Bild von Dr. Thomas de Maizìere im Gespräch; Bild mit Verlauf

„Es geht um Ansprache, Aussprache und Mitsprache“

Dr. Thomas de Maizière spricht über Zivilcourage, Anstand und einen digitalen Bildungsauftrag für Schule, Wirtschaft und Elternhaus.

Artikel als PDF herunterladen

Herr Dr. de Maizière, die Deutsche Telekom Stiftung hat seit ihrer Gründung mehr als 100 Projekte durchgeführt und 120 Millionen Euro für Stiftungszwecke aufgewendet. Welches Projekt liegt Ihnen besonders am Herzen?

Es gibt sogar zwei: Einmal die „Junior-Ingenieur-Akademie“, in der Gymnasiasten der Klassen 8 und 9 in enger Kooperation mit Hochschulen und Betrieben Dinge entwickeln wie zum Beispiel eine künstliche Armprothese oder ein solarbetriebenes Auto. Das macht ihnen großen Spaß und das Schöne ist, dass sie quasi nebenbei Mathe und Physik lernen. Das zweite Projekt, „GestaltBar“, adressiert die Jahrgangsstufen 7 und 8 an Hauptschulen und weckt die Lust am Arbeiten mit Computern, mit Smartphones, einfach an Technik und Ingenieurleistungen.

Mit welchem Erfolg?

Übergeordnetes Ziel ist es, Schule von außen nach innen zu verändern, indem wir Netzwerke zwischen Schulen, Hochschulen und Betrieben entstehen lassen, die junge Menschen in die Zukunft „hineintragen“ und Wirkung zeigen. Die zweijährige Junior-Ingenieur-Akademie etwa läuft bundesweit an mehr als 100 Gymnasien. GestaltBars gibt es schon an mehr als 30 Standorten. Und in Zukunft wollen wir mehr dieser Netzwerke schaffen.

Wie entstehen solche Projekte?

Als operativ arbeitende Stiftung entwickeln wir Projekte, von denen wir glauben, dass sie das Bildungssystem sinnvoll unterstützen. Eine Ausschreibung stellt dann sicher, dass sich alle interessierten Einrichtungen wie Schulen oder Jugendeinrichtungen bewerben können. Wenn in einem Vorhaben wie der Junior-Ingenieur-Akademie 100 Schulen mitmachen, können wir leichter allgemeingültige Aussagen treffen, etwa über die Technikdidaktik, als wenn wir mit nur einer Schule ein gegebenenfalls größeres Projekt durchführen. Eine Stiftung, die etwa 10 Millionen Euro im Jahr ausgibt, kann nur etwas über Verallgemeinerungsfähigkeit erreichen, darüber, dass wir Beispiele geben und qualitativ belastbare Ergebnisse liefern.

So können wir Informationen erheben wie: Lernen und reagieren Achtklässler im Norden anders als im Süden? Hat das was mit dem Schulsystem zu tun oder dem Bildungsumfeld? Mit der Frage, ob die Lehrkraft eine Frau oder ein Mann ist? Oder der Größe des Schulbetriebs? Wenn man bei solchen Fragen mitsprechen möchte, kann die dafür nötigen Vergleiche nur anstellen, wer die Projekte selber in der Hand hält. Das ist personalintensiv, und wir haben als kleine Stiftung gerade einmal 23 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Aber wir finden diesen Weg erfolgversprechender als zu warten, bis andere Ideen haben, die wir dann finanziell unterstützen.

Thomas de Maizière, Vorsitzender der Deutsche Telekom Stiftung

Bild von Dr. Thomas de Maitìere, sitzend auf einem magenta farbenen Sofa

Seit November 2018 ist Thomas de Maizière Vorsitzender der gemeinnützigen Deutsche Telekom Stiftung. Der promovierte Jurist stand unter anderem von 1994 bis 1998 an der Spitze der Staatskanzlei in Schwerin und war ab 1999 Staatsminister im Freistaat Sachsen. 2001 wechselte er als sächsischer Staatsminister ins Finanzressort, 2002 ins Justizressort und 2004 ins Innenressort. Im Jahr 2005 wurde Thomas de Maizière Chef des Bundeskanzleramts, vier Jahre später Bundesinnenminister. Von 2011 bis 2013 besetzte er das Amt des Bundesverteidigungsministers und war von Dezember 2013 bis März 2018 wieder Bundesinnenminister. Als direkt gewählter Abgeordneter gehört er seit 2009 dem Deutschen Bundestag an.

Wie investiert man wirklich intelligent in digitale Bildung?

Indem Sie die Reichweite Ihrer Investitionen und deren Ergebnisse möglichst rasch erhöhen – zum Beispiel durch die Zusammenarbeit mit anderen Stiftungen. Das von uns initiierte Forum Bildung Digitalisierung funktioniert so. Ein anderes sehr erfolgreiches Kooperationsprojekt ist das „Haus der kleinen Forscher“, das in Kindergärten bereits Drei- bis Sechsjährige an die Themen Naturwissenschaften und Technik heranführt. Das Projekt wird vom Bundesministerium für Bildung und Forschung, Stiftungen und von anderen Partnern im großen Stil finanziert und hat so eine enorme Reichweite bekommen. Dort, wo wir etwas Spezifisches machen, tun wir das allein, in eigenem Namen. Insofern müssen wir immer abwägen: Wollen wir erkennbar sein mit unserem Namen oder wollen wir mit anderen zusammen mehr Personen, mehr Schulen, mehr – auch außerschulische – Bildungsträger erreichen? Wir versuchen da eine gute Mischung hinzubekommen.

Tim Höttges mahnte unlängst, dass der deutschen Digitalwirtschaft 300.000 Fachkräfte fehlen. Wie geht die Deutsche Telekom Stiftung damit um?

Bei „Fachkräften“ denken ja alle gleich an Ingenieure, die nobelpreisverdächtige Apps entwickeln. Aber wir brauchen in sämtlichen Qualifizierungsstufen der IT-Welt auch das, was wir in der analogen Welt „Facharbeiter“ nennen. Etwa um Leitungen zu legen für entsprechende Anschlüsse und Reparaturtätigkeiten. Deshalb darf man nicht nur auf akademische Funktionen und die Hochschulen starren. Wir brauchen auch im Bereich der beruflichen Bildung entsprechende Angebote. Zwar können wir als Stiftung nicht den ganzen Bildungsbereich erreichen oder beglücken, aber wir können anderen zeigen: So könnte man es machen.

Sie werden sich in Zukunft mit Ihrer Arbeit auf die Altersgruppe 10 bis 16 konzentrieren. Warum?

Wir setzen dort an, weil sich in diesem Alter Bildungsbiografien entscheiden, aber auch weil gerade in dieser Phase viele junge Menschen die Lust am Lernen verlieren. Das hat häufig etwas zu tun mit Didaktik, also mit Unterrichtsformen, mit der Ansprache der Schüler. Wie bringe ich einen Dreisatz zum Beispiel so bei, dass ein Schüler nicht die Lust verliert, einen Lösungsweg zu lernen? Da werden wir in Zukunft noch stärker versuchen, modellhaft in Schulen hineinzuwirken, damit bei den Schülerinnen und Schülern einfach die Lust und die Freude am Lernen, aber auch am Konstruieren, Basteln und daran, sich selber zu verwirklichen, gestärkt wird. So entsteht dann auch Neigung, so etwas zum Beruf zu machen.

Was meinen Sie mit „Ansprache der Schüler“?

Wenn man Schüler direkt fragt: „Möchtest du gerne IT-Fachkraft werden?“, dann sagen viele wahrscheinlich „Nein“. Aber wenn man fragt: „Möchtest du vielleicht nicht nur ein Smartphone nutzen, sondern Computer bauen und verstehen, was in deinem Smartphone passiert? Hast du Spaß daran, mit anderen gemeinsam was zu entwickeln und nicht nur alleine vor dich hin? Wenn du dazu Lust hast, dann ist der MINT-Bereich etwas Interessantes.“ Vielleicht müssen wir uns auch von engen fachlichen Begriffen wie Mathematik, Physik und Chemie trennen. Das baut für viele schon eine Hürde auf. Wenn man stattdessen von entwickeln spricht, von kreativ sein, was Neues erfahren, sich konzentrieren können, ich glaube, dann weckt das deutlich schneller die Freude an IT und an Mathematik.

Wie können Sie in diesem Sinne auf den Schulbetrieb einwirken?

Bild von Dr. Thomas de Maizìere im Gespräch; er spricht und gestikuliert

Durch sinnvolle Unterstützung, die nicht belastet. Denn es wird schon sehr viel von Schule verlangt. Sie soll Demokratie fördern, Rechnen, Lesen, Schreiben beibringen, nebenbei Schwimmen und Radfahren, sie soll Gesundheitsverhalten fördern, gute Ernährung, gegen Rassismus sein, vermitteln, wie man eine Steuererklärung ausfüllt und ein Bewerbungsschreiben aufsetzt. Das alles soll Schule leisten. Doch damit ist sie total überfordert. Deshalb versuchen wir als Stiftung zunehmend, Schulen und außerschulische Angebote zu verknüpfen. Das wirkt dann auch auf die Schule ein, indem etwa in der nachmittäglichen Betreuung in Ganztagsschulen Kinder nicht nur stundenlang ihrem Handy überlassen bleiben.

Letzteres beschreibt, wie digitale Früherziehung nicht aussehen sollte? 

Ja – und vielleicht taugt das Beispiel unserer musikalischen Früherziehung. Es gibt viele Methoden, das Geigespielen zu lernen. Aber der Umgang mit einem Instrument muss immer erklärt, bewertet, verbessert, korrigiert und im Zweifel auch einfach wieder abgebrochen werden. All das wird beim kindlichen Umgang mit Instrumenten in der Kommunikation heute zu oft unterlassen. Weil Smartphones, Kindercomputer und deren Bedienung ja so schön selbsterklärend sind. Das ist weder gut für die Nutzung selbst noch für die Entwicklungsfähigkeit junger Menschen.

Wie könnte eine elterliche Korrektur konkret aussehen?

Allein die Frage von Eltern: „Was machst du da eigentlich? Kannst du mir das mal erklären?“, wäre zum Wohl der Kinder der erste Schritt zum Abstraktionsvermögen, sich vom Nutzer zum kreativen Gestalter des Geräts zu machen. Das ist für Schule, für Bildung, gerade in den MINT-Fächern eine Schlüsselqualifikation. So etwas zuallererst im Elternhaus klar auszusprechen hat übrigens auch viel mit Sicherheit zu tun: Mit dem Schutz von Kindern und Heranwachsenden vor Betrügern, Fallen, Viren, im Kern also vor Cyberkriminalität. Ohne schon jungen Menschen die Bedeutung einer eigenverantwortlichen Nutzung des Internets klarzumachen, helfen externe Regeln, staatliches Eingreifen und Beratungsangebote wenig.

Als Bundesinnenminister hatten Sie einst Anlass, zu sagen: „Ein Teil dieser Antwort würde die Bevölkerung verunsichern.“ Haben Sie im Kontext unserer digitalen Sicherheit die Sorge, einer Ihrer Nachfolger im Amt des Bundesinnenministers könnte diesen Satz mal wiederholen müssen?

Es ging mir bei der Pressekonferenz nach der Absage des Fußballländerspiels in Hannover darum, zu verschweigen, dass eventuell ein weiterer Anschlag drohen könnte. Zugegeben, um dieses Ziel zu erreichen, kann man als Minister, der für Sicherheit zuständig ist, – wie Politiker es öfter tun müssen – intelligenter drum herumreden. Aber vergleichbare Situationen wie Cyberangriffe auf öffentliche Infrastrukturen und den Sicherheitsbetrieb unseres Landes kann es geben. Auf sogenannte kritische Infrastruktur, die auch in privater Hand sein kann – beispielsweise Überweisungszentralen von Sparkassen bzw. Netzübertragungszentralen für die Elektrizitäts- oder Telekommunikationsversorgung. Da muss der Staat etwas tun. Das macht er auch, da muss er auch weitermachen. Da müssen aber auch die privaten Unternehmen selbst etwas tun: Die Bahn, die Post, die Telekom und ihre Wettbewerber, große Krankenhäuser, Banken und Energieversorgungsträger. Eine große und fortwährend bestehende Aufgabe.

Wenn es um Sicherheit und Glaubwürdigkeit geht, um halbe Wahrheiten oder ganze, ist das Internet per se neutral. Liegt das Problem – „Fake News“, um nur ein Stichwort zu nennen – in der unterschiedlichen Glaubwürdigkeit der Quellen, zu denen das Internet Zugang verschafft?

Auch Wikipedia ist nicht der allein selig machende Brockhaus der Zukunft. Aber dass die Plattform heute eine relativ hohe Seriosität genießt, hat mit internen Qualitätskriterien zu tun und deren Verknüpfung mit einem systemischen Korrektiv. Das finden wir mehr oder weniger zuverlässig ja auch im Printbereich. So komme ich etwa am Zeitungskiosk auch nicht ohne eigenes Urteil aus. Zu welcher Zeitschrift greife ich? Und wenn ich eine kaufe, von der jeder weiß, dass sie voller Gerede, Gerüchte und Gemunkel ist, muss ich mich doch zuerst selbst fragen: Will ich mich von dem Klatsch und Tratsch amüsieren lassen oder will ich das wirklich glauben? Anders gesagt: Ohne Beurteilungsfähigkeit der Menschen funktioniert es nicht – weder eine Demokratie, noch vernünftiges Kauf- oder Umweltverhalten und auch nicht das Nutzen des Internets.

„Auch ungeschriebene Regeln sind sehr wichtig für die Stabilität einer Gesellschaft“

Dr. Thomas de Maizière, Vorsitzender der Deutsche Telekom Stiftung

Die Vielfalt der Kanäle, die Intensität, mit der diskutiert wird, die Varianten derer, die sich im Internet tummeln – gibt es noch eine Konstante in unserer Kommunikation?

Vor allem die Themen ändern sich, jedoch die Absichten eher nicht. Genau in dem Punkt wird mir zu schnell aufs Internet geschimpft. Dass mit Kommunikation Absichten verbunden sind, ist seit Gutenberg und Luther so. Jetzt besorgt zu sagen, dass ein Internetanbieter gezielten Nutzen mit seinem Angebot verbindet, wäre naiv. Denn das ist sein Geschäftsmodell. Dass man mit erkennbarer oder versteckter Werbung Geld verdient, ist doch nicht ungewöhnlich. Im Kino, im Fernsehen oder in Zeitschriften ist das längst akzeptiert. Im Internet ist vieles nur neuer, die Reichweiten sind anders, die Internationalisierung ist größer. Aber ein paar Maßstäbe, die wir in der analogen Welt hatten, auch ein paar Mechanismen, uns gegen Werbung immun zu machen bzw. sie zu hinterfragen, braucht man als Internetnutzer schon auch. Da sollten wir mehr Gelassenheit zeigen und auch nicht alles Neue im Internet gleich für bahnbrechend halten. Das hilft schon.

Wäre eine vergleichbare Instanz, wie sie der Deutsche Presserat für die Zeitungslandschaft darstellt, für das Internet denkbar?

Da gibt es bereits entsprechende Diskussionen. Zwar hat der Presserat keine sanktionierende Macht, aber mit seinem Kodex doch eine mahnende, hemmende Wirkung. Sicher ist das nicht eins zu eins übertragbar, aber in ähnlicher Form für das Internet wäre so etwas hilfreich.

Weil es einem Bekenntnis gleichkommt, sich an Werte und Regeln zu halten?

Korrekt. Auch ungeschriebene Regeln sind sehr wichtig für die Stabilität einer Gesellschaft. Insofern schätze ich als Jurist sie genauso wie formelle Regeln. Sich darüber einen Kopf zu machen, wie man ungeschriebene Regeln des Anstands, des Verhaltens der Anbieter, der Nutzer und für den Umgang im Netz untereinander gleichwohl verankert, wäre eine wunderbar wichtige Aufgabe. Das würde die Glaubwürdigkeit gerade bestimmter Anbieter im Internet sicher erhöhen.

Wer muss sich da besonders in die Pflicht nehmen lassen?

Alle. Es hilft nicht, wenn jeder auf den anderen zeigt. Der Staat hat eine Rolle, die Anbieter haben eine Rolle, aber auch die Nutzer. Da hilft schon die Weisheit: „Was du nicht willst, dass man dir tu, das füg auch keinem andern zu.“ Ich bin überzeugt: Wenn wir uns alle daran hielten, hätte das große Wirkung. Und jeder von uns kann einen anderen von Zeit zu Zeit daran erinnern. Wenn jemand in einem Blog zum Beispiel unflätig rumholzt, einfach mal zurückschreiben: Ich möchte nicht, dass wir im Internet so miteinander umgehen.

Also braucht es auch ein Minimum an Courage?

Zivilcourage, ja. Zivil kommt von Bürger. In diesem Sinne ist bürgerliche Courage anstelle von Wegducken und Weggucken immer ein Beitrag.

Deutsche Telekom Stiftung: Wissen, was in Zukunft zählt

Die Deutsche Telekom Stiftung gehört zu den großen Bildungsstiftungen in Deutschland. Sie unterstützt seit über 15 Jahren Projekte, die sich mit Themen aus dem mathematisch-naturwissenschaftlich-technischen Umfeld beschäftigen. Die Stiftung unterstützt Kinder und Jugendliche im Alter von 10 bis 16 Jahren dabei, das eigene Lernen innerhalb und außerhalb von Schule aktiv zu gestalten und so selbstverantwortlich wichtige Kompetenzen für den Bildungs- und Lebensweg zu entwickeln. Zu diesen Kompetenzen gehören aus Sicht der Stifter solide fachliche und fachübergreifende Kenntnisse in Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik als Teil der Allgemeinbildung. Darüber hinaus halten sie kritisches Denken und Urteilsvermögen, Kreativität, Kommunikationsfähigkeit und die Fähigkeit, im Team zu arbeiten, für entscheidend, um in der Zukunft erfolgreich leben und arbeiten zu können.

Ihr Ansprechpartner: Andrea.Servaty@telekom-stiftung.de

Weitere Informationen: www.telekom-stiftung.de

Autor: Thomas van Zütphen
Fotos: Oliver Krato

Besuchen Sie t-systems.com außerhalb von Germany? Besuchen Sie die lokale Website für weiterführende Informationen und Angebote für Ihr Land.