Die europäische Fertigungsindustrie wird oft als das Kronjuwel der Industrie bezeichnet. Automobil- und Luftfahrtunternehmen, die für Präzision und Qualität bekannt sind, beschleunigen nun den Übergang zu Industrie 4.0, angetrieben durch KI und Cloud Computing. Dieser Fortschritt bringt jedoch eine Herausforderung mit sich: Innovation fördern, ohne Einbußen bei der Souveränität hinzunehmen. Die souveräne Cloud entwickelt sich zur Grundlage für die Zukunft der europäischen Fertigungsindustrie.
Cloud Computing ist zur Standardinfrastruktur für globale Unternehmen geworden. Fertigungsunternehmen nutzen sie, um ERP-Systeme (Enterprise Resource Planning) zu betreiben, IoT-fähige Maschinen anzubinden und die Zusammenarbeit mit Lieferanten zu ermöglichen. Künstliche Intelligenz (KI) ist auf eine Skalierbarkeit und Geschwindigkeit angewiesen, die nur Cloud-Plattformen bieten können.
In Europa können öffentliche Cloud Services allein jedoch nicht alle Risiken abdecken. Der in den USA verabschiedete CLOUD Act wirft nach wie vor einen langen Schatten und birgt die Möglichkeit, dass ausländische Behörden Zugang zu sensiblen europäischen Daten verlangen. Gleichzeitig schreiben europäische Gesetze wie die DSGVO, NIS2 und DORA strenge Regeln für den Umgang mit Daten, deren Speicherung und Compliance vor.
Fertigungsunternehmen stehen vor einem Widerspruch: Die von ihnen benötigten Innovationen werden oft auf Infrastrukturen gehostet, denen sie nicht vollständig vertrauen können. Dies führt zu einer wachsenden Kluft zwischen den Versprechungen der Cloud und den Souveränitätsanforderungen der europäischen Industrie. Diese Kluft zu überbrücken, ist für die Wettbewerbsfähigkeit von entscheidender Bedeutung.
Die Fertigung im Zeitalter von Industrie 4.0 ist grundsätzlich datengesteuert. Jede Produktionslinie, jeder Roboterarm und jede vernetzte Maschine ist heute eine Quelle kontinuierlicher Datenströme. Ein einziges Automobilwerk kann täglich Terabytes an Daten aus CAD-Zeichnungen, Sensorwerten, Vorhersagemodellen und Lieferantendaten generieren. All diese Daten fließen über globale Wertschöpfungsketten.
Die Herausforderung besteht nicht darin, diese Daten zu generieren, sondern in ihrer sicheren Nutzung. Der Diebstahl geistigen Eigentums ist zu einem großen Risiko geworden, weil Konstruktionsdateien den Kern eines Wettbewerbsvorteils darstellen. Exportkontrollgesetze erhöhen die Komplexität zusätzlich, da sie Unternehmen dazu verpflichten, den grenzüberschreitenden Transfer bestimmter Daten zu beschränken. Darüber hinaus kann die Abhängigkeit von nicht-europäischen Betreibern ganze Lieferketten außer Gefecht setzen.
Mit anderen Worten: Die Wettbewerbsfähigkeit europäischer Fertigungsunternehmen hängt zunehmend davon ab, wie sie ihre Daten verwalten, sichern und verarbeiten. Die souveräne Cloud bietet dafür den passenden Rahmen.
Souveränität in der Cloud wird oft mit Grenzen und Einschränkungen verbunden. Souveränität im digitalen Zeitalter bedeutet, Innovation in einem sicheren Umfeld zu ermöglichen. Für Fertigungsunternehmen ist Souveränität in drei Dimensionen besonders wichtig:
Datensouveränität gewährleistet, dass Konstruktionsdateien, Produktionsdaten und Lieferanteninformationen innerhalb europäischer Rechtsräume unter europäischer Kontrolle gespeichert und verarbeitet werden. Schlüssel und Zugriffsrechte verbleiben beim Fertigungsunternehmen und nicht bei einem Hyperscaler im Ausland.
Operative Souveränität schützt die betriebliche Kontinuität. Fertigungsbetriebe können sich keine Ausfallzeiten leisten, insbesondere wenn Störungen sich auf globale Lieferketten auswirken. Autonomie im IT-Betrieb, Disaster Recovery in europäischen Rechtsräumen und Ausfallfreiheit (Zero Outage) sorgen für Resilienz.
Technologische Souveränität verhindert die Bindung an einen bestimmten Anbieter. Die IT in der Fertigung ist auf ERP, Fertigungssteuerungssysteme (Manufacturing Execution System, MES) und Produktlebenszyklusmanagement (Product Lifecycle Management, PLM) angewiesen. Souveränität gewährleistet Unabhängigkeit bei der Gestaltung der Workloads sowie bei der Bereitstellung und der langfristigen Kontrolle der Roadmap.
Zusammen bilden diese drei Dimensionen das Rückgrat einer souveränen Fertigungs-IT und sind Wegbereiter für die Wettbewerbsfähigkeit eines Unternehmens.
In ganz Europa investieren Fertigungsunternehmen massiv in KI. Vorausschauende Wartung, Qualitätsprüfung und Energieoptimierung gehören zu den häufigsten Bereichen für Pilotprojekte. Dennoch finden sich fast 70 Prozent der KI-Initiativen in der Fertigung im „Pilotprojekt-Fegefeuer“ wieder.1
Die Modelle funktionieren. Doch die erforderliche Infrastruktur existiert oftmals nicht. Daten sind in Altsystemen gefangen, Latenzzeiten beeinträchtigen Echtzeitentscheidungen und Bedenken im Hinblick auf die Souveränität verhindern den Einsatz auf ausländischen Plattformen. Was wie ein Versagen der KI aussieht, ist in der Regel ein Versagen der Grundlagen.
Fertigungsunternehmen wählen in der Regel einen von zwei Wegen. Der erste besteht darin, zunächst alles zu modernisieren, einschließlich Anwendungen, Data Lakes, Edge-Infrastruktur und Governance – und erst dann KI einzuführen. Das ist ein umfassender, aber dafür langsamer und kostspieliger Ansatz.
Der zweite Weg ist pragmatisch: mit KI beginnen, einen Anwendungsfall mit konkretem ROI identifizieren und dann nur die notwendigen Systeme modernisieren. Dieser schrittweise Weg funktioniert schneller, liefert früher einen ROI und schafft Schritt für Schritt eine souveräne Grundlage.
Für die meisten Fertigungsunternehmen stellt sich der zweite Weg als das Modell dar, das Geschwindigkeit, Kosten und Souveränität in Einklang bringt.
Nehmen wir als Beispiel die vorausschauende Wartung. Eine Maschine in der Fertigungslinie muss Ausfälle vorhersehen, Ersatzteilbestellungen auslösen und die Produktion neu planen. Die Erkennung von Anomalien erfolgt am Netzwerkrand, wo Millisekunden entscheidend sind. Die erforderliche umfassende Diagnose erfordert globale Datenvergleiche in der Cloud.
Dabei spielen auch Daten aus MES, ERP, Wartungsprotokollen und der Lieferkette eine Rolle. Die Systeme, die diese Daten zur Verfügung stellen, sind jedoch oft Jahrzehnte alt. Um Zugriff auf die benötigten Daten zu erhalten, ist daher eine Modernisierung unerlässlich.
Und dann kommt schließlich die Souveränität ins Spiel. Die Weitergabe von „geheimen Rezepturen“, wie sie in Fertigungsdaten enthalten sind, an Infrastrukturen außerhalb von Europa ist ausgeschlossen. Auch der CLOUD Act schließt nicht alle Risiken aus. Die souveräne Cloud bietet die einzige Umgebung, in der Innovation und Compliance Hand in Hand gehen.
Wenn man von KI-Anwendungsfällen ausgeht, ergibt sich folgende Vorgehensweise: Modernisierung von Anwendungen zur Bereitstellung von Daten, Edge Cloud und Hybrid Cloud für Skalierbarkeit und Geschwindigkeit, souveräne Cloud für die Sicherheit.
Die Vision einer souveränen KI in der Fertigung ist heute keine Zukunftsmusik mehr. 2025 kündigten die Deutsche Telekom und T-Systems gemeinsam mit NVIDIA und SAP die Schaffung der weltweit ersten Industrial AI Cloud an.
Die vollständig auf deutschem Boden errichtete Industrial AI Cloud wurde am 4. Februar 2026 in Betrieb genommen. Die Infrastruktur umfasst 10.000 GPUs in NVIDIA DGX B200-Systemen und RTX Pro 6000-Servern und erhöht die KI-Rechenleistung in Deutschland um rund 50 Prozent. Sie ist für eine simulationsorientierte, KI-gesteuerte Fertigung ausgelegt, von generativem Design bis hin zu großen digitalen Zwillingen.
T-Systems stellt den souveränen Backbone bereit: sichere Rechenzentren, Einhaltung europäischer Standards, operative Kontrolle und KI-Lösungen, die unter Einhaltung der EU-Werte für Datenschutz und Datensicherheit bereitgestellt werden. Für Fertigungsunternehmen bedeutet dies eine vertrauenswürdige Infrastruktur im globalen Maßstab mit garantierter Souveränität.
Diese Initiative ist Europas „Mondlandung“ im Bereich der industriellen KI, um Souveränität nicht als Einschränkung, sondern als Katalysator für eine globale Führungsrolle zu positionieren.
T Cloud steht auf souveränen Fundamenten und ist das ganzheitliche europäische Cloud-Angebot der Deutschen Telekom und von T-Systems. Es wurde entwickelt, um der wachsenden Nachfrage nach Souveränität in allen Branchen gerecht zu werden. Ihre Einführung im September 2025 war eine direkte Reaktion auf die Warnung des Draghi-Berichts von 2024 hinsichtlich der Abhängigkeit der EU von ausländischen Technologien. Sie bietet eine Lösung, die finanzielle, operative und strategische Risiken verringert.
T Cloud vereinigt alle Cloud-Services unter einem Dach und folgt dabei einer Multi-Cloud-Philosophie. Sie integriert Hyperscaler-Angebote, Beratungsdienstleistungen und die eigene Infrastruktur der Telekom zu einem nahtlosen Ökosystem. Kunden können den Grad der Souveränität wählen, den sie benötigen: von der Daten- und Betriebskontrolle bis hin zur vollständigen technologischen Autonomie, ohne an einen einzigen Anbieter gebunden zu sein.
T Cloud gewährleistet eine DSGVO-konforme Infrastruktur, Zero-Trust-Sicherheit und eine Überwachung rund um die Uhr durch zertifizierte europäische SOCs. Durch die Kombination von digitaler Souveränität mit Wirtschaftlichkeit und Skalierbarkeit ermöglicht T Cloud Fertigungsunternehmen innovativ zu sein, ohne die Kontrolle aus der Hand zu geben.
T Cloud und die Industrial AI Cloud zeigen, was eine souveräne Cloud alles möglich macht. Compliance-orientierte Architekturen halten die Daten innerhalb Europas. Es können sichere IoT- und KI-Implementierungen realisiert werden, die Predictive Analytics, digitale Zwillinge und autonome Fabriken ermöglichen. Verschlüsselungsmodelle wie Bring Your Own Key und Hold Your Own Key garantieren die Kontrolle über geistiges Eigentum. Bei der souveränen Cloud geht es nicht um Isolation. Es geht um vertrauenswürdige Räume, in denen Innovation ohne Kompromisse skaliert werden kann.
Als Teil der Deutschen Telekom hat T-Systems das Thema Souveränität frühzeitig in seine Cloud-Angebote integriert – lange bevor es zum Mainstream-Thema wurde. Das Portfolio umfasst unabhängige souveräne Umgebungen und Hyperscaler-Partnerschaften, die alle durch europäische Rahmenbedingungen geregelt sind.
Was T-Systems auszeichnet, ist sein Ende-zu-Ende-Ansatz, der von der Migration über die Modernisierung bis hin zu Managed Services und Governance reicht. Beispiele aus der Praxis belegen den Mehrwert: Die Universitätsklinik Schleswig-Holstein sichert medizinische Bilddaten mit souveränen Kontrollen; die BARMER Ersatzkasse betreibt eine sichere eID für 8,7 Millionen Versicherte auf der Open Sovereign Cloud von T-Systems.
Für Fertigungsunternehmen gelten die gleichen Prinzipien: sichere F&E-Daten im PLM, vertrauenswürdige KI in der vorausschauenden Wartung und konforme Lieferkettenplattformen – alles auf souveränen Grundlagen.
Fertigungsunternehmen, die sich für die souveräne Cloud entscheiden, können Regulierungsbehörden überzeugen, Vertrauen bei Kunden aufbauen und Innovationspipelines sichern. Sie werden widerstandsfähig gegen geopolitische Risiken und Cyber-Bedrohungen. Sie gewinnen die Freiheit, Initiativen im Bereich KI und Industrie 4.0 ohne Kompromisse zu skalieren.
Die Zukunft wird nicht davon bestimmt, wer über die fortschrittlichsten Roboter verfügt, sondern davon, wer KI-Innovation mit Souveränität verbinden kann.
Daten sind zu Europas strategisch wichtigster industrieller Ressource geworden. Ihr Schutz ist nicht nur eine Frage der Compliance, sondern auch der Wettbewerbsfähigkeit, Widerstandsfähigkeit und Innovationkraft. Souveränität und Geschwindigkeit können Hand in Hand gehen, wobei die souveräne Cloud das Fundament bildet und die Industrial AI Cloud die nötige Intelligenz einbringt. Zusammen werden sie das nächste Kapitel der europäischen Fertigung entscheidend prägen.
1 From AI to Impact: Capabilities powering Lighthouses’ 4IR adoption, McKinsey & Company, 2024, online
2 Gartner Identifies the Top Trends Shaping the Future of Cloud, Gartner, 2025, Pressemeldung
3 Europe Sovereign Cloud Market Size & Outlook, 2025-2033, Grand View Horizon, 2024, online