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Wie digital fit sind deutsche Unternehmen?

24.02.2014

Karl Heinz Land
Einen „Digital Readiness Index“ für verschiedene Branchen hat die WirtschaftsWoche zusammen mit Karl-Heinz Land, Digitaler Darwinist und Evangelist veröffentlicht – von der Automobilwirtschaft über den Versicherungssektor bis hin zur Pharmaindustrie. Warum Unternehmen die digitale Transformation jetzt angehen müssen, welche Technologien man dafür braucht und warum eine Vision notwendig ist, erläutert der IT-Vordenker im Interview.
Deutsche Unternehmen: Fit für die Digitalisierung?
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Warum Unternehmen die digitale Transformation jetzt angehen müssen, welche Technologien man dafür braucht und warum eine Vision notwendig ist, erläutert IT-Vordenker Karl-Heinz Land im Interview.

Herr Land, was steckt hinter dem „Digital Readiness Index“?

Der „Digital Readiness Index“ belegt, was internationale Studien bereits angedeutet haben: Digital fitte Unternehmen haben einen höheren Umsatz, einen besseren Ertrag und erzielen einen höheren Unternehmenswert. Genau diese Ergebnisse bildet der „Digital Readiness Index“ für die deutsche Industrie ab und macht klar, wo Deutschland steht – wer digital fit ist.

Welche Branchen haben gut, welche schlecht abgeschnitten?

Verschiedene Branchen haben sehr positiv abgeschnitten. Besonders zu erwähnen sind Automotive, aber auch Fashion Retail. Hier sind Unternehmen sehr nah am Lifestyle und kommunizieren sehr viel mit dem Kunden. Dabei gibt es Produkte, wie bei Nike oder auch bei Audi, die darauf einzahlen. Überraschend war für uns eine App aus der Versicherungsbranche. „Sure Now“ ist eine App der Allianz, die einen sehr hohen Komfort für die Nutzer bietet und auch den Vertrieb aktiv unterstützt.
Weniger gut abgeschnitten haben beispielsweise Unternehmen aus der Pharmaindustrie oder Energieversorger. Hier merkt man sehr deutlich, dass diese Branchen wenig Kundenkontakt hatten und haben. Denn sie waren in der Vergangenheit in regulierten Märkten unterwegs und mussten entsprechend wenig Interaktion mit dem Kunden betreiben.

Was ist die Kernaussage Ihres Buches „Digitaler Darwinismus“?

Der Digitale Darwinismus ist angelehnt an die Evolutionstheorie: Genauso wie sich in der Evolution Dinge entwickeln, weiterentwickeln und dabei einige Dinge aussterben, gibt es halt auch eine Auslese in der digitalen Welt. Unsere Definition vom digitalen Darwinismus ist: Wenn Technologie und Gesellschaft sich schneller verändern, als Unternehmen in der Lage sind sich daran anzupassen, kommt es wie in der Evolution zum Aussterben, sprich „adapt or die“. Einige Unternehmen konnten bereits nicht mithalten, dort hat die Auslese also schon stattgefunden. Zu diesen Verlierern zählen heute Unternehmen wie Praktiker, Neckermann oder Quelle, um nur einige zu nennen – weitere werden folgen.

Wie haben sich Kundenanforderungen geändert?

Der Kunde ist heute ein mobiler Kunde, ein „connected customer“, der informiert ist und auch eine entsprechende Erwartungshaltung hat. Bei dieser Erwartungshaltung geht es im Wesentlichen darum: Ich will immer alles, sofort und überall. Das ist das Prinzip. Unternehmen, die sich diesem Verhalten entsprechend anpassen und dafür Services anbieten, können mit dem Kunden adäquat kommunizieren. Und die, die das nicht tun, die ihre Organisation darauf nicht vorbereitet haben, werden sich sehr schwer tun.

Wie müssen Unternehmen jetzt vorgehen?

Vor allen Dingen müssen sich Unternehmen auf den Dialog mit dem Kunden vorbereiten. Der informierte und vernetzte Kunde will relativ zeitnah und schnell mit dem Unternehmen kommunizieren. Da ist eine Initiative, wie sie beispielsweise von T-Systems kommt sehr wichtig. „Zero Distance“ verkürzt die Distanz zwischen Kunden und Unternehmen, das begrüßen wir sehr. Hier werden die Front-End- und die Back-End-Systeme miteinander integriert und digitalisiert, sodass „Zero Distance“ letztendlich auch die Antwort auf die kurzen Dialoge und die Kommunikation mit dem Kunden ist.

Auf welche Technologien müssen Unternehmen setzen?

Die Schlüsseltechnologien heute sind Social Media, Big Data, Cloud, Mobility und Security. Cloud, um Lösungen schneller zur Verfügung zu stellen. Social Media, um diesen Dialog, den ich vorhin beschrieben habe, sicherzustellen. Big Data, um Trends zu erkennen – Trends beim Kunden, Trends im Hinblick auf die Produkte wie Absatz usw. Mobility, um 24 Stunden, sieben Tage die Woche am Kunden zu bleiben, also immer mit ihm zu kommunizieren. Und Security versteht sich von selbst. Die NSA hat uns gezeigt, wie gut es ist sichere Systeme zu haben, die nicht von Dritten einfach gehackt werden können. Und das gilt sicher auch für die IT, die Services und die Anwendungen.

Werden Kunden ihre Daten künftig freiwillig preisgeben?

Kunden werden ihre Daten ganz sicher den Unternehmen bereitstellen, denen sie auch vertrauen. Das heißt: Privacy und Service sind zwei Seiten derselben Medaille. Dessen müssen wir uns bewusst sein. Das bedeutet für die Unternehmen, sie müssen um die Erlaubnis der Kunden bitten, die Daten einsehen zu dürfen. Dann können sie den Kunden letztendlich persönlicher, besser, „personalisierter“ beraten. Ähnlich wie bei Tante Emma: Da gab es auch keine Fragen nach Privacy und Service. Und nur die Unternehmen, die über die Daten verfügen, die Kunden und ihre Präferenzen kennen – also dass was sie mögen, was sie nicht mögen, was sie wünschen – und den Kontext verstehen, werden bei den Kunden auch positive Erfahrungen hervorrufen können.

Was raten Sie Unternehmen, wie sie vorgehen sollten?

Unternehmen stehen heute vor großen Herausforderungen wie der Digitalisierung. Dazu ist es zwingend notwendig, dass Unternehmen eine klare digitale Vision entwickeln. Diese Vision ist eine Top-Management-Aufgabe. Digitale Durchstiche und messbare KPIs, also Key Performance Indicator – was will ich erreichen und wie will ich das Erreichte messen – sind zwingend und wichtig. Was soll erreicht werden? Wie kann man zeitnah Projekte aufsetzen und umsetzen? Und dabei gilt die Devise nach Mark Zuckerberg: „Better done than perfect“. Wichtig ist, es zu tun, zu lernen und am Ende nachhaltige Ergebnisse zu erzeugen. Das ist wesentlich. Zeit und Geschwindigkeit spielen hier eine ganz, ganz große Rolle.