Im Podcast „Diagnose: Zukunft“ spricht Gottfried Ludewig mit Maximilian Greschke, CEO von Recare, über digitale Souveränität im Gesundheitswesen – und darüber, warum nicht die Modelle, sondern die verfügbare Rechenleistung gerade die eigentliche Engstelle ist.
Das Gesundheitswesen steht vor einem tiefgreifenden Wandel. Künstliche Intelligenz kann Diagnostik und Anamnese beschleunigen, Dokumentation vereinfachen und medizinisches Personal entlasten. Noch entscheidender ist jedoch ihr Potenzial, große Datenmengen aus Sensorik, Geräten und Behandlung auszuwerten. So können wir früher erkennen, wann Gesundheit in Krankheit übergeht – und Prävention neu denken.
Damit verändert sich langfristig das gesamte Versorgungssystem: die Rolle von Ärztinnen und Ärzten, die Organisation von Krankenhäusern und die Frage, wann stationäre Behandlung überhaupt notwendig ist. Wenn Medikamente schneller entwickelt und Risiken früher erkannt werden, können viele Krankenhausaufenthalte künftig vermieden werden. Das ist keine ferne Vision, sondern eine Entwicklung, auf die wir uns heute vorbereiten müssen.
Gleichzeitig klaffen Anspruch und Wirklichkeit noch weit auseinander. In vielen Kliniken treffen moderne KI-Anwendungen auf 15 oder 20 Jahre alte Software, fehlende Schnittstellen und Prozesse, die teilweise noch mit Papier funktionieren. Die Digitalisierung hat in den vergangenen Jahren oft nur marginale Verbesserungen gebracht. KI besitzt nun erstmals das Potenzial, genau jene strukturellen Probleme zu lösen, an denen sich viele Projekte bislang die Zähne ausgebissen haben.
Die größte Hürde ist dabei nicht allein die Technologie. Menschen folgen zunächst ihren eingeübten Mustern. Deshalb müssen wir praktische Anwendungsfälle schaffen, die im Alltag überzeugen. Wer selbst erlebt, wie KI die eigene Arbeit erleichtert, entwickelt Neugier und Bereitschaft zur Veränderung. Das gilt für Krankenhäuser ebenso wie für Unternehmen.
Die zweite Voraussetzung ist eine leistungsfähige technische Basis. KI-Anwendungen brauchen Rechenkapazität, sichere Datenverarbeitung und eine belastbare Cloud- und Integrationsarchitektur. Eine einzelne Insellösung hilft dabei nicht weiter. Entscheidend sind offene, skalierbare Plattformen, die bestehende Systeme einbinden und gleichzeitig den Weg in eine neue digitale Arbeitsweise öffnen.
Zudem müssen wir ein überholtes Paradigma hinter uns lassen. Über 20 Jahre hat das Gesundheitswesen versucht, eine vollständig strukturierte Datenbasis zu schaffen. Das ist ein gescheitertes Experiment. Nicht, weil strukturierte Daten unwichtig wären, sondern weil die Vorstellung, Menschen müssten zunächst alle Informationen perfekt erfassen und standardisieren, in der Praxis nicht funktioniert hat.
Moderne KI-Modelle können zunehmend mit unstrukturierten Daten umgehen – mit Sprache, Befunden, Dokumenten und Informationen aus bestehenden Systemen. Die Reihenfolge dreht sich damit um: Wir müssen nicht mehr auf perfekt strukturierte Daten warten. KI kann aus den vorhandenen Informationen Erkenntnisse gewinnen und die notwendige Strukturierung anschließend selbst übernehmen. Das eröffnet einen realistischeren und deutlich schnelleren Weg zur Digitalisierung.
Die eigentliche Engstelle sind dabei zunehmend nicht die Modelle, sondern die verfügbare Rechenkapazität. Wir als Deutsche Telekom haben Anfang des Jahres innerhalb von wenigen Monaten die Industrial AI Cloud mit 10.000 GPUs in München aufgebaut. Damit wurde die KI-Rechenleistung in Deutschland auf einen Schlag um rund 50 Prozent erhöht. Und trotzdem ist diese Kapazität bereits nahezu ausverkauft. Das zeigt: KI-Rechenleistung ist keine abstrakte Zukunftsfrage. Sie wird heute gebraucht – für Forschung, Diagnostik, Simulation, Robotik und industrielle Anwendungen.
Digitale Souveränität bedeutet deshalb ganz konkret: Europa muss über ausreichend Rechenkapazität, sichere Cloud-Plattformen – wie beispielsweise unsere T Cloud – und leistungsfähige Netze verfügen. Es geht nicht darum, technologische Abhängigkeiten vollständig zu vermeiden. Es geht darum, handlungsfähig zu bleiben, Wahlmöglichkeiten zu besitzen und Daten, Prozesse sowie kritische Anwendungen auch unter veränderten politischen und wirtschaftlichen Bedingungen kontrollieren zu können. Dazu gehören auch wettbewerbsfähige Strompreise und geeignete Rahmenbedingungen für den Betrieb von Rechenzentren. Das ist auch für das Gesundheitswesen entscheidend: Kliniken sind zunehmend auf eine verlässliche digitale Infrastruktur angewiesen – und stehen zugleich vor weiteren großen Herausforderungen.
KI wird das Gesundheitswesen nicht einfach digitalisieren. Sie wird dessen Strukturen, Prozesse und Rollen neu ordnen. Unsere Aufgabe ist es, diesen Wandel aktiv zu gestalten – damit Technologie nicht nur effizienter macht, sondern vor allem die Versorgung der Menschen verbessert.
Denn auf die Kliniken wirkt derzeit ein Dreifachdruck. Der demografische Wandel führt zu mehr Patientinnen und Patienten sowie weniger Pflegekräften und Ärzten. Zugleich steigt der finanzielle Druck durch notwendige Einsparungen und strukturelle Veränderungen im Gesundheitswesen. Hinzu kommt eine neue Bedrohungslage im Bereich der Cybersicherheit. Wo früher teilweise Wochen für einen Sicherheitspatch zur Verfügung standen, schrumpft das Zeitfenster inzwischen auf wenige Stunden.
Diese Herausforderungen lassen sich nicht mit Einzelmaßnahmen bewältigen. KI darf deshalb keine Aufgabe sein, die ausschließlich an den IT-Leiter delegiert wird. Sie muss Chefsache sein. Die Leitung eines Krankenhauses muss verstehen, welche Prozesse sich verändern, welche Daten benötigt werden, welche Risiken entstehen und welche technischen Voraussetzungen geschaffen werden müssen.
Dabei brauchen Kliniken eine Brücke zwischen der alten und der neuen Welt. Der Krankenhausalltag muss heute funktionieren – auch wenn Systeme veraltet, Schnittstellen unvollständig und Daten teilweise noch auf Papier vorhanden sind. Gleichzeitig müssen neue Anwendungen integriert werden.
Auch bei den Investitionen müssen wir umdenken. Wenn wir über den Krankenhaus-Transformationsfonds sprechen, darf es nicht allein um Betten, Gebäude und Beton gehen. Das wäre Denken aus den 1990er-Jahren. Natürlich braucht es weiterhin Standorte und eine funktionierende bauliche Infrastruktur. Aber Investitionen sollten ebenso neue Versorgungsformen ermöglichen: Telemedizin, die Zusammenführung von Daten, einen 360-Grad-Blick auf Patientinnen und Patienten und den gezielten Einsatz von KI.
Dabei wird KI nicht nur in zentralen Rechenzentren stattfinden. Gerade in zeitkritischen Situationen, etwa im Schockraum, kann On-Device-KI eine wichtige Rolle spielen. Wenn Daten direkt vor Ort verarbeitet werden, lassen sich Latenzen reduzieren und sensible Informationen besser kontrollieren. Ergänzend werden regionale Mini-Rechenzentren entstehen, die Anwendungen dort verfügbar machen, wo sie gebraucht werden.
Die Zukunft lässt sich nicht vollständig am Reißbrett entwerfen. Wir sollten mutig beginnen, konkrete Anwendungsfälle schaffen und aus der Praxis lernen. Entscheidend ist, dass wir jetzt die Voraussetzungen für Veränderung schaffen: mit ausreichend Rechenleistung, souveränen Cloud- und Datenplattformen, sicheren Netzen und einem gemeinsamen Gestaltungswillen.
KI wird das Gesundheitswesen nicht einfach digitalisieren. Sie wird seine Strukturen, Prozesse und Rollen neu ordnen. Unsere Aufgabe ist es, diesen Wandel aktiv zu gestalten – damit Technologie nicht nur effizienter macht, sondern vor allem die Versorgung der Menschen verbessert.
Über all diese Themen habe ich im Podcast „Diagnose: Zukunft“ mit Maximilian Greschke, CEO von Recare, gesprochen. Hören Sie mal rein!
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