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KI-generiertes Bild - Humanoide Roboter und Roboterarme arbeiten effizient an einer futuristischen Fertigungslinie

KI braucht Umsetzung

Warum digitale Souveränität nicht auf dem Papier entsteht, sondern in der Anwendung

21. Mai 2026Dr. Ferri Abolhassan

KI sicher skalieren

Wenn ich mit Kunden spreche – mit CEOs und CIOs, mit Entscheidern aus dem öffentlichen Sektor oder sicherheitskritischen Bereichen –, höre ich immer wieder dieselben Fragen: Wie können wir KI sicher nutzen? Wo liegen dann unsere Daten? Wer betreibt die Infrastruktur? Wie skalieren wir von einem guten Use Case in den industriellen Betrieb? Und vor allem: Können wir das überhaupt hierzulande – zuverlässig, wettbewerbsfähig und souverän? Genau darum geht es jetzt!

Europäische Antwort auf Infrastrukturfrage

KI-generiertes Bild - IM-Expert-Group

Foto: BMWi/Montage: Telekom

Die Expertenkommission „Wettbewerb und Künstliche Intelligenz“ von Wirtschaftsministerin Katherina Reiche – der ich angehörte – hat nach sechs Monaten Arbeit ein Abschlusspapier mit 20 klaren Empfehlungen vorgelegt. Denn in diesem Gremium waren wir uns schnell einig: Ohne entschlossenes Handeln werden Deutschland und Europa den Anschluss im KI-Wettlauf verlieren. So viel ist sicher.

Dazu muss man verstehen: KI ist nicht einfach nur Software. KI braucht Daten. KI braucht Cloud. KI braucht Rechenleistung. KI braucht Energie. KI braucht Sicherheit. Und KI braucht Geschäftsmodelle, die sich in der Realität tragen.

Darum ist die zentrale Botschaft unserer Expertenkommission: Wir brauchen eine souveräne KI-Basisinfrastruktur in Europa – mit Rechenzentren, Cloud-Technologie, leistungsfähigem Compute, wettbewerbsfähigen Strompreisen und klaren Rahmenbedingungen. Das klingt technisch. Ist letztendlich aber eine strategische Frage, die über unsere langfristige Wettbewerbsfähigkeit entscheidet.

Denn wer heute über KI entscheidet, entscheidet über die nächste Produktivitätsstufe seines Unternehmens. Über Geschwindigkeit in Forschung und Entwicklung. Über Resilienz in Lieferketten. Über Automatisierung in Produktion, Logistik, Verwaltung und Kundenservice. Und über die Fähigkeit, eigene Daten in Wertschöpfung zu verwandeln.

Genau hier liegt Europas Chance. Wir haben vielleicht nicht die größten Consumer-Plattformen der Welt gebaut. Aber wir haben industrielle Stärke. Wir haben Domänenwissen. Wir haben Maschinenbau, Automotive, Life Sciences, Energie, öffentliche Infrastruktur, Defense, Logistik, Mittelstand. Wir haben Daten, die nicht irgendwo im Internet liegen, sondern tief in Prozessen, Anlagen, Produkten und Kundenbeziehungen stecken. Das ist unser Asset. Das ist unser USP.
 

Digitale Souveränität heißt Wahlfreiheit

Ich glaube zudem, wir müssen den Begriff digitale Souveränität wieder erden. Souveränität heißt nicht: Alles allein machen. Souveränität heißt auch nicht: Technologie hinter nationalen Mauern verstecken. Souveränität heißt: Wahlfreiheit. Kontrolle. Transparenz. Sicherheit. Und die Fähigkeit, kritische digitale Wertschöpfung selbst zu gestalten.

Für Unternehmen bedeutet das ganz konkret: Sie müssen entscheiden können, welche Daten in welcher Cloud verarbeitet werden, welche Modelle eingesetzt werden, welche regulatorischen Anforderungen gelten und wie sie aus Pilotprojekten stabile industrielle Anwendungen machen.

Für den Staat bedeutet es: Er darf nicht nur Förderer sein. Er muss auch Anwender sein. Ankerkunde. Nachfrager. Referenzkunde. Wenn staatliche Stellen europäische KI-Infrastruktur nutzen, entsteht ein Referenzmarkt. Und genau dieser Referenzmarkt ist entscheidend, damit private Nachfrage nachzieht.

Große KI-Projekte entstehen international nicht dort, wo am meisten über Souveränität gesprochen wird. Sie entstehen dort, wo Nachfrage sichtbar ist, wo Regulierung verlässlich ist und wo Kunden Vertrauen haben. Marketingphrasen bauen keine KI-Fabriken. Nachfrage schon.

Porträtaufnahme von Ferri Abolhassan, Vorstand Telekom und CEO T-Systems

Wir brauchen eine souveräne KI-Basisinfrastruktur in Europa – mit Rechenzentren, Cloud-Technologie, leistungsfähigem Compute, wettbewerbsfähigen Strompreisen und klaren Rahmenbedingungen. Das ist eine strategische Frage, die über unsere langfristige Wettbewerbsfähigkeit entscheidet.

Dr. Ferri Abolhassan, CEO T-Systems und Vorstandsmitglied Deutsche Telekom

Regulierung muss Innovation ermöglichen

Europa hat hohe Standards. Das ist gut. Datenschutz, Sicherheit, Fairness, Transparenz – all das ist wichtig. Aber wir müssen ehrlich sein: Die aktuelle regulatorische Dynamik droht genau das auszuhebeln, was wir erreichen wollen.

AI Act, Cyber Resilience Act, Data Act, Digital Markets Act und weitere Initiativen schaffen Unsicherheit in einer Phase, in der wir eigentlich Geschwindigkeit brauchen. Gerade im B2B-Bereich müssen wir sehr genau unterscheiden: Welche Regulierung schützt Wettbewerb? Und welche Regulierung erzeugt vor allem Komplexität? Es geht nicht um weniger Verantwortung. Es geht um bessere Regulierung.

Wer in Glasfaser, 5G/6G, Cloud, Rechenzentren oder AI Factories investiert, braucht stabile und verlässliche Rahmenbedingungen. Niemand investiert Milliarden auf Basis von Unsicherheit. Und kein Mittelständler bringt KI schnell in die Produktion, wenn der Weg durch Genehmigungen, Datenschutzfragen, Förderlogiken und Compliance-Anforderungen länger dauert als die technologische Entwicklung selbst.

Europa braucht keinen Wettbewerb um die dicksten Regelbücher. Europa braucht einen Wettbewerb um die besten Anwendungen.


Service Layer ist entscheidend

Ein weiterer Punkt ist mir besonders wichtig: Physische Infrastruktur allein schafft noch keine Souveränität. Ein Rechenzentrum ist wichtig. GPUs sind wichtig. Cloud ist wichtig. Aber der Kunde kauft am Ende kein Rechenzentrum. Der Kunde kauft Geschwindigkeit, Sicherheit, Skalierung und Business-Mehrwert.

Deshalb braucht es einen starken Software- und Service-Layer. Offene Schnittstellen. Standardisierte Plattformen. Branchenlösungen. Einfache Nutzungsmodelle. Zugang für Großunternehmen, Mittelstand, Start-ups, Forschung und öffentliche Hand.

Das ist genau die Logik, die wir mit unserer Industrial AI Cloud in München verfolgen. Wir haben dort gezeigt: Europa kann AI Cloud auf höchstem Niveau anbieten – sicher, souverän, skalierbar und mit europäischer Regulierung kompatibel. Nicht als reine GPU-Farm, sondern als kompletten Technologie-Stack: Connectivity, Cloud, Compute, Security, Plattformen, Software und Business-Anwendungen. Oder einfacher gesagt: KI to go – für Großunternehmen und den Mittelstand, Made in Germany.

Für Kunden ist entscheidend: Kann ich damit schneller simulieren? Kann ich meine Produktion optimieren? Kann ich digitale Zwillinge skalieren? Kann ich Engineering-Zyklen verkürzen? Kann ich meine Daten nutzen, ohne Kontrolle zu verlieren? Kann ich aus einem Proof of Concept einen produktiven Betrieb machen? Das ist die relevante Frage im Vorstand.

Industrielles Domänenwissen als Vorteil

Viele Diskussionen über KI schauen zu stark auf Modelle. Wer hat das größte Modell? Wer hat die meisten Parameter? Wer trainiert schneller?

Die nächste Welle der KI wird aber nicht nur im Modell entschieden. Sie wird in der Anwendung entschieden. In der Verbindung von Modellen mit industriellen Daten, Prozessen und spezifischem Domänenwissen. Genau dort liegt Europas Stärke.

In der Fertigung geht es um Predictive Maintenance, Qualitätskontrolle, autonome Produktionsprozesse, Simulationen und digitale Zwillinge. Im Gesundheitswesen geht es um sichere Datenräume, Forschung, Diagnostik und effizientere Versorgung. Im öffentlichen Sektor geht es um bessere Services für Bürgerinnen und Bürger. Im Defense-Bereich geht es um sichere, resiliente und souveräne digitale Fähigkeiten.

Diese Anwendungen entstehen nicht abstrakt. Sie entstehen in Ökosystemen: Unternehmen, Technologiepartner, Forschung, Staat, Start-ups. Jeder bringt seine Stärke ein. Und am Ende zählt, ob der Kunde echten Nutzen sieht.


Was jetzt passieren muss

Die Erkenntnisse liegen auf dem Tisch. Die Herausforderungen sind benannt. Jetzt kommt es darauf an, ins Handeln zu kommen – entschlossen und gemeinsam. Nur so haben wir die Chance, die Zukunft der Künstlichen Intelligenz nach unseren Vorstellungen und Regeln mitzugestalten – und unsere Wettbewerbsfähigkeit langfristig abzusichern.

  • Erstens: Deutschland und Europa müssen KI-Infrastruktur als strategische Basis-Infrastruktur begreifen. Nicht als Sonderthema, sondern als Fundament für Wettbewerbsfähigkeit.
  • Zweitens: Der Staat muss als Ankerkunde auftreten. Öffentliche Nachfrage kann europäische KI-Angebote skalieren und Vertrauen schaffen.
  • Drittens: Energiepreise, Genehmigungen und regulatorische Hürden müssen adressiert werden. Wer Rechenzentren in Deutschland betreiben will, braucht wettbewerbsfähige Rahmenbedingungen.
  • Viertens: Wir müssen Datenräume schaffen, die wirklich genutzt werden – mit sicheren Standards, klaren Regeln und echtem Nutzen für Unternehmen jeder Größe.
  • Fünftens: Wir brauchen Talente. Schnellere Visa-Verfahren, mehr AI Literacy, bessere MINT-Bildung, mehr Weiterbildung im Mittelstand. KI-Kompetenz ist keine Aufgabe für ein paar Spezialisten. Sie wird zur Grundfähigkeit moderner Organisationen.
  • Und sechstens: Wir müssen stärker dort investieren, wo Europa differenzieren kann: industrielle KI, B2B-Anwendungen, sichere Cloud, souveräne Plattformen, Defense, Health, Manufacturing, Mittelstand.


KI aktiv gestalten

Ich bin überzeugt: Europa kann im KI-Wettbewerb bestehen. Aber nicht, wenn wir nur über Risiken sprechen. Nicht, wenn wir Regulierung mit Strategie verwechseln. Und nicht, wenn wir hoffen, dass andere unsere digitale Infrastruktur schon bauen werden. Wir müssen selbst gestalten.

Mit der Industrial AI Cloud haben wir als T-Systems gezeigt, dass es geht. Wir können in Europa KI- und Cloud-Infrastruktur auf höchstem Niveau anbieten. Sicher. Souverän. Skalierbar. Mit einem klaren Fokus auf industrielle Anwendung und echten Business-Nutzen.

Und wir zeigen es auch mit der T Cloud: Europäische Cloud-Angebote können bei Leistung und Preis mit den Angeboten der großen Hyperscaler mithalten – und verbinden diese Wettbewerbsfähigkeit mit dem, was für viele Unternehmen heute entscheidend ist: Vertrauen, Transparenz, Datenschutz und Betrieb in Europa.

Jetzt müssen wir diesen Weg konsequent weitergehen – mit Kunden, Partnern, Politik, Forschung und Industrie. Denn digitale Souveränität entsteht nicht durch Ankündigungen. Sie entsteht durch Anwendung. Durch Investitionen. Durch Nachfrage. Durch Mut. Und durch Umsetzung.

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Ferri Abolhassan, CEO T-Systems und Mitglied des Vorstands Deutsche Telekom

Dr. Ferri Abolhassan

CEO T-Systems International GmbH und Vorstandsmitglied Deutsche Telekom AG

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