Bild zeigt die Infrastruktur der Siemens Smart Infastructure in Form von leuchtenden Glasmodellen; Bild mit Verlauf

Annex B statt Adernmangel

Der Abschied von ISDN: Siemens Smart Infrastructure musste rund 60.000 Brandmeldeanlagen unterbrechungsfrei migrieren. 

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Eine ganz normale „Brandwoche“ in Deutschland. Dienstagmorgen: Schreckensmoment am Vinzenz von Paul Hospital in Rottweil. Ein Feuer im Keller sorgt für einen Großeinsatz der Feuerwehr. 70 Bewohner des Luisenheims werden evakuiert. Verletzt wird niemand. Ursache ist der Brand eines elektrisch betriebenen Servicewagens. Am Mittwoch rückt ein Löschzug der Feuer- und Rettungswache Altona zum Kinderkrankenhaus Altona aus. Feuer im Untergeschoss der Klinik. Freitagmorgen Großeinsatz der Feuerwehr im Marien-Krankenhaus in Bergisch Gladbach. Niemand kommt zu Schaden.

112 oder Brandmeldeanlage

Rund 180.000 Mal im Jahr rückt ein Löschzug der etwa 23.700 Berufs-, Werks- und freiwilligen Feuerwehren zu einem Einsatz aus. Meist dauert es nur wenige Minuten, bis eines der mehr als 50.000 Löschfahrzeuge in Deutschland am Brandort eintrifft. Nirgends sonst ist das Helfernetz im Bereich des Brandschutzes so engmaschig wie in Deutschland und Österreich. Wenn die Feuerwehr zu einem Einsatz rast, ist der vorausgegangene Notruf nicht immer über die Notrufnummer der Feuerwehr 112 erfolgt. In vielen Fällen löst eine Brandmeldeanlage den Alarm aus.

Brandmeldung an Notrufleitstelle

Bild zeigt Heiko Behler und Ralf Dürholz von Siemens Smart Infrastructure in einem Gespräch am Tisch sitzend.

Heiko Behler und Ralf Dürholz von Siemens Smart Infrastructure mussten deutschlandweit rund 60.000 Brandmeldeanlagen auf IP umstellen.

„Die professionellen Brandmeldeanlagen bestehen aus mehreren Komponenten. Die Detektoren an den Decken sind mit einer Brandmeldezentrale (BMZ) im Gebäude vernetzt. Hier laufen Brandalarme auf und werden von dort an eine unserer zwei Service- und Notrufleitstellen übertragen“, erklärt Heiko Behler, der bei Siemens Smart Infrastructure zuständig ist für Brandmeldeanlagen. Die Anlagen sind intelligente Lebensretter, die zuverlässig rund um die Uhr funktionieren müssen. Denn jeder Alarm landet parallel bei einer Leitstelle der Feuerwehr. Die weiß innerhalb von Sekunden, wo es brennt, was brennt und wie viele Leute in einem Gebäude sein können.

Die Brandmeldezentrale ist der wichtigste Bestandteil der gesamten Anlage. Sozusagen das Hirn eines Nervensystems, an dessen Enden die Detektoren hängen. Dort laufen alle Meldungen der installierten Sensoren zusammen und lösen die vorher einprogrammierten Aktionen aus Dies kann neben dem Absetzen eines Notrufs das Ansteuern eines Computers oder eine Durchsage sein. Die Brandmeldezentrale ist darüber hinaus meist die erste wichtige Anlaufstelle für die Feuerwehr, wenn sie mit dem im Feuerwehrschlüsseldepot hinterlegten Schlüssel ein brennendes Gebäude betritt.

Alles von ISDN auf IP umstellen

Als die Telekommunikationsprovider ankündigten, alle ISDN-Leitungen auf IP umzustellen, war den meisten Unternehmen erst einmal nicht bewusst, was das bedeutet. Denn neben den Telefonanschlüssen mussten sie alles auf IP migrieren, was bisher Daten und Sprache über ISDN- Leitungen versendet hat, unter anderem auch Aufzüge, Hausnotrufsysteme und eben Brandmeldeanlagen. Diese alarmierten bisher die Siemens- und Feuerwehrleitstellen über eine ständige ISDN-Verbindung. „Die automatische Brandmeldung erfolgt auf zwei voneinander unabhängigen Wegen – über eine Festnetzleitung und über Mobilfunk. Das erhöht die Ausfallsicherheit. Sollte die Festnetzleitung ausfallen, springt die mobile Verbindung ein“, sagt Behler.

Optimaler Zeitpunkt für IP-Umstellung

Rein technisch war den Siemens-Experten die Umstellung klar. Aber welche Dimensionen dieses Projekt annehmen würde, ahnten weder das Projektteam von Siemens noch jenes von T-Systems. „Rund 60.000 Übertragungsgeräte haben wir deutschlandweit zwischen Flensburg und Berchtesgaden verbaut und sorgen dafür, dass sie zuverlässig funktionieren“, erklärt Ralf Dürholz, der das Mammutprojekt begleitet hat. „Beim Start im April 2015 erwies sich bereits die Bestandsaufnahme als erste Herausforderung. Bei jeder einzelnen Anlage mussten wir prüfen, was zu tun ist, ob sie vielleicht schon über IP sendet oder wann der optimale Zeitpunkt für die Umstellung ist.“

„Bei der IP-Umstellung der rund 60.000 Brandmeldeanlagen gab es keinen ungeplanten Ausfall.“

Heiko Behler, Siemens Smart Infrastructure

Brandmeldeanlage muss immer funktionieren

Nicht ganz einfach, da eine Brandmeldeanlage immer funktionieren sollte. Wenn temporär Teile einer Brandmelde- oder Löschanlage außer Betrieb genommen werden oder es zu einem Systemausfall kommt, müssen Ersatzmaßnahmen vorgeplant sein. Dies kann zum Beispiel eine Brandsicherheitswache oder ein Sicherheitsposten sein, die der Betreiber eigenverantwortlich organisieren muss. Und geplante Abschaltungen sind mindestens 72 Stunden vorher dem Bauaufsichtsamt als federführende Genehmigungsbehörde anzuzeigen. Behler: „Bis wir das erste Gerät umstellen konnten, vergingen fast 15 Monate.“ Da war es schon Sommer 2016. Es blieben nur noch zweieinhalb Jahre für circa 60.000 Anlagen – bei rund 700 Arbeitstagen im Durchschnitt mehr als 85 Umstellungen pro Tag.

Kein Ausfall des Mobilfunks

„Trotz der immensen Zahl waren wir am Anfang relativ entspannt. Wir dachten, wir gehen zu den Standorten und tauschen schnell was aus“, beschreibt Dürholz das gute Gefühl. „Die Sorge kam später, als wir merkten, dass es doch nicht ganz so einfach war. Niemand hatte Erfahrung damit, wie man eine solche Masse von IP-Umstellungen bewerkstelligen kann. Wir durften keine Brandmeldeanlage unterbrechen, wussten aber, dass das Umschalten bei der Telekom mindestens sechs bis 36 Stunden beanspruchen würde. In dieser Zeit durfte die Mobilfunkleitung nicht ausfallen.“ Was nicht immer zu garantieren ist. Denn wenn aus irgendeinem Grund, zum Beispiel wegen einer Demonstration oder einer Veranstaltung, sehr viele Leute gleichzeitig in einer Funkzelle angemeldet sind, kann der Mobilfunk in die Knie gehen. 

Mehrere Hundert Anlagen pro Tag

Bild zeigt leuchtende Kunststoffmodelle, die verschiedene Gebäude darstellen sollen

Allein schon ein Team zusammenzustellen, das die notwendigen Arbeiten an den Brandmeldeanlagen durchführen konnte, war nicht einfach. In der heißen Phase des Projekts arbeiteten mehr als 300 Siemens-Servicetechniker in sechs unterschiedlichen Zonen in Deutschland gleichzeitig an den Anlagen. Dazu kamen die Mitarbeiter von T-Systems. In den Spitzenzeiten stellten sie an guten Tagen mehrere Hundert Anlagen auf IP um. „Und wenn es irgendwo hakte, rief der Kollege aus dem Norden den Kollegen im Süden an und ließ sich Tipps geben. Das war echte Teamarbeit quer durch die Republik“, freut sich Behler.

Auch der Kollege Zufall kam dem Projekt zugute. Für die Dauer des Umbaus nutzten die Techniker zu Beginn eine „Interimslösung, da es an einigen Standorten einen Adernmangel gab“, berichtet Dürholz. „Die Notlösung, Annex B genannt, haben wir dann zur Dauerlösung gemacht, da wir damit in Ruhe unsere Übertragungsgeräte umbauen und vorbereiten konnten, bevor die neue IP-Leitung aufgeschaltet wurde.“

IP-Migration in drei Jahren

Ein gutes halbes Jahr nach der pünktlichen Umstellung der letzten Anlage blicken die beiden Siemens-Projektleiter mit ein wenig Stolz auf das Jahrhundertprojekt zurück. Kunde für Kunde hat das Team die Brandmeldeanlagen über die Dauer von fast drei Jahren auf IP migriert. Behler: „Obwohl wir in Kauf nehmen mussten, die Hauptleitung zu unterbrechen, gab es keinen ungeplanten Ausfall.“ Nur ein paarmal waren Techniker zu schnell. „Am Ende jeder Umstellung mussten die Techniker zu Testzwecken tatsächlich einen Alarm auslösen, um zu prüfen, ob die Anlage funktioniert. Dafür sollten sie die Feuerwehr vorher informieren. Wenige Male haben sie das vergessen. In solchen Fällen rückt entsprechend die Feuerwehr aus. Was dann auch passiert ist.“

Ihr Ansprechpartner: Markus.Obels@t-systems.com

Weitere Informationen: www.siemens-smart-infrastructure.de

Weitere Informationen: www.t-systems.de

Autor: Roger Homrich
Fotos: Alice Backes

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