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Glasfront der Messe Frankfurt

Wie können wir nach Corona Veranstaltungen neu denken?

Dr. Andreas Winckler, Leiter der Informationstechnologie der Messe Frankfurt, im offenen Gespräch mit Stefan Bott von der Telekom.

Dr. Andreas Winckler, Chief of Information Technology der Messe Frankfurt, im Gespräch mit Telekom Business Solution Accounter Stefan Bott über Corona als Mutmacher einer digitalen Transformation, die Allianz von „analog & digital” und den Re-Start des Präsenzmesse-Geschäfts.

Herr Dr. Winckler, wie hart hat Corona die Messe Frankfurt getroffen und wo ist Land in Sicht?

Dr. Andreas Winckler, Leiter der Informationstechnologie der Messe Frankfurt.

Dr. Andreas Winckler, Leiter der Informationstechnologie der Messe Frankfurt.

Die Pandemie hat uns wie die gesamte Veranstaltungsbranche hart getroffen. Am Heimatstandort Frankfurt konnten wir seit März 2020 keine unserer internationalen Leitmessen veranstalten. Die Lage ist nach wie vor volatil, aber die wachsende Impfquote in Deutschland und weltweit sowie gelockerte Reisebedingungen lassen uns wieder Mut fassen, vorsichtig optimistisch nach vorn zu schauen. 

Dazu stehen wir in engem Kontakt mit unseren Branchen, um ihnen auch weiterhin die beste Plattform für ihre aktuellen Bedürfnisse anzubieten – ob digital, hybrid oder in Präsenz. Die ersten Veranstaltungen vor Ort haben bereits erfolgreich stattgefunden, mit der Formnext sowie zahlreichen Gastveranstaltungen wie der Frankfurter Buchmesse, der Discovery Art Fair oder der Health & Food Ingredients werden in diesem Jahr weitere hochkarätige Veranstaltungen folgen.

Sie streben für 2022 einen Umsatz von 500 Mio. Euro an – nach 733 Mio. in 2019. Worin begründet sich die eher maßvolle Zuversicht?

Seit Beginn der Pandemie im März 2020 war es so gut wie unmöglich, in Deutschland Umsatz wie bisher zu generieren. Auch außerhalb Deutschlands konnte die Messe Frankfurt Veranstaltungen nur bedingt realisieren – ein positives Beispiel dabei war China, wo die ersten Veranstaltungen bereits im Sommer 2020 anliefen. Das jahrzehntelange Wachstum unserer Unternehmensgruppe wurde abrupt ausgebremst.

Allerdings kommt uns die langfristige Strategie der weltweiten Diversifizierung in unterschiedliche Märkten in der aktuellen Zeit sehr zugute: Wir decken alle relevanten Märkte auf der Welt mit Tochtergesellschaften und Vertriebspartnern ab und fahren das Geschäft überall dort wieder hoch, wo es möglich ist. So konnten die ersten Präsenzmessen neben China auch in Russland oder Japan deutlich früher anlaufen als hier in Deutschland.

Nicht nur von Seiten der Politik kam der Rat an Unternehmen, sie mögen „ihre digitalen Fähigkeiten stärken, um ihre Geschäftsmodelle in Zeiten der Pandemie weiterentwickeln zu können“. Ist die Messe Frankfurt diesem Rat gefolgt?

Dass wir für unsere Services digitale Workflows zum Einsatz bringen und stets weiterentwickeln, versteht sich ja von selbst. Aber die Pandemie hat der Digitalisierung zweifelsohne einen großen Schub verliehen, auch bei uns und unseren Kunden. Es ging ja darum, von einem Tag auf den anderen virtuellen Veranstaltungen anbieten zu können und zugleich unsere Arbeitsmöglichkeiten zu erhalten. Da ging die Unterstützung unserer IT-Dienstleister auch in Felder vor, die bis dahin für uns kaum Bedeutung gehabt hatten.

Nennen Sie ein Beispiel?

Beispiele für die Weiterentwicklung unseres Geschäftsmodells sind u.a. die gerade erst im September hybrid ausgerichteten Messen Hypermotion und Automechanika Frankfurt Digital Plus. Doch vor 18 Monaten begann es zunächst mal mit einer intensiven und hinsichtlich unserer 29 weltweiten Standorte auch internationalen Suche nach dem Motto: Was geht noch, was nicht mehr, und was brauchen wir? Und wenn man – um ein ganz naheliegendes Beispiel zu nennen – in diesem Sinne weltweit ein überwiegend Office-basiertes Arbeiten hat, ist das mit einem bestimmten Volumen an VPN-Lizenzen verbunden.

Genau dieses Volumen mussten wir in kürzester Zeit erweitern, um unsere Mitarbeiter mit Home-Office-Arbeitsplätzen auszustatten. Wenn man so will, haben wir uns in einen unternehmensweiten Feldversuch begeben, den wir ohne Corona und ohne agile und flexible Dienstleister an der Seite so flächendeckend kaum gewagt hätten. Jetzt stellen wir fest: Es funktioniert und haben damit quasi unseren Mut belohnt.

Sie meinen, COVID-19 hatte auch sein Gutes?

Dr. Winckler, Chief of IT der Messe Frankfurt, in Diskussion mit Stefan Bott, Business Solution Accounter bei T-Systems

In mancherlei Hinsicht ja. Nun können wir heute, anderthalb Jahre später, natürlich nicht sagen: Wir haben die digitale Messe erfunden, und es läuft alles bestens. Der Schlüssel dafür, Services sowohl individuell als auch kostengünstig bereitzustellen, lag auch zuvor schon in effizienten digitalen Prozessen und Datenflüssen.

Aber die entsprechende Umsetzung hat Corona bei uns eindeutig befeuert. Wir haben für Messeformate neue digitale Angebote für die Produktinszenierung, den Wissensaustausch und Algorithmen-gestütztes Matchmaking eingeführt. Mit dieser praktischen Erfahrung unserer digitalen und hybriden Messeformate zur Überbrückung der Pandemiephase gehen wir davon aus, dass der digitale Faktor messeübergreifend auch nach Corona unsere physischen Veranstaltungen als fester Bestandteil bereichern wird – vor, während und nach der Messe.

Heißt das‚ Digitalisierung hat die Erwartungen als „Hoffnungsträger” in Ihrer Branche erfüllen können?

Da gilt es, zwei auf den ersten Blick widersprüchliche Entwicklungen ins Auge zu fassen. Einerseits war Corona durchaus ein Schrittmacher auch unserer eigenen digitalen Transformation. Dieses Tempo hätten wir als reine Management-Entscheidung in „gesunden Zeiten” so schnell nicht aufgenommen.

Andererseits hat die zwangsweise vollständige Verlagerung von Veranstaltungen in den digitalen Raum unserer Branche wie unter dem Brennglas deutlich gemacht, dass die physische geschäftliche Begegnung ihre Funktion für den Geschäftserfolg behält, vielleicht sogar ausbauen wird. Wir hören von vielen Kunden, dass die Rolle von Veranstaltungen als Ort des Aufbaus und der Pflege internationaler Beziehungen eine persönliche, physische Interaktion voraussetzt.

Was bedeutet das für das zukünftige Miteinander von „analog & digital” im praktischen Messegeschäft?

Es wird künftig sicherlich weitere große Fortschritte geben bei der Integration sinnvoller digitaler Elemente; gleichzeitig zeichnet sich auf der anderen Seite auch ein deutlicher Trend gegen eine rein digitale Veranstaltungswelt ab. Das ist auch gut so, denn wenn das „New Normal“ der vergangenen 18 Monate dauerhaft wie ein Korsett die Rahmenbedingungen unseres eigentlichen Unternehmenszwecks definieren würde, gäbe es die Messe-Veranstaltungsbranche als solche in Zukunft nicht mehr.

Das wäre allerdings fatal, denn über die in unserem Fall 780-jährige Geschichte des Messeplatzes Frankfurt hinweg ist eins trotz all der Veränderungen geblieben: Dass die Menschen sich in die Augen schauen wollen, um einerseits selbst Vertrauen aufzubauen und zugleich auch selber auf Vertrauen bauen zu können. Und dafür ist das Präsenzmessegeschehen seit Jahrhunderten das Format schlechthin. Würde dieses Kerngeschäft eines Messeveranstalters – um im Bild des Korsetts zu bleiben – zur Wespentaille abgeschnürt, wäre das für den gesamten Messeplatz Deutschland mit fünf der zehn größten Messegesellschaften der Welt hier vor Ort, das Aus. 

Was macht Ihnen Hoffnung?

Dr. Andreas Winckler, Leiter der Informationstechnologie der Messe Frankfurt.

Dr. Andreas Winckler, Leiter der Informationstechnologie der Messe Frankfurt und Andreas Bott, Business Solution Accounter von der Deutschen Telekom. 

Die strategische Relevanz der Digitalisierung nimmt zu, und ihre Dynamik in puncto technischer Entwicklung und gesellschaftlicher Akzeptanz sehe ich als Chance und Anspruch zugleich. Das gilt es zu harmonisieren, denn Wunsch der weit überwiegenden Mehrheit unserer Kunden ist es eben auch, möglichst bald zum Wesen einer Branchenplattform zurückkehren, die nicht nur den Anspruch erhebt, möglichst vollständig Angebot und Nachfrage zusammen zu führen und dabei die jeweiligen Innovationszyklen mitgestaltet. Sondern eine Plattform, die auch Branchenidentifikation schafft für die Keyplayer sowie die vielen kleinen und mittelständisch geprägten Unternehmen und die versteht, dass emotionales Erleben in persönlichen Beziehungen mit allen Sinnen unersetzlich bleibt. Unseren Kundengruppen weltweit ein ständig verbessertes und konsistenteres Angebot zu machen, erfordert insofern quasi zwingend eine fortschreitende Allianz von „analog & digital”.

„Fortschreitend” ist ein gutes Stichwort. Wo hat in Sachen konkreter Technologien und Services auch das bald 50 Jahre alte WLAN unter dem Zeichen des Re-Starts auf Messegeländen weiterhin seine Existenzberechtigung?

Messeteilnehmer müssen selbstverständlich auch auf dem Messegelände digital verbunden sein können. Konkret in Sachen WLAN haben wir hier auf der Messe Frankfurt einen der größten Campus-Hotspots in Europa. Aber natürlich hat jede Technik zur Datenübertragung ihre Stärken und Grenzen: Bandbreiten und Sicherheit, Ausleuchtung und Verfügbarkeit in Hallen, die bei jeder Messe unterschiedlich bebaut sind, und noch immer spielen internationale Roaming-Kosten eine Rolle für unsere Messegäste.

Die Unterschiede in den Anforderungen werden deutlich, wenn man den Bedarf einer Person, die in Messehallen und auf dem Gelände unterwegs ist, vergleicht mit dem eines Ausstellers für den Betrieb des Messestandes. Die Vielfalt der Angebote auf dem Messegelände und die Wahlmöglichkeit sind für unsere Kunden vorteilhaft. WLAN und leitungsgebundene Anschlüsse haben daher auch nach Einführung von 5G eine Existenzberechtigung als Bestandteil der Messeinfrastruktur.

In welchem Umfang kommt an der Stelle Ihren Rechenzentren eine besondere Bedeutung zu?

„Datenschutz” und „Hyperscaler” sind hier das Stichwort. Mit fast 600.000 qm Ausstellungsfläche ist „Frankfurt” flächenmäßig nicht nur der drittgrößte Messeplatz der Welt, u.a. mit Ihren Tochtergesellschaften in Russland und den USA generiert die Messe Frankfurt zuletzt ein Drittel ihres Umsatzes in Auslandsmärkten. 

Wir denken unsere Veranstaltungen immer international, und wir organisieren in unseren Tochtergesellschaften inzwischen mehr als die Hälfte aller unserer Messen. Das bedeutet auch, dass wir unsere digitalen Angebote in allen Ländern zugänglich machen wollen. Hierbei stellen wir – wie alle multi-nationalen Unternehmen – fest, dass nicht jede Anwendung von überall auf der Welt auf gleiche Weise zugänglich ist, dass Präferenzen in manchen Ländern als de-facto-Standard dort zu betrachten sind, und dass sich der Umgang mit Datenschutz global erheblich unterscheidet.

Services aus der Cloud und gezielte regionale Kooperationen werden in Zukunft mehr und mehr unsere Angebote aus den beiden global verteilten Rechenzentren ergänzen.

Ganz anderes Thema: nicht wenige Ihrer 2.600 Beschäftigten haben seit Anfang vergangenen Jahres ihr Homeoffice womöglich durchaus zu schätzen gelernt. Was tun Sie, um diese Kollegen wieder zurückzuholen – ihre Arbeitsplätze attraktiver zu machen?

Das ist durchaus ein Punkt, mit dem wir uns beschäftigen. Denn auch die Zusammenarbeit unter Kolleginnen und Kollegen lebt wie in jedem Unternehmen von der Kommunikation und dem persönlichen Austausch vor Ort. Wir haben in den letzten Monaten gelernt, dass digital und remote gut funktioniert, aber auch, was wir vermissen. Jetzt gilt es, das Beste aus diesen Erkenntnissen zu machen.

Digitale Funktionen werden auch in Zukunft in einem bestimmten Rahmen remote-Arbeit für die Mitarbeitenden der Messe Frankfurt möglich machen. Das schafft Freiraum dafür, persönliche Begegnungen im Büro, in Meetings und Workshops umso wirkungsvoller zu gestalten. Die sinnvolle Verknüpfung von beidem wird für die attraktive Gestaltung unserer Arbeitsplätze der Zukunft entscheidend sein.

Fotos:
© Guido Schiefer Fotografie 

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Über den Autor

Thomas van Zütphen bewegt sich schon lange innerhalb der IT-/TK-Branche und übernimmt in diesem Zusammenhang die Rolle des Chefredakteurs für das T-Systems Kundenmagazin futurepractice (früherer Name „Best Practice“) seit 15 Jahren.

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