich: Europa muss nicht versuchen, einfach das nächste amerikanische Consumer-LLM zu kopieren. Unsere große Chance ist Industrial AI. Wenn wir Maschinenwissen, industrielle Daten, Engineering und leistungsfähige KI zusammenbringen, können wir Produktivität erhöhen, Entwicklungszeiten verkürzen und sogar Wertschöpfung zurückholen, von der viele glaubten, sie sei endgültig nach Asien abgewandert. Mithilfe von KI und Automation können wir zum Beispiel T‑Shirts wieder zu wettbewerbsfähigen Preisen in Europa produzieren – statt in Asien wegen der geringeren Lohnkosten.
Das ist übrigens ein Punkt, der mir sehr wichtig ist. Wir diskutieren in Deutschland im Moment sehr viel darüber, wie wir den vorhandenen Kuchen verteilen. KI hingegen gibt uns die Chance, den Kuchen insgesamt wieder größer zu machen. Und nur wenn wir wieder Wachstum und Wertschöpfung erzeugen, können wir auf Dauer auch Wohlstand, soziale Sicherheit und Investitionen finanzieren.
Unsere große Chance ist Industrial AI. Wenn wir Maschinenwissen, industrielle Daten, Engineering und leistungsfähige KI zusammenbringen, können wir Produktivität erhöhen, Entwicklungszeiten verkürzen und sogar Wertschöpfung zurückholen.
Thomas Saueressig und ich waren uns auch in einem zweiten Punkt sehr einig: Digitale Souveränität darf nicht mit Autarkie verwechselt werden. Niemand verlangt, dass jeder Chip, jede Datenbank und jede Softwarezeile aus Europa kommen muss. Wir arbeiten selbstverständlich mit amerikanischen und anderen internationalen Partnern zusammen. Entscheidend ist, dass Unternehmen die Kontrolle über ihre Daten, ihre kritischen Prozesse und ihre technologische Handlungsfähigkeit behalten.
Ein Unternehmen muss wissen, wo seine Daten liegen, wer darauf zugreifen kann und unter welchem Rechtsraum seine Anwendungen betrieben werden. Es muss sich die Möglichkeit erhalten, Technologien und Anbieter bei Bedarf auszutauschen. Und es darf nicht in eine Situation geraten, in der ein strategischer Kernprozess nur deshalb nicht mehr funktioniert, weil sich irgendwo auf der Welt Geschäftsbedingungen oder geopolitische Rahmenbedingungen ändern.
Dazu braucht es mehr als ein gutes KI-Modell. Es braucht den kompletten Technologie-Stack: Konnektivität, Rechenzentren, Compute Power, Cloud, Security, Plattformen, Modelle, Anwendungen und Integration. Genau deshalb investieren wir als Telekom so stark in souveräne Infrastruktur. Nicht weil wir Eigenbrötler sind, sondern weil digitale Souveränität ein unverzichtbarer Wettbewerbsfaktor geworden ist.
Und sie darf nicht teuer und kompliziert sein. Wenn eine souveräne Lösung doppelt so viel kostet und halb so leistungsfähig ist, wird sie nicht skalieren. Unser Anspruch muss deshalb sein: sicher, offen, souverän und gleichzeitig wettbewerbsfähig. Sonst bleibt Souveränität eine schöne politische Überschrift, wird aber keine wirtschaftliche Realität.
Ein gutes Beispiel für unsere Souveränitätsbemühungen ist SOOFI. Dahinter steht der Anspruch, souveräne, offene Foundation Models aus Deutschland für deutsche und europäische Anwendungen verfügbar zu machen. Das ist keine Übung gegen amerikanische oder chinesische Modelle. Es geht darum, dass wir auch selbst die Fähigkeit behalten, große KI-Modelle zu entwickeln, zu trainieren und für unsere Anforderungen weiterzuentwickeln.
Genau hier kommt die Telekom ins Spiel. Solche Modelle brauchen Rechenleistung, sichere Infrastruktur, Netze, Speicher und einen professionellen Betrieb. Dies stellen wir über unsere KI-Fabrik in München bereit. Forschung und Entwicklung bringen die Modellkompetenz ein, wir schaffen die industrielle Basis, auf der solche Modelle entstehen und später auch betrieben werden können.
Für mich ist SOOFI deshalb auch ein Beispiel für ein grundsätzliches Problem Europas. Wir haben gute Lösungen, gute Forscher und gute Technologie – aber wir müssen sie noch viel besser vermarkten und bekannt machen. Amerikanische Unternehmen sind uns beim Marketing oft einen Schritt voraus. Das können und müssen wir lernen, ohne unsere europäischen Stärken bei Qualität, Vertrauen und Datenschutz aufzugeben.
Und genau da liegt auch der Unterschied zwischen einem technologischen Demonstrator und echter Souveränität. Ein Modell ist erst dann relevant, wenn Unternehmen damit arbeiten können. Wenn es in Prozesse integriert wird, wenn Entwickler es nutzen, wenn daraus Produkte entstehen und es sich am Markt bewährt. Das ist jetzt der entscheidende nächste Schritt, den wir gehen müssen.
Dr. Ferri Abolhassan, CEO T-Systems mit Thomas Saueressig, Vorstand SAP
Auf dem Partnerstand mit SAP haben wir deshalb nicht nur unsere Industrial AI Cloud gezeigt, ein souveränes Fundament für KI-Lösungen Made in Europe. SAP ergänzt dieses Fundament mit seiner Business Technology Platform und seinen Business-AI-Services. So entsteht eine integrierte Umgebung, in der Unternehmen und öffentliche Verwaltungen KI sicher entwickeln, betreiben und skalieren können.
Wir stellten auch den Prototypen der Deutschland-App vor, den wir gemeinsam mit SAP entwickelt haben. Und hier sind wir genau an dem entscheidenden Punkt: Technologie muss beim Menschen ankommen. Sie darf nicht abstrakt bleiben. Sie muss einen spür- und messbaren Mehrwert bieten – für Unternehmen, für Behörden oder den Alltag der Menschen.
Heute funktioniert Verwaltung für Bürger noch viel zu häufig so: Man sucht die zuständige Behörde, füllt Formulare aus, trägt Daten mehrfach ein, wartet auf einen Termin und fragt irgendwann nach dem Bearbeitungsstatus. Das ist nicht wirklich digital. Das ist ein analoger Prozess, der an einigen Stellen einen Bildschirm bekommen hat.
Gemeinsam mit SAP wollen wir im Auftrag des Bundesministeriums für Digitales und Staatsmodernisierung genau das verändern. Der Staat muss stärker zum Bürger kommen und nicht der Bürger ständig zum Staat. Verwaltungsleistungen sollen einfacher auffindbar, digital nutzbar und perspektivisch stärker automatisiert werden. Für die Bürger bedeutet das weniger Formulare, weniger Wege und weniger Lebenszeit, die mit Administration verloren geht.
Und für die Verwaltung bedeutet es etwas genauso Wichtiges: Wenn Standardprozesse digital und intelligent laufen, haben Mitarbeiter mehr Zeit für die komplexen Fälle, bei denen Menschen wirklich gebraucht werden. Genau das ist auch mein Verständnis von KI: Die Maschine soll das machen, was eine Maschine besser kann. Damit der Mensch mehr Zeit für das hat, was der Mensch besser kann.
In München haben wir in sehr kurzer Zeit unsere Industrial AI Cloud, eine leistungsfähige KI-Infrastruktur, aufgebaut. Ja, wir haben die deutsche KI-Rechenleistung damit erheblich erweitert. Und ja, die Nachfrage ist so hoch, dass wir bereits den nächsten Ausbauschritt planen. Aber das alles ist nur dann relevant, wenn daraus konkrete Anwendungen und Wertschöpfung entstehen.
Ein Mittelständler braucht keine GPUs, weil es gerade angesagt ist, GPUs zu nutzen. Er will mit Hilfe der KI früher erkennen, dass seine Maschine ausfällt. Ein Automobilhersteller will damit Produktionsprozesse simulieren und Entwicklungszeiten verkürzen. Ein Pharmaunternehmen will damit schneller forschen. Und eine Behörde will einen Prozess, der heute drei Wochen dauert, vielleicht morgen in wenigen Minuten erledigen.
Genau darum arbeiten wir mit Partnern wie SAP zusammen. Wir bringen sichere Infrastruktur, Cloud, Netze und Betrieb. SAP bringt Unternehmensprozesse, Plattformen und Business-Daten. Und gemeinsam können wir daraus Lösungen bauen, die nicht im Labor stehen bleiben, sondern in der Produktion, im Büro oder in einer Behörde funktionieren.
Das ist für mich der Unterschied zwischen einem Rechenzentrum und einer KI-Fabrik. Ein Rechenzentrum stellt Compute bereit. Eine KI-Fabrik muss am Ende Wert schaffen. Für einen Kunden, für einen Bürger, für eine ganze Volkswirtschaft.
Deutschland hat den Computer miterfunden. Wir haben Weltklasse-Forschung in KI und Informatik. Wir haben Maschinenbauer, Automobilunternehmen, Chemie, Pharma, Medizintechnik und einen Mittelstand, der in vielen Bereichen Weltmarktführer ist. Und wir haben Unternehmen wie SAP, Siemens, Bosch, Telekom und viele andere, die technologisch sehr viel können.
Trotzdem erzählen wir uns oft gegenseitig, dass das globale KI-Rennen längst entschieden sei. Wie eingangs betont, glaube ich das nicht. Ich glaube allerdings auch nicht, dass wir automatisch gewinnen, nur weil wir gute Ingenieure haben. Es kommt darauf an, dass wir aus Forschung handfeste Produkte machen, aus Daten Anwendungen und aus Anwendungen skalierbares Geschäft.
Und hier wird Physical AI – besonders für uns Europäer – eine der nächsten großen Wellen sein. China zeigt bereits, wie schnell sich KI mit Robotik und industrieller Produktion verbinden lässt. Genau deshalb dürfen wir nicht nur auf Large Language Models schauen. Die nächste große Wertschöpfung entsteht dort, wo digitale Intelligenz auf die reale Welt trifft.
Und dafür haben wir in Europa hervorragende Voraussetzungen. Was uns an vielen Stellen fehlt, ist Geschwindigkeit. Wir wollen Sicherheit, Souveränität, Innovation und hundertprozentige Gewissheit – am besten alles gleichzeitig. Aber unternehmerischer Fortschritt funktioniert so nicht. Entscheidungen unter Unsicherheit gehören dazu. Auch das war einer der zentralen Gedanken in Tims Keynote.
Mein Fazit aus Berlin ist deshalb klar: Europa hat bei KI noch nicht verloren. Aber wir dürfen uns auch nichts vormachen. Wir brauchen mehr Rechenleistung, mehr Investitionen, mehr Mut und vor allem mehr Anwendungen, die messbar Wert schaffen. Und wir müssen unsere eigenen Stärken endlich selbstbewusster in den Markt tragen. Ganz im Sinne von: Tue Gutes und rede drüber!
Ein Anfang ist gemacht: Mit unserer Industrial AI Cloud haben wir eine souveräne Infrastruktur mit breitem Partner-Ökosystem geschaffen. Gemeinsam mit SAP bringen wir KI in Geschäftsprozesse und mit der Deutschland-App auch in den Alltag der Bürger. Mit Projekten wie SOOFI zeigen wir, dass auch wir große Sprachmodelle können – die unseren Regeln und Werten entsprechen. Jetzt geht es darum, all das smart zu skalieren.
Ich bin kein Freund davon, jeden Morgen darüber zu lamentieren, was in Deutschland alles schwierig ist. Bürokratie nervt mich auch. Langsame Prozesse nerven mich auch. Aber die entscheidende Frage ist doch: Wie gehen wir mit dieser Situation um? Mein Credo: Weniger darüber reden, warum andere größer sind oder was sie besser können. Mehr die eigenen Stärken auf den Platz bringen. Selbstbewusst sein. Und einfach machen.