Bild ist KI-generiert
Digitale Souveränität ist in aller Munde. Doch wie viel Unabhängigkeit brauchen Unternehmen wirklich? Und wo wird der Wunsch nach maximaler Kontrolle zum Hindernis für Innovation und Wettbewerbsfähigkeit? Christine Knackfuß, Chief Sovereignty Officer bei T-Systems, plädiert für einen differenzierten Blick auf das Thema. Im Podcast auf der DIGITAL X hat sie über Europas technologische Abhängigkeiten und die Chancen souveräner Cloud- und KI-Lösungen gesprochen und erläutert, warum digitale Souveränität vor allem eines braucht: Pragmatismus.
Unsere Wirtschaft lebt von internationaler Zusammenarbeit und globalen Lieferketten. Das gilt insbesondere für digitale Technologien. Europa bezieht rund 80 Prozent seiner kritischen digitalen Technologien aus dem außereuropäischen Ausland. Das ist zunächst einmal Ausdruck einer global vernetzten Wirtschaft. Problematisch wird es jedoch, wenn daraus einseitige Abhängigkeiten entstehen.
Für mich ist deshalb entscheidend, nicht jede Abhängigkeit grundsätzlich infrage zu stellen, sondern genau hinzusehen: Wo entstehen wirtschaftliche Risiken? Wo könnten Services eingeschränkt oder abgeschaltet werden? Und wo droht der Verlust sensibler Daten oder wertvollen geistigen Eigentums?
Gerade im Zeitalter Künstlicher Intelligenz gewinnt die letzte Frage an Bedeutung. Wenn Unternehmen ihre eigenen Daten nutzen, um KI-Modelle zu trainieren, müssen sie sicherstellen können, dass ihr wertvollstes Know-how geschützt bleibt. Das betrifft insbesondere den deutschen Mittelstand mit seinen vielen Hidden Champions, deren Wettbewerbsvorteil häufig auf hochspezialisiertem Wissen und einzigartigen Daten beruht.
Ein weitverbreitetes Missverständnis ist, dass Daten automatisch souverän sind, sobald sie in einem deutschen Rechenzentrum liegen. Doch der Standort allein sagt wenig darüber aus, wer tatsächlich Zugriff auf diese Daten hat.
Mindestens ebenso wichtig sind die rechtlichen Rahmenbedingungen und die operativen Strukturen: Welchem Recht unterliegt der Cloudanbieter? Wer administriert die Systeme? Wer kann auf Daten zugreifen? Und wer entscheidet im Ernstfall darüber, ob ein Service weiterbetrieben wird?
Bei unseren souveränen Cloudlösungen setzen wir deshalb nicht allein auf europäische Rechenzentrumsstandorte. Entscheidend ist das Zusammenspiel aus Datenhaltung, europäischem Betrieb und rechtlicher Souveränität. Unsere Systeme werden von europäischen Telekom-Mitarbeitenden betrieben und unterliegen deutschem beziehungsweise europäischem Recht.
Damit schaffen wir die Voraussetzungen dafür, dass Unternehmen die Hoheit über ihre geschäftskritischen Daten und Anwendungen behalten. Denn digitale Souveränität ist weit mehr als eine Frage des Serverstandorts.
So wichtig digitale Souveränität ist: Ich bin überzeugt, dass wir das Thema differenzierter und weniger emotional betrachten müssen. Nicht jede Anwendung benötigt dasselbe Schutzniveau.
Rund 60 Prozent der Public-Cloud-Workloads haben keine besonderen Souveränitätsanforderungen. Bei den übrigen 40 Prozent sind unterschiedliche Schutzstufen relevant. Die beiden höchsten Souveränitätsstufen werden nur für etwa zehn Prozent aller Workloads benötigt.
Deshalb sollten Unternehmen zunächst analysieren, welche Anwendungen und Daten tatsächlich kritisch sind. Ein öffentlich zugänglicher Onlineshop stellt andere Anforderungen als ein System, das sensible Forschungsdaten verarbeitet oder zentrale industrielle Prozesse steuert.
Das ist auch eine Frage der Wirtschaftlichkeit. Maximale Souveränität um jeden Preis würde Ressourcen binden, die Unternehmen an anderer Stelle für Innovation und Wachstum benötigen.
Für mich lautet die entscheidende Frage nicht: Wie werden wir überall unabhängig? Sondern: Wo müssen wir unabhängiger werden, um auch künftig selbstbestimmt handeln zu können?
Wie komplex globale Abhängigkeiten sind, zeigt ein Blick auf die Hardware. An der Herstellung eines Servers können entlang der gesamten Lieferkette 30 bis 100 Länder beteiligt sein. Einzelne Komponenten überschreiten dabei vielfach nationale Grenzen, bevor das fertige Produkt entsteht.
Wer hier vollständige Unabhängigkeit fordert, verkennt die Realität unserer globalen Wirtschaft. Wir sollten unsere Ressourcen deshalb gezielt dort einsetzen, wo kritische Abhängigkeiten bestehen und wir tatsächlich etwas verändern können.
Das gilt besonders für Software. Hier können fehlende Sicherheitsupdates oder eingeschränkte Zugriffsrechte innerhalb kurzer Zeit zu erheblichen Risiken führen. Gleichzeitig haben europäische Anbieter gerade bei besonders hohen Souveränitätsanforderungen die Chance, sich mit eigenen Lösungen zu differenzieren. Für mich lautet die entscheidende Frage deshalb nicht: Wie werden wir überall unabhängig? Sondern: Wo müssen wir unabhängiger werden, um auch künftig selbstbestimmt handeln zu können?
Europa wird nicht in jedem Technologiefeld zu den globalen Marktführern aufschließen können. Das muss auch nicht unser Anspruch sein. Viel wichtiger ist die Frage, wo wir unsere eigenen Stärken gezielt einsetzen können.
Ein besonders vielversprechendes Feld ist aus meiner Sicht Industrial AI. Europa verfügt über enormes industrielles Know-how, jahrzehntelange Engineering-Erfahrung und hochwertige Unternehmensdaten. Wenn wir diese Stärken mit leistungsfähiger KI verbinden, können daraus Anwendungen entstehen, die einen echten Wettbewerbsvorteil schaffen.
Ob digitale Zwillinge, industrielle Simulationen oder die Optimierung von Produktionsprozessen: Hier liegt die Chance, aus europäischem Wissen und europäischen Daten neue Wertschöpfung zu generieren.
Mit unserer KI-Fabrik in München und der T Cloud schaffen wir dafür die technologische Grundlage. Unternehmen können KI-Anwendungen entwickeln und betreiben, ohne bei ihren sensiblen Daten auf Souveränität verzichten zu müssen.
Ich sehe darin eine große Chance für Europa: Wir müssen nicht zwangsläufig die größten KI-Sprachmodelle entwickeln. Wir können aber weltweit führend darin werden, künstliche Intelligenz mit unserem industriellen Know-how zu verbinden.
Digitale Souveränität darf weder zum reinen Marketingversprechen noch zum Selbstzweck werden. Sie muss Unternehmen dabei helfen, Risiken zu reduzieren, ihre Wettbewerbsfähigkeit zu stärken und auch unter veränderten geopolitischen Bedingungen handlungsfähig zu bleiben.
Dafür brauchen wir keine vollständige Abschottung von internationalen Technologien. Wir brauchen ein realistisches Verständnis unserer Abhängigkeiten, starke europäische Alternativen und die Fähigkeit, je nach Anforderung die richtige Lösung zu wählen.
Bei T-Systems unterstützen wir Unternehmen dabei, ihre individuellen Risiken zu bewerten und daraus die passende Infrastrukturstrategie abzuleiten. Denn Souveränität ist keine Frage von Schwarz oder Weiß. Es geht darum, Sicherheit, Wirtschaftlichkeit und Innovationsfähigkeit in die richtige Balance zu bringen. Am Ende ist digitale Souveränität für mich vor allem eines: die Freiheit, selbst entscheiden zu können.
Über all diese Themen habe ich auch im Podcast auf der Digital X gesprochen:
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